Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen, mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der Sohn von dem ersten Last—als die Meyers noch drin waren, aber die sind nun lange raus—hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte, brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich alles erwogen—es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen—sind wir gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran, dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten, die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.—Was ist das nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte, als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen Rosemeyers, die in Zucker machen.—Zum zweiten bin ich so ausführlich, weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe, dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen.

Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich, ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal, eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an, gerade wie der Kutscher.

Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren—wegen des Kaffees—brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er’s im Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person, die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem Börsenpfeiler—dass ich stets so richtig urteile, meine ich.

Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an die hundert Menschen nötig waren. Doch—und das ist wohl ein Beweis dafür, wie beliebt sie waren—das thaten diese Leute ganz umsonst und rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte, als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er Mädchen entführt hat—gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck & Waterman—und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte, denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge ständen, und hätte also von M’nheer Shawlmann nichts zu lernen.

Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr, der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee, den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei, dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre, und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge—ich glaube im Jahre 1846—die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet« vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.

Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig, mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof, einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste, die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden, wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen, denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk Platz nehmen lassen—in dem Wagen von der roten Weste meine ich—und ich habe mich ins gelbe gesetzt—ins Fuhrwerk, meine ich.

Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und, als wenn’s wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine Frau fand es auch.


[1] Dem ersten Bande meines Multatuli-Unternehmens habe ich eine Beilage in Facsimile beigegeben, welche die dieser Stelle des „Havelaar“ entsprechenden, von dem Assistent-Residenten Eduard Douwes Dekker handschriftlich gestellten Fragen, sowie die Antworten seines Kontrolleurs Van Hemert in Nachbildung des Original-Aktenstückes enthält. W. Sp.

Neunzehntes Kapitel.