Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht übertroffen, es sei denn durch Multatuli selbst in seinen späteren Werken. Voll Verwunderung mag dieser oder jener prüfend an manchen Stellen verweilen, indem er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein Erstlingswerk, 1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem Autor kein Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart daneben wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe Fabel zusammengeballt und -geschweisst, dann Klänge, höher wie die aus dem Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit der Logik des Occidents gerüstet. Und das Geheimnis? Was liess den Mann so reden, dass man mit offenem Munde fragen mochte: »mein Gott, wer bist du?« Multatuli verriet die Hauptsache selbst, indem er einmal in einem Briefe sagte: »Stil ist keine Kunst oder ein Künstchen, er sprudelt allein aus dem Herzen heraus.« Dass man auch sonst nebenbei kein gewöhnlicher Mensch sein dürfe, setzte er wohl als selbstverständlich voraus für jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er war ein aussergewöhnlicher Mensch und er hatte Herz, und der Quell sprudelte auch lustig, obwohl er dieses Werk mit »Weh und Schmerz gebar«, es schrieb in Brüssel »im Winter des Jahres 1859, teils in einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und schmierigen Herbergstische, umringt von gutmütigen, aber ziemlich unästhetischen Biertrinkern«. Was er gerade derzeit gelitten, löste sich auf in den köstlichen Humor des Buches und in die Satire auf das Philistertum, das so schweres Geschütz wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch auch die Tragik seines Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch einmal mit: »es fielen Thränen auf die Handschrift«.

Die meisten im »Havelaar« handelnd eingeführten Personen tragen schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des Milieus, dem sie angehören. Ich habe absichtlich diese Namen in der ursprünglichen Form wiedergegeben, vor allem, weil sie auch für uns genug verräterischen Klang haben. Warum der gute Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss, d. i. ein Mensch mit langweiligem, salbungsvollem Gebabbel, und warum der engherzige, gefährlich dumm-schlaue Spiessbürger, der mit dem ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, dürren Stoppelfelde bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum belasse ich es bei diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus Multatulis Werken sind in der Sprache und in der Vorstellungswelt der Holländer zum Range von allgemein geltenden Typen avanciert. Namentlich ist der vorher erwähnte Droogstoppel Gemeingut des Volkes geworden, als der Typus einer Rasse, die leider nicht auf das Gebiet von Holland beschränkt scheint.

Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; für sie habe ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und nach Gefallen zu benutzende »[Erläuterungen zu Indiismen]« angefügt.

Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit den Höhen und Abgründen ihres Humors und ihrer Tragik, mit ihrer sanften und mit ihrer heissen Schönheit, mit ihrem tiefen Frieden und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorüberziehen. Doch vorher eines noch. Ich habe mich daran gewöhnt, in seiner Kunst mehr als ein Genussmittel zu sehen. So möge man verstehen, wenn ich mahnend betone, dass der Empörungsschrei dieser Seele uns, uns alle angeht.

Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901.

Wilhelm Spohr.


[1] Multatuli. Auswahl aus seinen Werken in Übersetzung aus dem Holländischen, eingeleitet durch eine Charakteristik seines Lebens, seiner Persönlichkeit und seines Schaffens. Von Wilhelm Spohr. Mit Bildnissen und handschriftlicher Beilage. Minden i. W., J. C. C. Bruns’ Verlag.

Erstes Kapitel.

Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach—ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37—einem Prinzipal—ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft—eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.