Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem Vater von Last & Co. gearbeitet hat—die Firma war damals Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus—das wäre dann doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine Arbeit mehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es auch sein. Ich kann ihm nicht helfen—denn wir haben junges Volk nötig, weil es bei uns sehr flott geht—aber könnte ich auch, wo bliebe sein Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen!
Ich habe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine Geschäfte gut gehen—und das thun sie—wenn meine Frau und meine Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.
Und dass ich doch tugendhaft bin, das zeigt sich an meiner Liebe für die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben, meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich dieses Buch schreibe.
Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt ihr zu danken, dass diese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick Abschied von euch nehme—ich muss auf die Börse—lade ich euch gleich auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!
Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab ich’s ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.
LAST & Co.
MAKLER IN KAFFEE.
Lauriergracht No. 37.