Wir sahen von der Bühne aus den Grafen und seinen Bruder: sie waren einander sehr ähnlich. Selbst als sie hinter die Kulissen kamen, konnte man sie schwer voneinander unterscheiden. Der unsrige war aber auf einmal ganz still und sanft geworden. So war er immer vor seinen grausamsten Wutausbrüchen.

Wir zittern alle und bekreuzigen uns:

»Herr, errette uns und sei uns gnädig! Wen wird diesmal sein Zorn treffen?«

Wir wußten noch nichts von der verzweifelten Tat Arkaschas; er selbst aber wußte natürlich, daß er keine Gnade zu erwarten hatte und erbleichte, als der Bruder des Grafen ihn anblickte und unserm Grafen etwas zuflüsterte: Ich hatte aber scharfe Ohren und hörte, was er ihm sagte:

»Bruder, ich rate dir, nimm dich vor ihm in acht, wenn er dich rasiert.«

Der Unsrige lächelte nur leise.

Ich glaube, daß auch Arkadij etwas gehört hatte, denn er war außer sich vor Aufregung: als er mich für die letzte Rolle der Herzogin herrichtete, legte er mir, — was ihm sonst nie passierte, — so viel Puder an, daß der Franzose, der Garderobier, sagte:

»Trop beaucoup, trop beaucoup!« Und er nahm mit einem Bürstchen den überschüssigen Puder von mir ab.

ZEHNTES KAPITEL

Als aber die Vorstellung zu Ende war, zog man mir das Kleid der Herzogin von Bourblanc aus und kleidete mich als Cäcilie ein: es war ein einfaches, weißes Gewand ohne Ärmel, das an den Achseln nur von den Schleifen gehalten wurde. Wir konnten diese Tracht nicht ausstehen. Und nun kommt auch schon Arkadij, um mir die Frisur der heiligen Cäcilie zu machen, wie sie auf den Bildern dargestellt wird, und mir einen dünnen Reifen als Heiligenschein im Haare zu befestigen. Und er sieht, daß vor der Türe meiner Kammer sechs Mann stehen. Diese sollten ihn, sobald er mit mir fertig ist und aus meiner Kammer wieder herauskommt, ergreifen und zum Foltern schleppen. Es gab bei uns im Hause Foltern, die schlimmer als jeder Tod waren. Es gab da Wippen, Spannböcke und die fürchterlichsten Instrumente. Wer das einmal durchgemacht, hatte vor gerichtlichen Strafen gar keinen Respekt mehr. Unter dem ganzen Hause gab es geheime Verliese, wo lebendige Menschen wie die Bären an Ketten saßen. Wenn man vorbeikam, hörte man zuweilen die Ketten klirren und die Menschen stöhnen. Die Eingekerkerten wollten wohl, daß die Obrigkeit etwas davon erfahre; die Obrigkeit wagte aber nicht, für sie einzutreten. Viele Leute saßen hier lebenslänglich. Einer von ihnen verfaßte, nachdem er viele Jahre gesessen hatte, den Vers: