Unwillkürlich erinnerte ich mich des blutigen Schweißes jenes großen Lehrers, welcher für die Sünden unserer Väter und für unsere eigenen sein Blut auf dem Kreuze vergoß und mein eigenes Blut flutete in vollem aufgeregtem Strome vom Herzen durch die sämtlichen Gefäße meines Körpers, es rief in meinen Ohren ein so heftiges Sausen und Brausen hervor, wie ich solches weder vor noch nach je empfunden habe.
Alle meine Gedanken, all’ mein Fühlen erlitt geradezu etwas ungewöhnliches, eigenartiges, noch nie dagewesenes, neben dem traurigen, schmerzlichen, drückenden gab es zu gleicher Zeit etwas angenehmes, liebliches.
Es schien mir, als wenn ich keinen gewöhnlichen Menschen, sondern ein blutiges historisches Symbol vor mir sehen würde.
Aufrichtig gestanden, ich war zu jener Zeit nicht ganz fremd einem gewissen Mystizismus, den ich auch jetzt nicht in Abrede stelle, da ich mir (die Herren Theologen um Verzeihung bittend) den Glauben ohne Mystizismus nicht vorstellen kann.
Unter dem Eindrucke des eben Erlebten und auch geradezu unter Einwirkung des sich stärker fühlbar machenden Mystizismus fing sich etwas eigenartiges, etwas geheimnisvolles, unbegreifliches in meinem Kopf und Herzen zu regen, etwas, was mit meiner gegenwärtigen Beschäftigung sich gar nicht in Einklang bringen ließ.
Die Geschichte, in welcher sich das Böse mit dem Guten, das Tragische der väterlichen Liebe und Sorge um seinen Sohn, sein liebes Kind und religiöse Fragen durch- und zwischeneinander mischten; die rohe Einrichtung in dem großen, halb dunklen, schlecht beleuchteten Saale, dessen Wände Meere von Tränen über für immer verloren gegangene Kinder gesehen haben; diese zwei Kerzen, welche das durch seelische Qualen, Angst und Sorge schmerzlich und krampfhaft verzerrte Gesicht des altbiblischen semitischen Individuums beleuchteten; dieser Ruf nach: „Jeschu! Jeschu Hanozri!“ — nach seinem Sohne — „oh! gibt ihn mir, meinen Sohn, zurück“ — „gebet ihn mir!“ — ...: alles dieses erschütterte tief meine Seele und entriß mich geradezu der Gegenwart und der Wirklichkeit!
Ich empfand ein ganz unbestimmtes, eigentümliches Gefühl, eigenartige Gedanken durchschwirrten meinen Kopf, in gleicher Weise, wie solche Bischof Theofan mit großer Meisterschaft in seinen Briefen über „das geistige Leben“ beschrieben hat.
Von jetzt ab hat das Herz Übergewicht gefunden über den Verstand.
Er tat es mir an, dieser verzweifelnde Vater, mit dem blutigen Schweiße und dem offenen Herzen — ein Mensch aus jenem Stamme, der auf sich nahm das Blut jenes großen Erlösers, dessen Namen „Jeschu!“ er in seiner Angst anrief und den er um Rettung aus dieser schweren Lage bat! ... wer kann es erklären, welche geheimnisvolle Kraft ihn dazu trieb den „Hanozri“ um Hilfe in der Not zu bitten?
Meine überspannten Nerven arbeiteten so, daß es mir schien, in diesen dem Staate gehörenden Räumen gehe etwas vor, was gegen den Staat gerichtet ist.