Jetzt plötzlich rieselt es eiskalt durch ihre Adern, zitternde Todesangst kriecht ihr an das Herz, und die bleichen Lippen möchten aufschreien in bitterer Not um den Geliebten.

Wie ein Gespenst taucht plötzlich das Bildnis Wulffhardts vor ihr auf ... das entsetzliche Wort »ertrunken!« starrt sie mit grellen Buchstaben aus der schwarzwogenden See an — »ertrunken! — ertrunken ...!« —

Sie hebt in qualvollem Entsetzen die Hände, sie bricht nieder auf die Knie ... der Sturm weht über sie dahin und reißt das Spitzentuch von ihrem lockigen Haar.

Scharf und schneidend peitscht er den feinen Sand gegen ihr Antlitz und trinkt gierig die Tränen, welche haltlos über ihre Wangen tauen.

Wie aus dem geöffneten Rachen eines Ungeheuers brüllte die See, — die ehemals bespöttelte, so verächtlich belächelte See, und Gabriele fühlt, wie das Grauen sie schüttelt angesichts dieser zürnenden, furchtbar Gewaltigen! —

Ertrunken! —

Herr des Himmels, erbarme dich! —

Die Worte des Predigers klingen ihr plötzlich im Herzen, hell und zuversichtlich, wie ein jauchzendes Hosianna, welches alle Totenglocken übertönt! — »Das Gebet seines treuen Weibes ist des Seemanns sicherster Anker, ist der Mast, welcher nicht brechen kann, ist das Segel, welches in Sturm und Wetter nicht verloren geht! Das Gebet der gläubigen Liebe ist die Engelsschwinge, welche sein Schifflein durch Sturm und hohe Flut sicher in den Heimatshafen zurückführt.«

Das Gebet der gläubigen Liebe! —

Gabriele ist nicht das Weib des Schirmvogts von Hohen-Esp, sie hat nicht das Recht wie Mike, die junge, bräutliche Frau, den Geliebten mit Engelsschwingen sorgender Fürbitte zu umgeben, — aber Liebe! gläubige Liebe! Ja, die flammt ihr heiß und todgetreu im Herzen, eine Liebe, welche die Angst und Qual dieser finsteren Nachtstunde geboren! —