Die Menschen hören indessen nicht auf, den Verstand ohne alle Beziehung auf die Eigenschaften des Gemüths, die ihm zur Unterlage dienen müssen, wenn er wahren Werth haben soll, ausschließlich zu bewundern. Der scheinbare Erfolg seiner Kunststücke im Einzelnen verleitet sie nicht allein zu dem Vorurtheile, daß es in der Welt nur auf Verstand ankomme; sie verkennen auch seine Natur. Das sichere treffende Urtheil, welches in verwickelten Verhältnissen das Geringfügige übersieht und den Punkt festhält, auf den Alles ankommt, ist ihnen zu einfach. Ein Gewebe von klei[pg 160]nen Künsteleien, von Auswegen des Augenblicks, die immer tiefer in die Verwicklung führen, von verschmitzten Ränken, gefällt ihnen besser. Doppelzüngigkeit, Falschheit und List, über deren zweckmäßigen Gebrauch Macchiavelli selbst Lehren gibt, die wol einiges Bedenken erregen könnten, ob man sich auch zutrauen dürfe, sie so anzuwenden; diese Untugenden gelten am Ende für Beweise von Verstand und Talent, oder sollen den Mangel daran ersetzen. Wer gar keine Lust hat, die Maske des Löwen vorzunehmen, die ihn auch schlecht kleiden würde, glaubt genug gelernt zu haben, wenn er zu lügen, zu betrügen, sein Wort zu brechen weiß. So ist es zu gewissen Zeiten in der Geschichte dahin gekommen, daß man überall, wo sich Jemand in vollendeter Nichtswürdigkeit nur recht schamlos beweist, den Geist von Macchiavelli’s Fürsten zu erkennen geglaubt hat. Zu diesem aber gehört die Tapferkeit des entschlossenen Gemüths eben sowol, als die Gewandtheit des listigen. Nur in dieser Beziehung verträgt die Welt die Unredlichkeit. Der Abscheu, den diese einflößt, nimmt dabei den Charakter einer grauenvollen Bewunderung an; geht aber in Verachtung über, sobald diese nachläßt: „Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas!“
19.
Interessant ist der Rath Macchiavelli’s an den neuen Fürsten, sich nicht an den Weibern seiner Unterthanen zu vergreifen.
Einem gebornen Prinzen wird es ja nicht schwer, solche Neigungen zu befriedigen. Die Weiber kommen ihm natürlich stets entgegen. Er ist immer allein schön, klug, liebenswürdig. Er hat also wenig Versuchung, die Schranken zu übertreten, die ihm der Anstand vorschreibt, und in der fürstlichen Erziehung wird auf die Erhaltung des Anstandes so viel Werth gelegt, daß er ihn wol einmal verletzen, aber sich schwerlich ganz darüber wegsetzen wird. Anders der Privatmann, der zur Unabhängigkeit von den Gesetzen, die Andre binden, gelangt ist und keine Scheu vor dem öffentlichen Urtheile hat, er ergibt sich den Ausschweifungen der Wollust nicht allein aus Sinnlichkeit oder Eitelkeit, [pg 161]sondern oft aus bloßem Uebermuthe. Manche neue Fürsten haben einen Genuß darin gesucht, ihre Unterthanen auf diese Art zu beschimpfen, und die hierdurch gereizte Rache hat mehr Fürsten das Leben gekostet, als der Patriotismus von Republikanern.
Der neue Fürst selbst beschäftigt sich größtentheils mit herrschsüchtigen Plänen und wird durch die Rücksicht auf diese einigermaßen zurückgehalten. Aber Söhne und Brüder, die ihre Erhebung nicht eignen Bemühungen verdanken, verlieren alle Besinnung im Rausche der neuen Größe. Unzählige Beispiele finden sich in der Geschichte der römischen Imperatoren und des neuen Italiens. Eines lag dem Macchiavelli vermuthlich zunächst vor Augen.
Der alte Pandolfo Petrucci von Siena ließ morden, zwang reiche Erbinnen, seine Anhänger zu heirathen, und verfuhr überhaupt gewaltthätig mit den Bürgern, wo es in seinen Plan gehörte. Dabei behauptete er sich bis an das Ende seiner Tage. Aber sein Sohn, Borghese Petrucci, der die Früchte der väterlichen Bemühungen von früher Jugend an einerntete, wußte nicht was Alles beginnen, um sie zu genießen. Er beraubte Diesen und Jenen, verführte und mißbrauchte mit Gewalt Weiber und Töchter. Dafür ward er verjagt. Nicht besser machte es in Florenz selbst Alessandro von Medici, der nach Macchiavelli’s Tode nicht durch eigne Talente und Bemühungen, sondern durch Protection Herzog geworden war: auch er ward deshalb ermordet. Die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts enthält noch mehrere Beweise, bis zu welchem Unsinne der Uebermuth der Emporkömmlinge die unnatürlichsten Ausschweifungen der Wollust treiben kann. Was zum Beispiel ein Pietro Luigi Farnese, Sohn des Papstes Paul des Dritten, mit dem Erzbischofe von Bologna vorgenommen, als dieser ihn bei einem feierlichen Einzuge bewillkommte, grenzt beinahe an das Unglaubliche ....
22.
Es ist bereits einige Male Pandolfo Petrucci erwähnt, der sich zum Oberhaupte des Staats von Siena aufgeworfen hatte, ohne jedoch den Namen eines Herrn zu führen. [pg 162]Er verdankte den ruhigen Besitz seiner hohen Stelle vorzüglich dem Antonio Giordani von Venafro, der die Aemter eines Richters und öffentlichen Lehrers zu Siena bekleidet hatte, und dem Pandolfo als Staatssecretair und in Gesandtschaften diente. Den Ratschlägen dieses Mannes werden die feine Politik und das feste Benehmen, seiner grausamen Gemüthsart aber auch die Mordthaten zugeschrieben, wodurch sein Gönner sich emporschwang und erhielt. Von der Sinnesart des Giordani und zugleich vom Geiste der damaligen Zeit kann die Antwort als Probe dienen, die er als Gesandter dem Papst Alexander dem Sechsten gab. Dieser fragte ihn, wie er es anfange, die Sieneser zu regieren? – „Mit Lügen, heiligster Vater.“ –