Diese Untersuchung, deren Hauptmomente in den Bemerkungen über das Buch angegeben sind, ist um so viel interessanter, da es nicht nothwendig ist, eine gänzliche Unempfindlichkeit gegen das Wohl andrer Menschen, und einen selbstsüchtigen Ehrgeiz bei dem Schüler Macchiavelli’s vorauszusetzen. Ein Kopf, der von schwärmerischen Plänen zur Verbesserung des Menschengeschlechts und seiner Verhältnisse im Großen eingenommen ist, kann sich auch wol verleiten lassen, alle einzelnen Menschen als Werkzeuge seiner gutgemeinten großen Absichten anzusehen und alle Verpflichtungen, die sich auf die gewöhnlichen Vorschriften der Sittlichkeit gründen, einem erdichteten höhern moralischen Zwecke aufzuopfern.

So ist der Geist der Politik, die Macchiavelli lehrt, auch in philosophischer Gestalt und mit einer moralischen Larve, in dem Grundsatze, daß der Zweck die Mittel heilige, zum Vorschein gekommen. So sehr aber dieser Lehrsatz auch von den Leidenschaften begünstigt wird, die sich vortrefflich darauf verstehen, ihre Wünsche dem angeblichen höhern Zwecke unterzuschieben, so ist doch die gewöhnliche Moral [pg 170]zu tief in den Empfindungen gegründet, als daß man häufig Menschen finden sollte, die sich in einem ganz consequenten Betragen darüber weggesetzt hätten.

Dieses geheime Gefühl der moralischen Bande wird oft unterdrückt, erwacht aber immer wieder. Daher kommt es denn, daß die Menschen in ihrem Benehmen (so lautet eine der berühmtesten und treffendsten Bemerkungen Macchiavelli’s in seinen „Discursen“ 1, 27) nie ganz gut oder ganz böse sind, und eben deswegen in so vielen großen Unternehmungen verunglücken.

Sie möchten wohl: aber da sie doch nicht dürfen, so wollen sie auch nicht recht. Sie fangen an, in Hoffnung, der Zufall werde das Uebrige thun. Verweigert dieser seinen Beistand, so bedenken sie sich, Schritte zu thun, von denen sie doch voraussehen konnten, daß sie unvermeidlich sein würden. Einige Treulosigkeit, einige Verrätherei, einige Verletzung der allgemeinen Gesetze der Sittlichkeit hält Jeder im Gedränge der Umstände für erlaubt, und verzeiht man einander allenfalls. Wenn es aber dadurch so weit gekommen ist, daß ein letzter dreister Streich zum Ziele führen würde, so versagt das Herz. Wären die Menschen etwas besser, so blieben sie von Unternehmungen zurück, die sie in solche Verwicklungen führen; wären sie etwas schlechter, so verfolgten sie ihre Zwecke ohne Bedenklichkeit bis ans Ende, opferten alles Andre auf und verlören vielleicht Manches, erhielten aber doch das Eine, worauf es abgesehen war. Sie erhielten es vielleicht in einzelnen Fällen. Aber wohin führt ein ganz consequentes unsittliches Betragen? Lassen sich dadurch Zwecke erreichen, die eines wirklich großen Geistes würdig wären? Macchiavelli selbst gesteht ein, daß es dazu nicht hinreicht, indem er von seinem Idealfürsten verlangt, er solle trotz seiner innern Gleichgiltigkeit gegen die Moralität den Anschein und den Ruf aller Tugenden erwerben, die er ihn im Herzen zu verachten befiehlt. Was aber davon zu halten ist, das haben wir vorher gesehen.

Ende.


Anmerkungen

[1.] Man vergleiche zu dem Folgenden Macaulay’s geistvolle Abhandlung „Macchiavelli“ in Möllenhoffs gewandter Uebersetzung (Univ.-Bibl. Nr. 1183). [2.] Wir besitzen darüber hinreichend befriedigende Quellen. Macchiavelli’s florentinische Geschichte schließt zwar schon mit 1492, aber seine übrigen Werke enthalten auch einzelne Züge zur Beurtheilung der folgenden Begebenheiten. Neben Guicciardini’s italienischer Geschichte haben wir eine Menge florentinischer Geschichtsbücher. Außer dem fleißigen Benedetto Varchi, der eine vollständige und ausführliche Erzählung aller Begebenheiten, an denen er Anfangs selbst Antheil genommen, aus den besten Quellen, welche ihm von allen Seiten eröffnet wurden, zusammengetragen hat, und der Geschichte des ehrlichen Nardi, die vorzüglich wegen der Nachrichten von dem schwärmerischen Demagogen Savonarola merkwürdig ist, sind noch ein paar Werke vorhanden, in deren Verfassern man den Geist wahrer Staatsmänner nicht verkennen kann. Bernardo Segni, ein Schwestersohn des Niccolo Capponi, welcher während der Jahre 1527 und 1528, bei dem letzten Versuche, die Republik herzustellen, Haupt des Staats und Anführer derer war, die eine auf Gerechtigkeit und Billigkeit gegründete Verfassung einzuführen wünschten, und Filippo de Nerli, ein verständiger Freund republikanischer Freiheit, und genauer Bekannter der Männer welche früher im Jahre 1522 einen vergeblichen Versuch machten, eine Republik herzustellen, und deren vornehmster Rathgeber Macchiavelli war. Nerli schloß sich nachmals im Gedränge des demokratischen Fanatismus an die Medici an, die allein Schutz gegen die Wuth des erhitzten Pöbels geben konnten, und ward zuletzt unter den Herzögen Senator. Sein Werk enthält die besten Anzeigen und treffendsten Beurteilungen der so oft veränderten Verfassung. Die Erzählung geht bis 1555. [3.] Memorie Storico-Critiche della Città di Siena, che servono alla vita civile di Pandolfo Petrucci dal 1480 al 1512. da Gio. Ant. Pecci, Patrizio Sienese. Siena 1755. [4.] Diese wenigen Nachrichten finden sich in der Geschichte Filippo de’ Nerli’s, welcher alle genannten Personen und besonders den Macchiavelli genau gekannt hatte, und der Partei selbst wohlwollte. [5.] Varchi, Geschichte von Florenz. Sie war also bekannt. Schon dieser Umstand spricht gegen die Vermuthung, daß das Buch nur ein geheimer Rathgeber des Fürsten habe sein sollen, dem es zugeeignet ist. Außerdem aber ist der Ton des Buchs vom Fürsten mit dieser Ansicht nicht zu vereinigen. Zu einem solchen Zwecke hätte der Verfasser doch bestimmte Anwendungen auf die Verhältnisse des Augenblicks machen, und Maßregeln gegen die Mitwerber um die Herrschaft von Italien und gegen einzelne Staaten angeben müssen: und dazu wäre Macchiavelli sehr geschickt gewesen, wie seine Berichte an die florentinische Regierung während seiner häufigen Gesandtschaften beweisen Aber das Buch vom Fürsten hat ganz den Charakter eines literarischen Kunstwerks. Als ein solches übertrifft es nicht allein Alles, was damit verglichen werden könnte, sondern auch die übrigen Schriften des Verfassers selbst. Und ein solches Meisterstück sollte er nicht für die Welt bestimmt haben?! – – – – [6.] Fünfzig solcher Männer machte er zu Staatsräthen mit hohem Range und hoher Besoldung, wofür sie sich um Nichts bekümmern durften – angenehme Sinecuren, wie sie ähnlich noch heute im gelobten Preußen einige evangelische Domherren haben, die für einen Jahresgehalt von ca. 36,000 Mark einmal jährlich eine Quittung unterschreiben und ein opulentes Frühstück verzehren müssen! – [7.] Gaultier de Brienne, der als Erbe eines Kreuzfahrers den Titel Herzog von Athen führte. [8.] Die erste Veranlassung zu der berühmten Verschwörung der Pazzi gegen die Medici lag in der Heirath eines Pazzi mit einer reichen Erbin, welcher man ihr Erbrecht unter dem Vorwande zweifelhafter Gesetze, in der That aber dem Lorenzo von Medici zu Gefallen entzog, um die Familie seines Gegners zu entkräften. [9.] Man behauptet zwar, das Buch sei 1515 gedruckt, also nicht allein bei Lebzeiten des Verfassers, sondern sogar auch des Lorenzo, dem es dedicirt ist. Allein der Herausgeber einer vollständigen Sammlung aller Werke des Macchiavelli (Florenz, 1782, in 6 Quartbänden), behauptet, Niemand habe den angeblichen Druck gesehen; der erste sei vom Jahre 1532, wo Giunti es mit Privileg des Papstes edirte. [10.] Ueber die Widmung vgl. Möllenhoff, Macaulay’s kritische Aufsätze, Bd. 2, Macchiavelli, (Univ.-Bibl. No. 1183) S. 49. [11.] Man denkt jetzt (1879) an Lothringen oder Bosnien! [12.] Erinnerung an Ovids (Remed. Am. 91) Vers: Principiis obsta, sero medicina paratur. [13.] Della Rovere, der den Namen Julius der Zweite geführt hat. [14.] Wer in einer ausführlichen Erzählung der Thaten dieses Menschen ein Beispiel aus der alten Geschichte lesen will, wie weit kriegerische Eigenschaften in Verbindung mit gänzlicher Immoralität es darin bringen können, große Dinge auszuführen, die nichts bleibendes Gutes erzeugen der lese Diodor, Buch 19 und 20. [15.] Ein großer Liebling des florentinischen Pöbels, den im Jahre 1381 die Obrigkeit wegen einer Gewaltthätigkeit, die er beging, um ihr einen verhafteten unruhigen Kopf zu entreißen (eine Unternehmung, an der der Pöbel Wohlgefallen zu finden pflegt), hinrichten ließ, ohne daß der Aufstand, auf den er hoffte, erfolgt wäre. Ja, es fand im Gegentheil auch diese Hinrichtung Beifall. [16.] Ein Krieger von englischer Abkunft, der am Ende des vierzehnten Jahrhunderts das Handwerk trieb, wodurch so viele in der Folge als Condottieri berühmt wurden. [17.] Die italienischen Worte misero und avaro sind von den deutschen, durch welche sie übersetzt werden können, in der feinern Bestimmung des Sinnes etwas verschieden. Uebrigens ist filzig von geizig zu unterscheiden: geizig ist, wer noch daneben zu erwerben trachtet; filzig, wer sich enthält zu benutzen, was er besitzt. [18.] Das ist nun freilich eine überaus kühne Interpretation der griechischen Sage! [19.] Ferdinand von Arragonien scheint gemeint zu sein. [20.] Er besann sich, ob er den Antrag annehmen solle. Da ihm zugeredet ward, wenn er ein ächter Bentivoglio sei, so würde er den Antrag nicht ablehnen, und das Volk von Bologna ihn auch nicht verlassen, wagte er den Schritt: und nun kam es auch so. Er bewies sich des Blutes würdig, das man in ihm voraussetzte, und machte sein Recht dadurch geltend. So viel vermag die Geburt, wenn sie nicht allein Alles thun soll. [21.] Catharina, Tochter des Francesco Sforza und Schwester des Ludwig. Ihr Gemahl war Hieronymus Riario, Neffe Papst Sixtus des Vierten. [22.] Eine weitere Ausführung der in diesem Kapitel enthaltenen Gedanken findet man in den Discorsi über den Livius im 2. Buche, 24. Kapitel. [23.] Vorzüglich wahre Sentenz! [24.] Nardi erzählt im 6. Buche seiner Geschichte von Florenz, daß die Astrologen dem Papste Leo X. in den ersten Monaten seiner Regierung vorhergesagt haben, sein Bruder Giuliano (der als Herzog von Nemours starb) werde König von Neapel, und sein Neffe Lorenzo Herzog von Mailand werden. [25.] Das erzählt Davila, der durch seinen Bruder, einen Kammerherrn der Catharina, mit Heinrich dem Dritten und seinem Hofe genau bekannt war. Davila, selbst ein Italiener, spricht von der Catharina und ihren Söhnen mit der sympathetischen Empfindung des Landmanns. Daher ist seine Geschichte dieses mehr italienischen als französischen Hofes so natürlich, so lebendig, so anziehend. Er fühlte ganz anders, wie die florentinischen Gemüther gesinnt waren, als französische Schriftsteller. In den Erzählungen solcher Geschichtschreiber sieht man die Menschen selbst vor sich; in den Bemerkungen andrer über die ihnen fremden Gestalten entgeht das Eigenthümlichste und Feinste. Ueber ächt französische Charaktere muß man hingegen französische Schriftsteller lesen: über Heinrich den Vierten den Voltaire. Den Helden der Galanterie und des Point d’honneur stellt dieser mit eben so vielem Talente dar, als Davila die Catharina, die er wegen ihres verschmitzten Herrschertalents vergöttert.