Und seit diesen Tagen wurde sein ganzes Wesen gleichsam voller, als hätte er geheiratet, als stünde ihm jetzt ein Wesen zur Seite, als wäre er nicht mehr allein und hätte sich eine köstliche Lebensgefährtin endlich entschlossen, den Weg des Lebens mit ihm zu wandeln, und ich sage, diese köstliche Lebensgefährtin war eben der Mantel, innen wattiert und mit starkem Futter versehen. Akaki Akakiewitsch wurde in der Tat lebhafter und fester gleich einem Menschen, der ein Ziel hat. Aus seinem Gesichte und aus seinen Schritten waren von selbst aller Zweifel, jegliche Unentschlossenheit, alle die schwankenden und unbestimmten Züge verschwunden. In sein Auge kam zuweilen Feuer und in seinem Hirne blitzten dann kühne, ja freche Gedanken auf: könnte der Kragen am Ende nicht doch aus Marder sein? Ich sage, Akaki Akakiewitsch wurde durch solche und ähnliche Gedanken zerstreut, und einmal hätte er beim Abschreiben beinahe einen Fehler gemacht, so daß er laut aufschrie und sich bekreuzte. Jeden Monat mindestens einmal klopfte er bei Petrowitsch an, um über den Mantel zu schwatzen: wo würde man wohl am besten das Tuch kaufen, und welche Farbe sollte es eigentlich haben und wie teuer wird es sein? Und jedesmal kam er, wenn auch nicht ganz ohne Kummer, so doch zufrieden nach Hause bei dem Gedanken, daß nun endlich die Zeit da sein werde, da man alles Notwendige kaufen und der Mantel fertig sein würde. Und die Zeit kam schneller als er geglaubt hatte, denn wider alles Erwarten hatte der Direktor ihm nicht nur vierzig, sondern ganze fünfzig Rubel bewilligt. Ob dieser es nun geahnt hat, daß Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel brauchte, oder ob das so von selber gekommen ist, Akaki Akakiewitsch hatte auf einmal zwanzig Rubel mehr. Und dieser Umstand beschleunigte die Sache. Noch zwei, drei Monate hungern, und Akaki Akakiewitsch hatte die achtzig Rubel beisammen. Sein sonst so ruhiges Herz begann laut zu schlagen, da er sich mit Petrowitsch zusammen nach dem Laden aufmachte. Sie kauften sehr gutes Tuch, nicht zu teuer, war dieses doch durch ein halbes Jahr hindurch der alleinige Gegenstand ihres Denkens gewesen und hatten sie doch selten einen Monat verstreichen lassen, ohne im Laden um den Preis zu handeln; dafür meinte aber auch Petrowitsch jetzt, daß es bestimmt kein besseres Tuch gebe. Als Futter wählten sie Coulaincour, guten, festen, der nach der Aussage des Petrowitsch besser wäre als Seide und auch so aussehe und glänze. Marder kauften sie nicht, das war zu teuer, dafür wählten sie aber ein Katzenfell, das beste, das sie im Laden fanden und das man im übrigen von weitem ganz gut für Marder halten konnte. Petrowitsch brauchte im ganzen vier Wochen für den Mantel, denn es gab viel zu steppen, sonst würde er wohl früher damit fertig geworden sein. Für die Arbeit nahm er zwanzig Rubel, billiger ging es schon nicht. Alles war auf Seide genäht, und bei jeder Naht half Petrowitsch noch mit den Zähnen nach.

Es war nun – ich kann nicht genau sagen, an welchem Tage – es war jedenfalls am glorreichsten Tage in des Akaki Akakiewitsch Leben, daß Petrowitsch den Mantel endlich brachte. Am Morgen, genau um die Stunde, da der Titularrat ins Bureau mußte. Auch wäre zu keiner anderen Jahreszeit der Mantel so gelegen gekommen, denn die starken Fröste hatten schon eingesetzt und drohten allem Anschein nach noch heftiger zu werden. Petrowitsch erschien mit dem Mantel ganz so, wie sich das für einen guten Schneider gehört. In seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Akaki Akakiewitsch an ihm noch nicht wahrgenommen hatte. Es schien, als fühlte er durchaus, daß er keine geringe Sache hier zur Vollendung gebracht hätte und daß er erst jetzt den Abgrund gewahr geworden wäre, der einen Flickschneider von jenem entschieden trenne, der neue Anzüge machte. Petrowitsch nahm den Mantel aus dem Tuch heraus, in das er ihn gewickelt hatte. (Das Tuch war frisch aus der Wäsche gekommen, und er legte es auch gleich wieder zusammen und steckte es ein zum sofortigen Gebrauch.) Er blickte ihn stolz an und warf ihn mit beiden Händen sehr leicht Akaki Akakiewitsch um die Schultern; dann zog er ihn ein wenig nach unten mit der Hand; dann mußte ihn Akaki Akakiewitsch aufgeknöpft lassen und der Mantel Falten werfen. Doch Akaki Akakiewitsch wollte als ein Mann von Erfahrung auch die Ärmel probieren; Petrowitsch half ihm – auch die Ärmel paßten. Kurz der Mantel war vollkommen. Petrowitsch unterließ auch nicht die Bemerkung, daß er ihn deshalb nur so billig gemacht hätte, weil er weit vom Zentrum entfernt lebe und Akaki Akakiewitsch schon seit langem kenne; auf dem Newsky Prospekt hätte ihm ein Schneider für die Arbeit allein fünfundsiebzig Rubel genommen. Akaki Akakiewitsch wollte mit Petrowitsch darüber jetzt nicht rechten, fürchtete er doch überhaupt all die Riesensummen, mit denen der Schneider Staub zu machen liebte. Er zahlte ihn aus, dankte ihm noch und ging alsogleich mit dem neuen Mantel ins Bureau. Petrowitsch ging ihm nach und sah sich auf diese Weise seinen Mantel aus der Ferne an, er bog auch in eine Seitengasse ein und kam auf derselben Straße Akakiewitsch entgegen, so daß er den Mantel jetzt auch von vorne sehen konnte. Inzwischen aber schritt Akaki Akakiewitsch in wahrhaft feiertäglicher Laune weiter. Er fühlte es in jedem Augenblicke, daß er jetzt den neuen Mantel anhätte, und zuweilen lächelte er vor innerem Glücke. In der Tat brachte ihm der Mantel auch jeden Vorteil, das heißt: er war sowohl warm als auch gut überhaupt. Auf den Weg achtete der Titularrat nicht, und schon war er im Ministerium. Im Vorzimmer nahm er den Mantel ab, betrachtete ihn von allen Seiten und übergab ihn dem Portier zu besonderer Aufsicht. Ich weiß nicht, auf welche Weise die Kollegen im Amte erfahren hatten, daß Akaki Akakiewitsch einen neuen Mantel hätte und daß die alte Kapuze nicht mehr existierte: alle stürmten im selben Augenblicke ins Vorzimmer hinaus, um den Mantel zu sehen. Dort beglückwünschten und begrüßten sie feierlichst Akaki Akakiewitsch, so daß er anfangs wohl lachte, zuletzt aber ganz verlegen wurde. Als nun aber alle in ihn drangen, der neue Mantel müßte eingeweiht werden und er ihnen allen eine Gesellschaft geben, wußte Akaki Akakiewitsch schon gar nicht mehr wohin und was er antworten und wie er sich ausreden sollte, bis er ganz rot im Gesicht ihnen in seiner Einfalt versicherte, daß es doch kein neuer Mantel wäre, sondern ein alter. Doch da rief einer aus der Schar, ein Gehilfe des Chefs, wohl um zu zeigen, daß er nicht hochmütig sei und den Verkehr mit niederen Beamten nicht meide: »So ist es. Ich will an seiner Stelle die Gesellschaft geben und bitte euch alle für heute abend zu mir; im übrigen trifft es sich, daß heute mein Namenstag ist.« Die Beamten gratulierten jetzt dem Gehilfen und nahmen mit Freude die Einladung an. Nur Akaki Akakiewitsch bat um Entschuldigung, er könne nicht kommen; doch da redeten sie alle auf ihn ein, daß das ungezogen sei, ja einfach eine Schande, und so konnte er nicht nein sagen. Ja die Einladung war ihm sogar sehr lieb, da ihm jetzt einfiel, daß er auf diese Weise auch abends den neuen Mantel werde anziehen können.

Der ganze Tag war nun für Akaki Akakiewitsch ein Fest und ein Triumph. Er ging in der allerglücklichsten Gemütsverfassung nach Hause, nahm dort den Mantel ab und hing ihn mit der größten Vorsicht an die Wand. Immer wieder liebäugelte er mit dem Stoff und dem Futter und nahm auch zum Vergleich die alte Kapuze heraus. Er mußte lachen, so groß erschien ihm der Unterschied zwischen beiden. Und noch lange nach dem Essen mußte er lachen, sooft ihm die überaus traurige Verfassung seiner alten Kapuze einfiel. Sein Mahl verzehrte er mit aller Heiterkeit, und diesmal schrieb er nach dem Essen nicht ab, vielmehr faulenzte er am Bett, bis es dunkel wurde. Doch dann schob er es nicht mehr hinaus, zog den neuen Mantel an und ging auf die Straße.

Wo der Beamte lebte, der die Gesellschaft gab, das weiß ich leider nicht genau zu sagen; mein Gedächtnis läßt mich jetzt oft im Stich, und Petersburgs Häuser und Straßen gehen alle in meinem Kopfe so durcheinander, daß ich mich oft schwer darin zurechtfinde. Nur so viel weiß ich zu sagen, daß er im besten Viertel wohnte, also nicht sehr nahe von Akaki Akakiewitsch. Zuerst mußte dieser wohl noch durch öde Gassen mit spärlicher Beleuchtung schreiten, doch in dem Maße, als er sich der Wohnung des Gehilfen näherte, wurden die Straßen lebhafter, bewohnter und besser beleuchtet. Blitzschnell eilten Fußgänger an ihm vorbei, er sah schön gekleidete Frauen, die Herren trugen Biberkragen, das Auge begegnete hier nur ganz selten den hölzernen Bauernschlitten mit dem durchlöcherten Boden, hingegen flogen elegante Kutscher mit himbeerfarbenen Sammetmützen, lackierten Schlitten mit Bärendecken durch die Straßen, und die Kufen und Räder knirschten am Schnee. Für Akaki Akakiewitsch war das alles neu; schon seit vielen Jahren war er abends nicht auf der Straße gewesen. Neugierig blieb er vor einem hellerleuchteten Laden stehen und sah darin ein Bild, eine hübsche Frau darstellend, die sich den Schuh auszieht und so ihr Bein sehen läßt; hinter ihr steckt ein Herr mit Backenbart und Fliege unter der Lippe den Kopf zur Tür hinein. Akaki Akakiewitsch schüttelte den Kopf und lächelte und ging weiter. Und warum lächelte er? Weil er hier einer ihm ganz und gar fremden Welt zum ersten Male begegnete, für die auch ihm das Gefühl nicht ganz fehlen konnte. Oder dachte er so wie alle anderen Beamten: »Diese Franzosen! Die verstehen das!?« Vielleicht dachte er auch das nicht. Ach, wir vermögen ja dem Menschen nicht in die Seele zu blicken und zu wissen, was er denkt.

Endlich erreichte er das Haus. Der Gehilfe lebte auf großem Fuße, die Treppe war erleuchtet, die Wohnung im zweiten Stock. Im Vorzimmer sah Akaki Akakiewitsch eine ganze lange Reihe Galoschen. Mitten unter ihnen dampfte ein Samowar. An den Wänden hingen die Mäntel, einige darunter mit Biberkragen oder Sammetaufschlägen. Hinter der Wand hörte man Lärm und Worte, die plötzlich klar und deutlich wurden, da sich die Tür öffnete und ein Diener heraustrat mit leeren Teegläsern, Sahne und einem Korb mit Zwieback auf der Tablette. Die Gäste waren also schon einige Zeit beisammen und hatten das erste Glas Tee schon getrunken. Akaki Akakiewitsch ging, nachdem er seinen Mantel eigenhändig an die Wand gehängt hatte, ins Zimmer, und vor seinen Augen glänzten im Nu die Kerzen, die Beamtenuniformen, die Pfeifen und Kartentische, und seine Ohren waren betäubt vom Lärm des Gespräches und des Stuhlrückens. Voller Scheu blieb er in der Mitte des Zimmers stehen und versuchte zu überlegen, was er denn weiter jetzt tun sollte. Doch kaum hatten ihn seine Kollegen bemerkt, als sie ihn mit großem Geschrei umringten und gleich auch hinaus ins Vorzimmer stürzten, um den Mantel noch einmal zu besichtigen. Akaki Akakiewitsch war nicht wenig verlegen, doch konnte er in seiner Einfalt nicht anders als sich freuen, da er sah, daß alle diesen Mantel priesen. Es versteht sich von selber, daß sie seinen Mantel sowie auch ihn sogleich stehen ließen und sich an die Whisttische setzten. Alles, der Lärm, das Reden, die Menge Leute, war für den Titularrat wie ein Traum, und er wußte nicht, wie ihm sei und wohin er mit den Händen und Füßen und überhaupt mit dem ganzen Körper sollte. Endlich setzte er sich an einen Whisttisch, sah bald in die Karten, bald von den Spielern dem oder jenem ins Gesicht, begann zu gähnen und fühlte, daß er sich langweile, um so mehr, als schon lange die Zeit gekommen war, da er zu Bett zu gehen pflegte. So wollte er sich verabschieden, doch das ließen sie nicht zu, er sollte noch mit ihnen ein Glas Champagner zu Ehren des neuen Mantels trinken. Nach einer Stunde wurde auch das Abendessen serviert: Suppe, kalter Kalbsbraten, Pastete, Kuchen und Champagner. Akaki Akakiewitsch mußte zwei Gläser Champagner mittrinken. Wenn er auch nach diesen fühlte, daß im Zimmer die Heiterkeit zunehme, so konnte er dennoch nicht vergessen, daß es schon zwölf Uhr und längst Zeit für ihn sei, nach Hause zu gehen. Damit sie sich aber nicht wieder etwas ausdachten, um ihn zurückzuhalten, ging er ganz leise und unbemerkt aus dem Zimmer und suchte nach seinem Mantel. Nicht ohne Mitgefühl sah er diesen am Boden liegen, und so schüttelte er ihn erst durch, nahm jedes Federchen weg, zog ihn an und ging hinaus und die Treppe hinunter auf die Straße. Einige kleine Branntweinläden, diese unvermeidlichen nächtlichen Sammelpunkte für die Türsteher und ähnliche Leute, waren noch offen, andere, die geschlossen waren, ließen dünne Lichtstrahlen durch alle Türritzen und bewiesen damit, daß sie noch nicht leer wären und Bediente hier ihren Klatsch fortsetzten und über die Herrschaft zu Gericht säßen. Akaki Akakiewitsch ging in heiterer Seelenstimmung, plötzlich war er sogar ganz von selber hinter einem Dämchen her, die wie ein Blitz an ihm vorbeigeschossen war und deren Körper ihm so merkwürdig beweglich vorkam. Doch blieb er bald zurück und ging wieder langsam weiter und war selber ganz erstaunt, wie er so plötzlich in den Trab gekommen wäre. Bald zogen sich vor ihm jene langen, öden Straßen hin, die schon bei Tage uns düster zu stimmen vermögen. Jetzt schienen sie noch tiefer und einsamer; die Laternen kamen immer seltener, immer spärlicher wurde hier anscheinend das Öl ausgefolgt. Schon kamen die Häuser und Zäune aus Holz. Nirgends eine Seele. Alles Licht kam vom Schnee auf der Straße, finster kauerten die niedrigen Hütten mit den geschlossenen Fensterläden. Akaki Akakiewitsch kam jetzt dorthin, wo eine Straße einen schier endlosen Platz durchschnitt, man konnte die Häuser gegenüber nicht mehr sehen, der Platz glich einer grauenhaften Wüste. Weit, Gott weiß wo, leuchtete ein schwaches Feuer in einer Bude, als welche in einem Kreis von Licht zu stehen schien. Akaki Akakiewitschs gute Laune war weg. Er betrat den Platz nicht ohne ein gewisses Grauen, als ahnte sein Herz Böses. Er sah sich um und zurück – das Meer lag um ihn. »Besser nicht umsehen,« dachte er und ging mit geschlossenen Augen weiter, und als er sie wieder öffnete, um zu sehen, wo er denn wäre, sah er vor seiner Nase Leute stehen mit Bärten; mehr konnte er nicht mehr unterscheiden. Da wurde es plötzlich dunkel vor seinen Augen, und er spürte einen Schlag auf seiner Brust. »Das ist ja mein Mantel,« rief einer von den Männern und packte den Titularrat am Kragen. Akaki Akakiewitsch wollte nach der Wache schreien, als ihm ein Mann eine riesige Faust in den Mund stieß und rief: »Schrei nur!« Akaki Akakiewitsch fühlte, daß sie ihm den Mantel von den Schultern rissen und ihm eins mit den Knien versetzten, so daß er nach vorn in den Schnee fiel und nichts mehr von sich wußte. Nach einiger Zeit kam er zu sich und stand auf, doch war niemand mehr da. Er spürte, daß der Boden eiskalt und er ohne Mantel sei, und er wollte rufen, doch seine Stimme erreichte nicht einmal das andere Ende des Platzes. In seiner Verzweiflung lief er schreiend über den ganzen Platz bis zur Bude. Der Wachtposten stand, auf seine Hellebarde gestützt, da und sah anscheinend nicht ohne Neugierde zu, wer zum Teufel mit solchem Geschrei auf ihn zugelaufen komme. Akaki Akakiewitsch schrie mit erstickter Stimme ihn an, daß er schlafe und gar nicht sehe, wie man die Leute vor seinen Augen beraube. Der Wachtposten bestand darauf, daß er nichts gesehen hätte, zum mindesten nicht mehr, als daß zwei Menschen ihn mitten am Platz stehengelassen hätten, er habe gemeint, es wären Freunde; der Herr sollte nur, statt ihn hier ganz umsonst anzuschreien, morgen zur Polizei gehen, dort werde man schon nach dem Diebe fahnden.

Akaki Akakiewitsch kam in vollständiger Unordnung zu Hause an; sein Haar, ohnehin nur mehr noch spärlich an der Schläfe und im Nacken, war zerzaust; die Seite, die Brust und die Hosen waren mit Schnee bedeckt. Seine alte Wirtin hörte ihn diesmal anders als sonst an der Tür klopfen, sprang eilig aus dem Bett und lief, nur mit einem Strumpfe, ihm die Tür zu öffnen, während sie ihr Hemd keusch an die Brust hielt; doch ließ sie dieses gleich los, da sie den Titularrat in seiner traurigen Verfassung erblickte. Und als sie nun vernahm, worum es sich handle, schlug sie die Hände zusammen und meinte, er müsse zum Polizeihauptmann, der Polizeileutnant sei eine Schlafmütze, mache Versprechungen und ziehe die Sache nur hinaus; sie kenne den Hauptmann, weil Anna, die Estin, die früher bei ihr in der Küche gewesen sei, jetzt bei ihm als Amme diene; auch sehe sie ihn selber öfters, wenn er am Hause hier vorbeifahre, im übrigen gehe er jeden Sonntag in die Kirche, sage sein Gebet und sehe dabei alle Leute sehr freundlich an, er sei jedenfalls nach allem, was man beobachten konnte, ein guter Mensch. Akaki Akakiewitsch hörte ihr zu und ging, ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer – wie er dort die Nacht verbracht hat, kann sich jeder denken, der sich an die Stelle eines anderen zu versetzen imstande ist. Am nächsten Morgen machte er sich gleich zum Polizeihauptmann auf. Man sagte ihm dort, der Polizeihauptmann schlafe. Er kam um zehn Uhr wieder: er schläft noch. Um elf Uhr hieß es, er sei nicht zu Hause. Akaki Akakiewitsch kam um die Mittagsstunde – doch die Schreiber wollten ihn jetzt nicht einmal hereinlassen und mußten erst wissen, was ihn herbringe und was überhaupt geschehen sei, so daß Akaki Akakiewitsch endlich, wohl das erstemal in seinem Leben, Mut bewies und in abgerissenen Sätzen erwiderte, er müsse den Polizeihauptmann persönlich sprechen, sie sollten es nur wagen, ihn nicht hereinzulassen, er komme aus dem Ministerium in einer dienstlichen Angelegenheit, er würde über sie alle, wie sie da wären, Beschwerde führen, und sie würden dann das Weitere schon sehen. Dagegen konnten die Schreiber nichts mehr erwidern, und einer ging hinaus, den Polizeihauptmann zu holen. Dieser hatte nun eine ganz sonderbare Art, den Bericht entgegenzunehmen. Statt auf die Hauptsache, den Raub des Mantels, einzugehen, fragte er Akaki Akakiewitsch, warum er so spät nach Hause gegangen sei und ob er nicht vielleicht gar in einem verrufenen Hause gewesen sei? so daß Akaki Akakiewitsch ganz verlegen wurde und hinauseilte, ohne zu wissen, ob die Angelegenheit nun ihren Weg gehen werde oder nicht. Er ging nicht ins Amt (das einzige Mal in seinem Leben); erst am nächsten Tag erschien er wieder dort, bleich, verstört und mit der alten Kapuze, die heute noch trauriger aussah. Die Kunde vom Raub des Mantels rührte wohl die meisten seiner Kollegen – natürlich fehlte es nicht an solchen, die auch diesmal die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen wollten, sich über Akaki Akakiewitsch lustig zu machen. Sie beschlossen auch, eine Kollekte zu veranstalten, doch es kam nur eine Kleinigkeit zusammen, weil sie eben große Auslagen gehabt hatten mit dem Porträt des Direktors und einem Buche, das sie auf Betreiben des Abteilungschefs, einem Freunde des Verfassers, kaufen mußten. Einer von ihnen beschloß, vom Mitleid bewegt, Akaki Akakiewitsch wenigstens mit einem guten Rat beizustehen und meinte, er solle nicht zum Polizeileutnant gehen, denn es könnte vorkommen, daß dieser, um sich beim Hauptmann beliebt zu machen, den Mantel auf die eine oder andere Art finde, daß der Mantel aber trotzdem auf der Polizei liegenbleibe, es sei denn, daß er sein Eigentumsrecht auf den Mantel gesetzlich nachzuweisen vermöchte; nun wäre aber da eine hochstehende Persönlichkeit, an die sollte er sich wenden, denn durch ihre Verbindungen vermöchte diese die Sache schneller zu betreiben, sobald sie davon erfahren hätte. Wer gerade diese hochstehende Persönlichkeit gewesen wäre, ist bis jetzt ebenso unbekannt geblieben wie deren Stellung. Nur so viel war zu ermitteln, daß die hochstehende Persönlichkeit es erst vor kurzem geworden und bis dahin noch ganz und gar nicht hochgestanden wäre. Natürlich im Vergleiche mit einer noch höherstehenden ließ sich ihre Stellung überhaupt nicht zu den hochstehenden rechnen; aber es wird sich immer ein Kreis von Menschen finden, für den eine nicht sehr hochstehende Persönlichkeit eben schon eine sehr hochstehende ist. Selbstverständlich suchte sie ihre hohe Bedeutung auf alle Weise und mit allerlei Mitteln zu bekräftigen; so z. B. führte sie ein, daß die niederen Beamten ihr bis zur Stiege entgegengingen, sooft sie im Amt erschien; daß ferner niemand es wagen dürfe, direkt vor ihr zu erscheinen, sondern daß es in folgender Reihenfolge vor sich gehen sollte: der Registrator übernimmt das Gesuch und übermittelt es dem Gouvernementssekretär, dieser dem Titularsekretär, und so auf diesem und gar keinem anderen Wege könne eine Sache bis zu ihr gelangen. So ist eben im heiligen Rußland alles mit Nachäfferei angesteckt, und jeder tuts seinem Vorgesetzten nach und nicht anders. Als ein Titularrat Direktor einer kleinen Kanzlei wurde, soll er sich, so erzählt man, sofort ein eigenes Zimmer haben abstecken lassen, das er Dienstzimmer nannte; vor die Tür stellte er zwei Diener mit roten Kragen und goldnen Tressen, sie hatten jedem Hereinkommenden die Tür zu öffnen, und dabei konnte man im Zimmer mit Mühe mehr als einen Tisch unterbringen. Die Empfänge und überhaupt alle Gewohnheiten der hochstehenden Persönlichkeit waren sehr majestätisch, aber durchaus nicht unkompliziert. Ihr System war Strenge. »Nur Strenge und noch einmal und immer wieder Strenge,« sagte sie bei jeder Gelegenheit, und beim letzten Worte pflegte sie jedesmal dem, mit dem sie gerade sprach, höchst bedeutsam ins Gesicht zu blicken – obwohl natürlich zu besonderer Strenge nicht die geringste Ursache vorhanden war, denn die zehn Beamten, die den Mechanismus ihrer Kanzlei bildeten, kamen ohnehin nie ganz aus der Furcht heraus; sobald sie ihrer nur ansichtig wurden, ließen sie die Arbeit liegen und standen auf und warteten, bis sie an ihnen vorbei wäre. Ihre übliche Ansprache an die Untergebenen war eben auch ganz durch jene Strenge gekennzeichnet und bestand im Grunde nur aus den drei Sätzen: »Wie können Sie es wagen? Wissen Sie, mit wem Sie reden? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht?« Dabei war er im Innersten seines Herzens ein guter Kerl, freundlich zu seinen Kameraden, gefällig; der Generalsrang hatte ihn eben ganz aus der Fassung gebracht. Er wurde durch diesen Titel in der Tat ganz verdreht, kam aus dem Geleise und wußte gar nicht mehr, wie ihm wäre. Mit Gleichgestellten gab er sich wie er ist – als anständigen, in vieler Beziehung gar nicht dummen Menschen; fanden sich aber in der Gesellschaft Leute, die auch nur um eine einzige Stufe niedriger waren als er, war er wie verwandelt: er schwieg und schwieg, und seine Lage weckte um so mehr Bedauern, als er selber fühlte, daß er seine Zeit unvergleichlich angenehmer zubringen könnte. Man konnte ihm ja den Wunsch von den Augen ablesen, sich in ein interessantes Gespräch zu mischen oder einem Kreise beizugesellen, doch stets hielt ihn der Gedanke zurück: Wird es nicht von seiner Seite zu viel sein, wird es nicht familiär erscheinen, wird er dadurch nicht seiner Stellung schaden? Die Folge davon war, daß er ewig an ein und derselben Stelle wie angenagelt dastand, keinen Ton von sich gab und also sich den Ruf eines höchst langweiligen Menschen erwarb.

Vor dieser hochstehenden Persönlichkeit erschien also Akaki Akakiewitsch im allerungünstigsten Augenblicke, will sagen: höchst ungünstig für sich selber, denn in einem gewissen Sinne kam er der hochstehenden Persönlichkeit ganz gelegen. Die hochstehende Persönlichkeit war in ihrem Kabinett und unterhielt sich sehr angeregt mit einem alten Bekannten und Jugendgespielen, der vor kurzem hier eingetroffen war und den sie lange nicht gesehen hatte. Und gerade in diesem Augenblicke mußte auch der Diener melden, daß ein gewisser Baschmatschkin draußen warte. Der General fragte sehr scharf: »Wer?« Die Antwort: »Ein Beamter.« »Er soll warten, ich habe jetzt keine Zeit.« Hier muß ich gleich bemerken, daß die hochstehende Persönlichkeit da ganz einfach log, sie hatte Zeit; die beiden Freunde hatten längst alles durchgesprochen und schon seit einiger Zeit die Unterhaltung mit leeren Phrasen zu füllen gesucht, wie: »Ja, ja, Iwan, so war es nun einmal!« oder »Stefan, es geht nicht anders auf der Welt,« einander abwechselnd auf die Schultern klopfend. Aber trotzdem ließ sie den Beamten warten, damit nämlich der Jugendgespiele, der seit langem nicht mehr diente und auf dem Dorfe lebte, erfahre, wie lange hier die Beamten im Vorzimmer zu warten verstünden. Erst nachdem sie sich, jeder an seiner Zigarre ziehend, in den sehr breiten, bequemen Fauteuils sattgeredet, vielmehr ausgeschwiegen hatten, fiel der hochstehenden Persönlichkeit wie von ungefähr etwas ein, und sie sagte zum Sekretär, der bei der Tür mit Schriften stand: »Draußen, scheint es, steht ein Beamter. Sagen Sie ihm, er kann herein!« Da sie nun das demütige Gesicht des Akaki Akakiewitsch und dessen abgetragene Uniform sah, kehrte sie sich ihm zu und schrie ihn ohne weiteres an: »Was wollt Ihr?« Mit ihrer schneidenden, harten Stimme, die sie zu Hause im Zimmer ganz allein vor dem Spiegel geprobt hatte, eine Woche schon, bevor sie ihren jetzigen Posten und den Generalsrang erhalten hatte. Akaki Akakiewitsch fühlte auch so die gebührende Ehrfurcht, war gleich verwirrt und erzählte, soweit Redefreiheit ihm erlaubt war, daß sein Mantel ganz neu, daß er auf eine ganz unmenschliche Weise beraubt worden wäre, daß er sich jetzt an seine Exzellenz wende, damit seine Exzellenz durch ihre Fürsprache etwa … damit sie sich in Verbindung setze mit dem Herrn Oberpolizeimeister oder sonst jemandem von der Polizei und auf diese Weise nach dem Mantel gesucht werde. Seiner Exzellenz erschien nun diese Sprache zu familiär. »Was heißt denn das, mein Herr,« unterbrach er ihn, »kennen Sie nicht die Vorschrift? Wohin sind Sie denn überhaupt gekommen? Wissen Sie nicht, wie man in einem solchen Falle vorzugehen hat? Sie hätten zuerst ein Bittgesuch in der Kanzlei einreichen sollen, so wäre es zuerst in die Hände des Kanzleivorstehers gekommen, dieser hätte es dem Sekretär übergeben, und der Sekretär hat es dann mir einzuhändigen.«

»Ach, Eure Exzellenz,« erwiderte Akaki Akakiewitsch, indem er alles, was er an Mut in seiner Seele barg, herausholte und fühlte, daß er ganz entsetzlich schwitze, »ich war so frei, Eure Exzellenz selber damit zu belästigen, weil die Sekretäre … weil sich auf die Sekretäre doch kein Mensch auf der Welt verlassen kann!«

»Was, was, was?« rief die hochstehende Persönlichkeit. »Woher dieser Geist? Woher solche Gedanken? Welcher Geist des Aufruhrs unter den jungen Leuten gegen ihre Vorgesetzten!« (Die hochstehende Persönlichkeit schien gar nicht zu bemerken, daß Akaki Akakiewitsch schon seine fünfzig Jahre beisammen hatte und daß er nur im Vergleiche zu einem Siebzigjährigen etwa noch jung genannt werden konnte.) »Wissen Sie, zu wem Sie reden? Wissen Sie, wer vor Ihnen steht? Wissen Sie das oder nicht, frage ich?« Hier stampfte die Exzellenz mit dem Fuße auf den Boden und schrie so laut, daß sich auch ein anderer als Akaki Akakiewitsch gefürchtet hätte. Akaki Akakiewitsch verging vor Angst, zitterte am ganzen Körper und konnte sich kaum auf den Beinen erhalten; wenn die Diener ihn nicht gehalten hätten, wäre er zu Boden gesunken; sie trugen ihn wie leblos heraus. Die hochstehende Persönlichkeit, zufrieden damit, daß der Erfolg ihre Erwartungen übertroffen, ja berauscht von dem Gedanken, daß ein Wort von ihr einen Menschen des Bewußtseins zu berauben vermochte, sah den Freund von der Seite an, um sich zu vergewissern, wie dieser sich dabei benehme, und sie sah nicht ohne Vergnügen, daß dieser Freund sich äußerst unbehaglich fühlte und seinerseits auch schon Angst zu spüren begann.

Wie er die Treppe herunter, wie er weiter auf die Straße gekommen sei, daran konnte Akaki Akakiewitsch sich nicht erinnern. Er spürte weder Hand noch Fuß; in seinem ganzen Leben war er noch nicht von einem General angeschrien worden, noch dazu von einem fremden. Auf der Straße wehte der Schnee, Akaki Akakiewitsch ging mit offenem Mund, der Wind blies wie immer in Petersburg von allen vier Seiten, im Nu hatte er sich erkältet, so kam er zu Hause an, ohne die Kraft zu haben, auch nur ein Wort zu sagen. Er fror und legte sich ins Bett. Den nächsten Tag lag er im Fieber. Dank dem großmütigen, hilfsbereiten Petersburger Klima schritt die Krankheit schneller vor, als man sonst hätte erwarten dürfen, und nachdem der Doktor ihm den Puls gefühlt hatte, fand er nichts anderes mehr zu tun vor, als ein Rezept zu schreiben, nur damit der Kranke nicht ganz ohne die wohltätige Hilfe der Medizin sei, und erklärte ihm auch, daß er nicht mehr als höchstens zwei Tage werde zu leben haben; und sich zur Wirtin kehrend, setzte er hinzu: »Und Ihr, Alte, verliert nur keine Zeit und bestellt lieber gleich einen Sarg aus Fichtenholz; einer aus Eiche ist für ihn sowieso zu teuer.« Hatte Akaki Akakiewitsch diese für ihn so überaus trostreichen Worte gehört oder nicht, haben sie ihn zu erschüttern vermocht, bedauerte er jetzt sein sorgenreiches, erbärmliches Leben – niemand vermag es zu sagen, denn Akaki Akakiewitsch befand sich die ganze Zeit über im Delirium. Ein Gesicht nach dem anderen ohne Unterbrechung jagte durch sein Gehirn: Petrowitsch erschien ihm, und er bestellte bei ihm einen Mantel, in- und auswendig voll von Fallen gegen die Diebe; diese lagen unter dem Bett, und er schrie nach der Wirtin, sie sollte einen von ihnen unter seiner Bettdecke, wohin dieser schon geraten sei, hervorziehen. Dann fragte er, warum vor ihm die alte Kapuze hänge, da er jetzt doch einen neuen Mantel besäße; auch schien ihm, er stünde vor dem General und ließ sich herunterreißen und sagte nur immer wieder: Verzeihung, Exzellenz, Verzeihung! Dann wieder fluchte er und nahm so entsetzliche Worte in den Mund, daß sich die Wirtin bekreuzigte; noch nie hatte sie solche Worte aus diesem Munde vernommen, und jetzt folgten diese Flüche stets unmittelbar auf: »Eure Exzellenz«. Später sprach er nur mehr noch ganz sinnloses Zeug, man konnte nur unterscheiden, daß sie alle sich um ein und denselben Mantel drehten. Endlich gab der arme Akaki Akakiewitsch seinen Geist auf.