„Nein, das fassen Sie falsch auf: den Sekt stellen wir selbst,“ sagte der Präsident; „das ist nur unsere Pflicht und Schuldigkeit. Sie sind unser Gast: also laden wir Sie ein. Wissen Sie was meine Herren? Gehen wir doch einstweilen mal zum Polizeimeister: das ist ein richtiger Zauberkünstler; wenn der am Fischmarkt oder an einer Weinhandlung vorübergeht, braucht er nur zu winken, und es steht gleich ein glänzendes Frühstück da, zu dem man sich gratulieren kann. Bei dieser Gelegenheit können wir auch eine Partie Whist machen.“

Ein solch vernünftiges Anerbieten konnte niemand ausschlagen. Den Zeugen lief schon bei der bloßen Erwähnung des Fischmarktes das Wasser im Munde zusammen; alles griff sofort zu Hut oder Mütze, und die Sitzung war zu Ende. Als man durch die Kanzlei schritt, sagte Iwan Antonowitsch — die Kannenschnauze — mit einer höflichen Verbeugung zu Tschitschikow: „Sie haben für hunderttausend Rubel Bauern gekauft, und ich habe nur fünfundzwanzig für meine Mühe bekommen.“

„Ja, was sind denn das für Bauern,“ flüsterte ihm Tschitschikow leise zu: „lauter schlechtes nichtsnutziges Volk, die sind noch nicht die Hälfte wert.“ Iwan Antonowitsch begriff, daß er einem Mann von festem Charakter gegenüberstand, von dem er nicht mehr herausbekommen würde.

„Wieviel hat Ihnen Pljuschkin für die Seele abgenommen?“ flüsterte ihm Sabakewitsch ins andere Ohr.

„Und warum haben Sie den Sperling eingeschmuggelt?“ antwortete ihm Tschitschikow.

„Welchen Sperling?“ fragte Sabakewitsch.

„Na das Weibsbild, die Elisabetha Sperling. Sie haben ja noch us statt a geschrieben.“

„Von diesem Sperling weiß ich nichts,“ sagte Sabakewitsch und mischte sich unter die anderen Gäste.

Die Gäste begaben sich schließlich in corpore nach dem Hause des Polizeimeisters. Der Polizeimeister war tatsächlich ein Zauberkünstler; kaum hatte er gehört, worum es sich handelte, als er schon einen Polizeikommissar, einen schneidigen Kerl in hohen Lackstiefeln, zu sich heranrief und ihm, wie es schien, kaum mehr als zwei Worte ins Ohr flüsterte; dann fragte er ihn nur noch kurz: „Hast du verstanden?“, und schon erschienen im andern Zimmer, während die Gäste noch ihren Whist droschen, die herrlichsten Dinge auf dem Tische: Störe, Hausen, geräucherter Lachs, frischer und gepreßter Kaviar, Hering, Wels, allerhand Käsesorten, geräucherte Zunge — dies wenigstens war das Menu, soweit es den Fischmarkt betraf. Dazu kamen noch einige Zugaben, die aus dem eigenen Haushalt und der eigenen Küche stammten: eine Fischpastete, die mit dem Knorpel und den Kiemen eines neun Pud schweren Störs gefüllt war, eine Pastete mit Pfifferlingen, Pastetchen aus Butterteig, Splittertörtchen usw. Der Polizeimeister war in gewissem Sinne der Vater und der Wohltäter der Stadt. Er benahm sich im Kreise der Bürger ganz wie im eigenen Familienkreise, und in den Läden oder auf dem Tuchmarkt wußte er Bescheid wie in seiner eigenen Speisekammer. Er war überhaupt, wie man zu sagen pflegt, ganz an seinem Platz und hatte seinen Beruf aus dem ff heraus. Es wäre sicherlich schwer zu entscheiden gewesen, ob er für sein Amt oder sein Amt für ihn geschaffen war. Er wußte seinen Posten so gut auszufüllen, daß seine Einnahmen sich beinahe auf das Doppelte von dem beliefen, was seine Vorgänger erhalten hatten, und doch war er in der ganzen Stadt allgemein beliebt. Die Kaufleute schätzten ihn am meisten, ganz besonders weil er gar nicht stolz war; und in der Tat, er hob ihre Kinder aus der Taufe, stand mit ihnen Gevatter, und obwohl er sie tüchtig bluten ließ, machte er doch auch dies mit einer ganz besonderen Geschicklichkeit: entweder klopfte er ihnen freundlich auf die Schulter und lächelte ihnen zu, oder er lud sie zum Tee ein, ließ sich zu einer Partie Dame auffordern und fragte sie nach allem aus: wie die Geschäfte gehen und wie es sonst stände; wenn er erfuhr, daß eins der Kinder krank sei, dann wußte er gleich Rat und verschrieb ihm die richtige Arzenei; mit einem Wort, er war ein ganz famoser Kerl. Kam er in seinem Wagen daher gefahren, um überall für Ordnung zu sorgen, dann hatte er immer für den einen oder andern das rechte Wort bereit: „Nun Michej, sollen wir nicht einmal unser Spielchen zu Ende spielen.“ — „Freilich, Alexei Iwanowitsch,“ antwortet dieser und zieht die Mütze, „freilich sollten wir!“ „Hör doch, Ilja Paramonowitsch, komm doch mal zu mir und sieh dir mein Rennpferd an; das läuft noch schneller als das deine; laß es doch auch mal vor den Rennschlitten spannen, und dann wollen wir sehen!“ Der Kaufmann, der ein passionierter Pferdefreund war, lächelte hierbei ganz besonders zufrieden, strich sich den Bart und sagte: „Gut, wir wollen sehen! Alexei Antonowitsch!“ Selbst die Ladendiener nahmen hierbei ihre Mützen ab und sahen sich vergnügt an, wie wenn sie sagen wollten: „Alexei Antonowitsch ist doch ein prächtiger Mensch!“ Mit einem Wort, er war sehr populär, und die Kaufleute hatten eine sehr hohe Meinung von ihm und sagten: „Alexei Antonowitsch nimmt zwar ein bissel viel, dafür hält er aber auch sein Wort.“

Als der Polizeimeister sich überzeugte, daß das Frühstück fertig sei, forderte er seine Gäste auf, den Whist nach Tisch fortzusetzen, und alle begaben sich in das Zimmer, von dem aus sich schon lange ein angenehmer Geruch bis in die Nebengemächer verbreitete. Dieser Geruch hatte die Nasen unserer Gäste schon längst in angenehmer Weise gekitzelt, und Sabakewitsch schielte fortwährend durch die Türe nach dem Tisch, da er bereits von dem Stör Notiz genommen hatte, der etwas abseits auf einem großen Teller lag. Nachdem die Gäste erst einen Likör von jener dunkelgrünen Olivenfarbe gekostet hatten, wie man sie nur an den durchsichtigen sibirischen Steinen beobachtet, aus denen bei uns in Rußland Petschaften gemacht werden, trat man von allen Seiten mit Gabeln bewaffnet an den Tisch. Hierbei zeigten sich, wie man zu sagen pflegt, der Charakter und die Neigungen eines jeden in ihrem wahren Lichte, indem der eine sich an den Kaviar, ein anderer an den Lachs, ein dritter an den Käse heranmachte. Sabakewitsch würdigte indessen all diese Kleinigkeiten keines Blickes und richtete sich in nächster Nachbarschaft vom Stör ein; während jene aßen, tranken und sich unterhielten, verleibte er ihn sich in einer kurzen Viertelstunde völlig ein, und als der Polizeimeister sich an den Fisch erinnerte und mit den Worten: „Und was denken Sie von diesem Naturprodukt, meine Herren!“ zugleich die andern aufforderte, ihm zu folgen und mit der Gabel in der Hand vor den Stör hintrat, da merkte er, daß von dem Naturprodukt nur noch der Schwanz übrig geblieben war; Sabakewitsch aber tat so, als ob ihn die Sache garnichts anginge, trat vor einen Teller, der etwas abseits von den andern stand, und stocherte mit der Gabel auf einem kleinen getrockneten Fischchen herum. Nachdem er den Stör verarbeitet hatte, ließ sich Sabakewitsch in einen Lehnstuhl sinken und aß und trank von da ab nichts mehr, sondern blinzelte nur noch mit den Augen. Der Polizeimeister liebte, wie es schien, nicht mit dem Wein zu sparen. Der erste Toast wurde, wie die Leser vielleicht selbst erraten werden, auf das Wohl des neuen Gutsbesitzers von Cherson ausgebracht. Der zweite galt dem Wohlergehen seiner Bauern und ihrer glücklichen Ansiedlung. Dann trank man auf die Gesundheit seiner künftigen reizenden Ehehälfte, was unserm Helden ein freundliches Lächeln entlockte. Dann drängten sich alle um ihn und suchten ihn zu überreden, daß er doch noch wenigstens zwei Wochen in der Stadt bleiben möge. „Nein, Pawel Iwanowitsch! Das hieße ja die Wohnung kalt werden lassen: über die Schwelle und gleich wieder fort! Nein, bleiben Sie doch noch eine Zeitlang bei uns! Kommen Sie, wir wollen Sie verheiraten. Nicht wahr, Iwan Grigorjewitsch, wir verschaffen ihm eine Frau?“