Mit einem Wort, es ging dort sehr familiär zu. Viele waren nicht ganz ohne Bildung: der Gerichtspräsident kannte sogar die „Ludmilla“ von Shukowski auswendig, welche damals noch den vollen Reiz der Neuheit hatte, und er trug manche Stellen daraus geradezu meisterhaft vor, so zum Beispiel den Vers: „Es schläft der Wald, die Täler schlummern“, ganz besonders schön aber klang das Wort „hu“ in seinem Munde, sodaß man tatsächlich zu sehen glaubte, wie die Täler schlummerten; um die Ähnlichkeit noch vollkommener zu machen, kniff er bei dieser Gelegenheit auch noch die Augen zusammen. Der Postmeister neigte mehr der Philosophie zu und las ganze Nächte hindurch sehr fleißig in Youngs „Nächten“, sowie im „Schlüssel zu den Geheimnissen der Natur“ von Eckartshausen, aus dem er sich lange Exzerpte machte; worauf sie sich bezogen, konnte freilich niemand mit Bestimmtheit angeben. Übrigens war er ein großer Witzbold, er hatte eine überaus blühende Sprache und liebte es, wie er sich selbst ausdrückte, seine Rede „auszuschmücken“. Und zwar schmückte er seine Reden mit einer Menge von Flickworten aus, als da sind: „Lieber Herr, so und so, wissen Sie, verstehen Sie, können Sie sich vorstellen, gewissermaßen, sozusagen“ und andre mehr, mit denen er nur so um sich warf; ferner schmückte er seine Reden noch recht geschickt durch ein verständnisinniges Augenblinzeln aus, oder indem er das eine Auge ganz zukniff, womit er vielen von seinen satirischen Anspielungen einen recht boshaften Ausdruck lieh. Auch die übrigen Herren waren meist recht gebildete und aufgeklärte Leute: der eine las Karamsin, der andre die „Moskauer Nachrichten“ und ein dritter las sogar überhaupt nichts. Der eine war was man eine Schlafmütze zu nennen pflegt, d. h. ein Mensch, dem man immer erst einen kräftigen Rippenstoß geben muß, wenn man ihn zu etwas bewegen will, ein anderer war ganz einfach ein Faulpelz, der sein ganzes Leben lang auf der Bärenhaut lag und bei dem jeder Versuch vergeblich gewesen wäre, ihn überhaupt aufzurütteln, da er ja doch nicht aufgestanden wäre. Was ihr Äußeres anbelangt, so waren sie natürlich alle hübsche, stattliche, vertraueneinflößende Leute — einen Schwindsüchtigen gab es unter ihnen nicht. Sie gehörten alle zu jener Menschengattung, welcher die Frauen in zärtlichen Schäferstündchen unter vier Augen Namen wie die folgenden zu geben pflegen: mein Dickerchen, mein lieber Dickwanst, mein Schnudelchen, mein Tönnchen, mein Moppelchen usw. Aber im allgemeinen war es ein guter Menschenschlag, liebe, freigiebige Leute, und ein Mensch, der ihre Gastfreundschaft genossen oder einen Abend mit ihnen am Whisttisch verbracht hatte, kam ihnen sehr schnell nahe und wurde gewissermaßen einer der ihren. — Dies traf aber noch mehr auf Tschitschikow mit seinem bezaubernden Wesen zu, denn er kannte wirklich das Geheimnis, sich beliebt zu machen. Sie schlossen ihn so in ihr Herz, daß er garnicht wußte, wie er aus der Stadt herauskommen sollte; er hörte immer nur: „Ach nur noch eine Woche; bleiben Sie doch noch eine einzige Woche bei uns, Pawel Iwanowitsch“ — mit einem Worte, er wurde geradezu auf Händen getragen, wie man zu sagen pflegt. Aber unvergleichlich viel stärker und bedeutender, ja höchst erstaunlich und wunderbar war der Eindruck, den Tschitschikow auf die Damen machte. Um das einigermaßen verständlich zu machen, müßten wir eigentlich mancherlei über die Damen selbst sagen, über ihre Gesellschaften usw., müßten sozusagen ihre seelischen Eigenschaften mit lebendigen leuchtenden Farben ausmalen: aber das wird dem Autor sehr schwer. Einerseits hält ihn seine unbegrenzte Achtung und Ehrfurcht vor den Gattinnen der hohen Beamten davon ab, und andererseits ... ja andererseits ... ist es eben einfach sehr schwierig. Die Damen der Stadt N. waren ... nein es geht unmöglich: tatsächlich, ich habe Angst. — Was an den Damen der Stadt N. am bemerkenswertesten war ... Nein, es ist zu seltsam, die Feder will nicht vom Fleck, wie wenn sie ein Bleiklumpen wäre. Also gut: ich werde es wohl schon einem andern überlassen müssen, der eine reichere Auswahl von hellen und leuchtenden Farben auf seiner Palette hat, als ich, ihren Charakter zu schildern; wir werden uns darauf beschränken müssen, zwei, drei Worte über ihr Äußeres und das, was gewissermaßen mehr an der Oberfläche liegt, zu sagen. Die Damen der Stadt N. waren das, was man präsentabel nennt, und in dieser Beziehung dürften alle Frauen sie sich zum Muster nehmen. Was korrektes Benehmen, was guten Ton, Etikette und jene feinsten und zartesten Gebote des Anstands anbelangt, vor allem was die Beobachtung der Mode in ihren letzten Einzelheiten anbetrifft, so waren sie hierin selbst den Petersburger und Moskauer Damen um eine Ellenlänge voraus. Sie kleideten sich mit großem Geschmack, fuhren in schönen Equipagen durch die Stadt: wie die letzte Mode dies vorschrieb, begleitet von einem Lakai mit goldenen Tressen, der auf dem Trittbrett hin- und herschwankte. Eine Visitenkarte war, selbst wenn der Name auf einer Treff-Zwei oder einem Karo-Aß stand, eine heilige Sache. Zwei Damen, die vordem große Freundinnen und Basen gewesen waren, kamen wegen solch einer Visitenkarte ganz auseinander — eine von ihnen hatte es nämlich unterlassen, der anderen einen Gegenbesuch abzustatten. Und so sehr sich ihre Männer und Verwandten nachher bemühten, sie wieder zu versöhnen, es war vergebens — es stellte sich vielmehr heraus, daß alles auf der Welt möglich ist, nur dies eine nicht: zwei Damen zu versöhnen, die sich wegen eines unterlassenen Gegenbesuches verfeindet haben. Die Damen verharrten also in „gegenseitiger Abneigung“, wie sich die Gesellschaft der Stadt ausdrückte. Wegen der Frage, wem der Vorrang gebühre, gab es auch eine Menge äußerst erregter Auftritte, welche in den Herren oftmals höchst erhabene und ritterliche Vorstellungen von ihrer Beschützerrolle entstehen ließen. Zu einem Duell kam es unter ihnen natürlich nicht, weil sie alle Zivilbeamte waren; dafür aber suchten sie einander etwas am Zeuge zu flicken, wo sie nur konnten, was bekanntlich unter Umständen weit schwieriger ist als ein Duell. In ihren Sitten waren die Damen der Stadt N. sehr streng und voll edler Entrüstung gegen alle Laster und Versuchungen, sie verurteilten unbarmherzig jede Schwäche, wo sie nur eine solche wahrnahmen. Und wenn in ihrem Kreise selbst etwas vorkam, was man das eine oder andere nennt, so spielte es sich stets ganz im Geheimen ab, und niemand ließ sich merken, was eigentlich vorgegangen war. Das Dekorum wurde stets gewahrt. Selbst der Mann wurde rechtzeitig vorbereitet, sodaß er, auch wenn er dies eine oder andere bemerkte oder davon hörte, kurz und bündig antworten konnte: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß,“ wie das Sprichwort sagt. Hier muß noch erwähnt werden, daß die Damen der Stadt N. sich wie ihre Petersburger Gefährtinnen stets einer großen Vorsicht und eines sicheren Taktes in Worten und Ausdrücken befleißigten. Niemals hörte man sie sagen: „Ich habe mich geschneuzt.“ „Ich schwitze.“ „Ich habe ausgespuckt,“ sondern sie drückten sich stattdessen folgendermaßen aus: „Ich habe mir die Nase geputzt“ oder „Ich habe von meinem Taschentuch Gebrauch gemacht.“ Unter keinen Umständen aber durfte man sagen: „Dieses Glas oder dieser Teller stinkt.“ Ja, man durfte nicht einmal etwas sagen, was wie eine Anspielung darauf erscheinen konnte, sondern, man wählte stattdessen einen Ausdruck wie den folgenden: „Dieses Glas benimmt sich nicht gut“ oder sonst etwas in dieser Art. Um die russische Sprache noch mehr zu veredeln, wurde nahezu die Hälfte aller Worte aus dem Sprachgebrauch verbannt, weswegen man sehr oft seine Zuflucht zum Französischen nehmen mußte. Das war dann eine ganz andere Sache. Im Französischen waren noch ganz andere, weit kräftigere Worte gestattet als die oben erwähnten. Das also ist es, was sich von den Damen der Stadt N., oberflächlich gesprochen, sagen läßt. Freilich, wenn man etwas tiefer hineinblickte, so würden noch ganz andere Dinge zum Vorschein kommen; aber es ist sehr gefährlich, zu tief in ein Frauenherz zu blicken. Ich bleibe also an der Oberfläche und fahre fort. Bis dahin hatten alle Damen merkwürdigerweise nur wenig von Tschitschikow gesprochen, obwohl sie ihm natürlich, was seine angenehmen und weltmännischen Umgangsformen anbelangt, volle Gerechtigkeit widerfahren ließen. Aber seitdem sich das Gerücht von seinen Millionen verbreitet hatte, wurde die Aufmerksamkeit auch auf seine sonstigen Eigenschaften gelenkt. Übrigens waren unsere Damen keineswegs eigennützig oder gar habgierig. An alledem war nur das Wort Millionär — nicht der Millionär selbst, sondern eben das Wort allein schuld; denn in dem bloßen Klang dieses Wortes ist neben der Anspielung auf den Geldsack noch ein gewisses Etwas enthalten, welches in gleicher Weise auf die Schurken wie auf die guten Menschen und auch die, welche weder das eine noch das andere sind, einen starken Eindruck macht; mit einem Wort, es verfehlt seine Wirkung auf keinen. Der Millionär hat den Vorzug, daß er die ganz uneigennützige Niedertracht, die reine Niedertracht, die auf keinerlei Berechnung und Hintergedanken beruht, vortrefflich beobachten kann: Viele Menschen wissen sehr gut, daß sie nichts von ihm bekommen werden und auch gar keinen Anspruch darauf haben, und doch laufen sie vor ihm her, lächeln ihm freundlich zu, nehmen den Hut vor ihm ab, oder provozieren eine Einladung zu einem Mittagessen, an dem der Millionär teilnehmen wird. Man kann nicht sagen, daß diese sanfte Hinneigung zur Niedertracht auch von den Damen geteilt wurde. Allein man fing doch in vielen Salons an, darüber zu reden, daß Tschitschikow zwar kein Ausbund von Schönheit, aber doch ein stattlicher Mann sei, wie er sein soll, und daß er schon nicht mehr so hübsch wäre, wenn er auch nur ein ganz klein wenig dicker und voller wäre. Bei dieser Gelegenheit fielen sogar einige beinahe verletzende Worte über die dünnen Männer: das seien ja eigentlich Zahnstocher und keine Männer. An den Toiletten der Damen konnte man auch allerhand Ergänzungen wahrnehmen. Auf dem Tuchmarkt herrschte ein großes Gedränge, man schob und stieß sich dort geradezu. Es war die reinste Kirmeß. Soviel Equipagen reihten sich aneinander. Die Kaufleute waren erstaunt, als sie sahen, daß ein paar Tuchsorten, die sie von der Messe mitgebracht und wegen ihres allzu hohen Preises bisher nicht hatten loswerden können, eine gesuchte Ware wurden und reißenden Absatz fanden. Während des Gottesdienstes bemerkte man bei einer der Damen unten am Kleide eine Schleppe, welche den Rock so aufbauschte, daß er die ganze Kirche einnahm, und daß der anwesende Polizeikommissar dem Volke befehlen mußte, Platz zu machen und sich in die Vorhalle zurückzuziehen, um das Kleid der Gnädigen nicht zu beschädigen. Auch Tschitschikow mußte schließlich etwas von der ungewöhnlichen Aufmerksamkeit auffallen, die ihm gezollt wurde. Als er eines schönen Tages zu sich nach Hause kam, fand er einen Brief auf seinem Schreibtisch. Es ließ sich durchaus nicht herausbekommen, von wem er stammte und wer ihn gebracht habe: Der Kellner erzählte, der Überbringer habe ihm verboten, zu sagen, wer der Absender sei. Der Brief fing sehr bestimmt und entschlossen an und zwar folgendermaßen: „Nein, ich muß dir schreiben!“ Dann war davon die Rede, daß es eine geheime Sympathie der Seelen gebe, und diese Wahrheit fand ihre Bekräftigung in einer Reihe von Punkten und Gedankenstrichen, welche beinahe eine halbe Zeile einnahmen. Weiter folgten einige Sentenzen, deren Richtigkeit ihnen eine so hohe Bedeutung verleiht, daß wir es fast für unsere Pflicht halten, sie hier anzuführen: „Was ist unser Leben? — Ein Tal, in dem sich unsere Leiden angesiedelt haben. Was ist die Welt? — Ein Haufen von Menschen, der nichts empfindet.“ Hierauf erwähnte die Schreiberin, daß sie die Briefe ihrer zärtlichen Mutter, welche seit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr auf der Welt sei, mit Tränen benetze; sie forderte Tschitschikow auf, ihr in eine Wüste zu folgen und die Stadt für immer zu verlassen, wo die Menschen in der Gefangenschaft geistiger Mauern und aus Luftmangel erstickten; das Ende des Briefes strömte sogar eine wirkliche Verzweiflung aus, und folgende Zeilen bildeten den Abschluß:

Zwei Turteltäubchen bringen

Dich flugs zum Grabesstein,

Sie werden girren und singen

Dir von meiner Todespein.

In der letzten Zeile war zwar das Versmaß nicht ganz in Ordnung, aber das machte nichts: der Brief war ganz im Geiste der damaligen Zeit. Auch fehlte die Unterschrift, der Vor- und Familienname, selbst Datum und Jahreszahl fehlten. In einem Postskriptum hieß es bloß, Tschitschikows eigenes Herz müsse die Schreiberin des Briefes erraten, und auf dem Ball des Gouverneurs, der morgen stattfinde, werde das Original persönlich zugegen sein.

Das war alles sehr interessant. In der Anonymität lag soviel Reiz und Lockung, soviel was die Neugierde herausforderte, daß Tschitschikow den Brief noch ein zweites und drittes Mal überlas und schließlich ausrief: „Es wäre doch höchst interessant, zu erfahren, wer eigentlich die Schreiberin ist!“ Mit einem Wort, die Sache begann ersichtlich eine ernste Wendung zu nehmen; mehr als eine Stunde sann er über sein seltsames Abenteuer nach, dann machte er eine nachlässige Gebärde, ließ den Kopf herabsinken und murmelte: „Der Brief hat doch etwas außerordentlich Geziertes!“ Hierauf wurde der Bogen, wie sich das von selbst versteht, sorgfältig zusammengefaltet und in die Schatulle gelegt, wo er in nächster Nachbarschaft mit einem Theaterzettel und einer Hochzeitseinladung zu liegen kam, welche nun schon sieben Jahre unberührt auf demselben Flecke lag. Bald darauf brachte man ihm tatsächlich eine Einladung zum Ball beim Gouverneur. Das ist in Provinzstädten etwas sehr Gewöhnliches: wo es einen Gouverneur gibt, da muß es auch Bälle geben, sonst könnte es der Adel leicht an der gebührenden Liebe und Achtung fehlen lassen.

Er ließ nun sofort alles nicht zur Sache Gehörige liegen und machte sich davon frei, um sich voll und ganz den Vorbereitungen zum Balle zu widmen; denn dazu gab’s so manchen Sporn und Stachel. Dafür ist aber wohl auch noch nie seit Erschaffung der Welt soviel Zeit und Sorgfalt auf die Toilette verwendet worden. Die Besichtigung und Prüfung des eigenen Angesichts vor dem Spiegel nahm allein eine ganze Stunde in Anspruch. Er versuchte es, seinem Antlitz eine ganze Reihe und Skala verschiedenartigster Ausdrücke zu verleihen: bald sollte es Ernst und Würde, bald eine gewisse durch ein Lächeln gemilderte Achtung, bald wieder nur Achtung ohne jedes Lächeln widerspiegeln; dann verbeugte er sich einige Male vor dem Spiegel, welche Bewegung von einigen unartikulierten Lauten begleitet wurde, die einige Ähnlichkeit mit französischen Worten hatten, obwohl Tschitschikow absolut kein Französisch verstand. Hierbei bereitete er sich selbst eine Menge höchst angenehmer Überraschungen, zwinkerte sich mit den Augenbrauen und den Lippen zu und bewegte sogar die Zunge ein paar Mal hin und her; du lieber Gott, was macht man nicht alles, wenn man mit sich allein und sich bewußt ist, daß man ein schöner Mann ist, und noch dazu die sichere Überzeugung hat, daß niemand durch das Schlüsselloch guckt. Endlich kraute er sich noch ein bißchen am Kinn und sagte: „Ei, ei, du kleiner Bullenbeißer!“ und begann sich anzuziehen. Während dieses Prozesses befand er sich die ganze Zeit über in der glücklichsten Stimmung: wenn er die Hosenträger anlegte, oder sich den Schlips umband, machte er Kratzfüße, anmutige Verbeugungen und sogar einen Luftsprung, obwohl er nie tanzen gelernt hatte. Dieser Luftsprung hatte nun allerdings einige Folgen, die übrigens recht harmloser Natur waren: die Kommode fing an zu zittern, und die Kleiderbürste fiel vom Tisch herunter.

Sein Erscheinen auf dem Ball machte einen ganz außerordentlichen Eindruck. Alle Anwesenden eilten ihm entgegen — der eine hatte noch ein Spiel Karten in der Hand, ein anderer brach das Gespräch am interessantesten Punkte ab, als er gerade sagte: „Und denken Sie, hierauf erwiderte das Kreisgericht ...“ Was das Kreisgericht eigentlich erwiderte, führte er gar nicht mehr aus, und stürmte auf unseren Helden los, um ihn zu begrüßen: „Pawel Iwanowitsch!“ „O, mein Gott, Pawel Iwanowitsch!“ „Lieber Pawel Iwanowitsch!“ „Verehrtester Pawel Iwanowitsch!“ „Pawel Iwanowitsch, Herzchen!“ „Da sind Sie ja Pawel Iwanowitsch!“ „Da ist er, unser Pawel Iwanowitsch!“ „Lassen Sie sich umarmen, Pawel Iwanowitsch!“ „Her mit ihm, seien Sie recht herzlich geküßt, mein teurer Pawel Iwanowitsch!“ Tschitschikow fühlte, wie er fast gleichzeitig von mehreren umarmt wurde. Er hatte noch nicht Zeit, sich aus der Umarmung des Gerichtspräsidenten zu befreien, als ihn schon der Polizeimeister in seine Arme schloß, dieser gab ihn an den Inspektor des Sanitätswesens weiter, der Inspektor an den Branntweinpächter, der Branntweinpächter an den Stadtbaumeister .... Der Gouverneur, der währenddessen mit ein paar Damen zusammenstand und in der einen Hand einen Zettel aus einer Bonbonniere, in der andern ein Bologneserhündchen hielt, ließ, als er Tschitschikow erblickte, beides — Zettel und Hündchen — auf den Boden fallen, sodaß das Hündchen laut aufheulte ... mit einem Wort, der Ankömmling verbreitete Heiterkeit und Freude um sich her. Es gab kein Gesicht, das nicht vor Vergnügen strahlte, oder doch wenigstens etwas von der allgemeinen Freude widerspiegelte. So glänzen die Gesichter der Beamten während des Besuchs ihres Chefs, der gekommen ist, die ihrer Leitung unterstehenden Ressorts zu inspizieren; nachdem der erste Schreck vorüber ist, bemerken sie, daß manches seinen Beifall findet, ja daß er sich sogar leutselig zu einem kleinen Scherz herabläßt, d. h. ein paar Worte sagt und angenehm dazu lächelt — und nun lachen die ihn umringenden, ihm zunächst stehenden Beamten doppelt herzlich, und ebenso herzlich lachen jene, die zwar die gesprochenen Worte kaum gehört und noch weniger verstanden haben, ja selbst der weit abseits an der Tür stehende Polizist, der noch nie in seinem Leben gelacht, und eben erst dem Volke die Faust gezeigt hat — selbst er verzieht nach den unwandelbaren Gesetzen der Reflexion und der Nachahmung sein Gesicht zu einem Lächeln, welches aber so wenig Ähnlichkeit mit einem Lächeln hat, daß man eher meinen könnte, er habe eine starke Prise genommen und müsse nun niesen. Unser Held beglückte alle und jeden einzelnen mit einer Antwort und fühlte sich ganz außergewöhnlich leicht und sicher: er verneigte sich nach rechts und nach links, und zwar etwas seitwärts, wie das seine Gewohnheit war, aber doch so ungezwungen, daß er alle Anwesenden entzückte. Die Damen umringten ihn sogleich wie eine glänzende Girlande und hüllten ihn in eine Wolke von Wohlgerüchen aller Art ein: die eine roch nach Rosen, die andere brachte den Duft von Veilchen und Frühling mit, die dritte strömte einen starken Resedaduft aus. Tschitschikow hob bloß die Nase und zog den süßen Duft ein. In ihren Toiletten entwickelten sie unendlich viel Geschmack; die Farben ihrer Mousselin-, Atlas- und Tüllstoffe waren von einer so modernen Blässe und Mattigkeit, daß es schwer wäre, auch nur einen Namen für jede Nuance zu finden — eine solche Höhe und Feinheit hatte Kultur und Geschmack hier erreicht! Schleifen, Bänder und Blumensträuße umflatterten die Kleider in malerischer Unordnung, obwohl an dieser Unordnung manch ordentlicher Kopf sich viele Stunden abgemüht hatte. Der leichte Kopfputz ruhte allein auf den Ohren und schien sagen zu wollen: „Halt! Ich fliege fort! Schade nur, daß ich meine Schöne nicht mit mir forttragen kann!“ Sie hatten alle stark und eng geschnürte Taillen, welche dem Auge feste und angenehme Formen darboten. (Bei dieser Gelegenheit muß ich erwähnen, daß alle Damen der Stadt N. sich durch eine gewisse Fülle auszeichneten, aber sie verstanden es, sich so kunstvoll zu schnüren und hatten dabei so angenehme Umgangsformen, daß man es ihnen garnicht anmerkte, daß sie dick waren). Alles war bei ihnen wohldurchdacht und zeugte von Umsicht und Ueberlegung: der Hals und die Schultern waren nur gerade so weit entblößt, als es unumgänglich notwendig war, auch nicht um einen Zoll weiter: eine jede zeigte von ihren Besitzungen nur gerade soviel, als nach ihrem eigenen Gefühl und ihrer Überzeugung nötig war, um einen Mann zugrunde zu richten; der Rest war mit großem Takt und Geschmack verhüllt und zugedeckt: irgend ein leichtes Halstuch aus einem Band, das noch leichter und luftiger war, als jenes Gebäck, welches unter dem Namen „Baiser“ oder „Kuß“ bekannt ist, schlang sich ätherisch um den Hals, oder es ragte im Nacken unter dem Kleide eine kleine Spitzenwand aus feinem Battist hervor, die man bei uns zu Lande „Sittenschild“ zu nennen pflegt. Diese Spitzenwand bedeckte vorn und hinten all das, was zwar keinen Mann mehr zugrunde richten konnte, doch aber den Argwohn rege hielt, daß gerade hier das eigentliche Verderben lauere. Lange Handschuhe, die nicht ganz bis zu den Ärmeln reichten, ließen die reizenden Teile des Armes oberhalb des Ellenbogens frei, welche bei vielen eine beneidenswerte Fülle erkennen ließen; bei manchen waren die Glacéhandschuhe sogar geplatzt, da sie zu hoch hinaufgeschoben waren — mit einem Wort, es war so, als ob ein jedes Ding hätte sagen wollen: „Nein, dies ist keine Provinz, das ist Paris!“ Nur hie und da guckte plötzlich eine Haube, wie noch nie ein Mensch sie gesehen hat, oder eine Pfauenfeder, oder sonst was, das jeder Mode Hohn sprach und einer Eingebung des eigensten Geschmackes entsprang, hervor. Aber ohne das geht es halt nicht ab — das ist nun einmal die Eigentümlichkeit einer Provinzstadt: es gibt immer einen Punkt, wo sie sozusagen aus der Rolle fällt. Tschitschikow stand vor den Damen und dachte sich: „Welche ist denn nun aber die Verfasserin des Briefes?“ Er versuchte es, einen Augenblick seine Nase hervorzustrecken; aber da stieß er mit ihr gegen eine ganze Reihe von Ellenbogen, Aufschlägen, Ärmeln, Schleifen, duftigen Hemdchen und Kleidern. Eine wilde Galoppade jagte wie toll an ihm vorüber: die Frau des Postmeisters, der Kreisrichter, eine Dame mit einer blauen Feder, eine Dame mit einer weißen Feder, der Georgische Prinz Tschiphaihilidsew, ein Beamter aus Petersburg, ein Beamter aus Moskau, ein Franzose namens Coucou, ein Herr Perchunowski und ein Herr Berebendowski — dies alles wuchs plötzlich vor ihm aus der Erde und stürmte davon ....

„Da haben wir die Provinz!“ murmelte Tschitschikow, indem er zurückwich. Aber als sich dann die Damen auf ihre Plätze begaben, fing er wieder an, auszuschauen, ob er nicht nach dem Ausdruck des Gesichts und der Augen erkennen könne, welche die Verfasserin des Briefes sei; allein weder die Gesichter noch die Augen wollten ihm verraten, wer die Unbekannte sei. Überall auf jedem Antlitz schwebte etwas kaum Merkliches, unendlich Feines — oh! wie Feines ...! „Nein,“ sagte Tschitschikow zu sich selbst: „Die Frau — das ist ein Objekt“ — hierbei machte er eine sprechende Handbewegung — „darüber ist überhaupt kein Wort zu verlieren! Es soll mal einer versuchen, all das zu erzählen oder wiederzugeben, was über ihr Gesicht huscht, all diese Schlangenwindungen und dies Wellengekräusel ... das läßt sich eben garnicht ausdrücken! Ihre Augen allein sind ein so unendliches, grenzenloses Reich, wenn sich da ein Mensch hinein verirrt, dann ist er verloren! Da holt ihn kein Haken und keine Winde wieder heraus. Versuch’ doch mal einer ihren Glanz zu beschreiben: diesen feuchten, samtnen, zuckersüßen Glanz ... Gott allein weiß, was es nicht alles für Arten solchen Glanzes gibt: einen harten und weichen, ja selbst einen matten oder wie einige sich ausdrücken, ‚wonnetrunkenen‘ Glanz und dann wieder einen ohne Trunkenheit, der aber noch weit gefährlicher ist — der einen nur so beim Herzen packt und wie mit dem Fidelbogen über die Seele fährt. Nein, da findet man kein Wort dafür: Es ist halt die ‚jalante‘ Hälfte des Menschengeschlechts und weiter nichts!“