„Es ist mir unmöglich, sie zu Ende zu spielen,“ sprach Tschitschikow und warf einen Blick aus dem Fenster. Er sah seine Kutsche bereitstehen und neben ihr Seliphan, der nur auf den Moment zu warten schien, wo er vorfahren könnte; aber jeder Ausweg aus dem Zimmer war verschlossen, denn in der Türe standen zwei kräftige Esel, die Leibeigenen Nosdrjows.

„Du willst also die Partie nicht beendigen?“ wiederholte Nosdrjow, dessen Antlitz vor Zorn glühte.

„Wenn du spielen würdest, wie ein anständiger Mensch .... aber so .... Nein!“

„Also nicht? Du Schurke! Weil du merkst, daß du verlieren mußt, kannst du auf einmal nicht! Haut ihn!“ schrie er plötzlich in rasender Wut, indem er sich an Porphyr und Pawluscha wandte und selbst sein Pfeifenrohr von Weichselholz packte. Tschitschikow wurde bleich wie ein Stück Leinwand. Er wollte etwas sagen, aber er fühlte, daß seine Lippen sich bewegten, ohne einen Laut von sich zu geben.

„Haut ihn!“ schrie Nosdrjow, während er mit seinem Weichselrohr auf ihn losstürzte, zornglühend und schwitzend, als ob er gegen eine unbezwingliche Festung Sturm liefe. — „Haut ihn!“ schrie er mit der Stimme eines tollen Leutnants, der während eines gewaltigen Sturmangriffes seiner Kompagnie: „Vorwärts, Kinder!“ zuruft, und dessen unsinnige Kühnheit solch eine Berühmtheit erlangt hat, so daß die Ordre ausgegeben werden mußte, während eines heftigen Gefechtes, ihn an Händen und Füßen festzuhalten. Aber der Rausch der Schlacht hat ihn schon betört; um ihn herum scheint sich alles zu drehen. Die Gestalt des Feldmarschalls Suworow scheint ihm voranzuschweben. Das große Ziel winkt und blindlings stürzt er darauf zu. „Vorwärts, Kinder!“ schreit er und schon fliegt er voran, ohne zu überlegen, wie sehr er damit dem wohlberechneten Angriffsplane schadet und ohne darauf zu achten, daß Millionen von Büchsenläufen aus den Schießscharten der unbezwinglichen, von Rauchwolken umzogenen Festungsmauern herlugen, daß seine ohnmächtige Kompagnie in die Luft fliegen muß wie leichter Federflaum und daß die verhängnisvolle Kugel sausend naht, um ihm den vorlauten Mund zu schließen. Aber, wenn Nosdrjow einen solchen verzweifelt gegen eine Festung anstürmenden tollköpfigen Leutnant darstellte, die Festung selbst, auf die er den wahnsinnigen Angriff unternahm, schien keineswegs uneinnehmbar, im Gegenteil, die Festung fühlte eine derartige Furcht, daß ihr das Herz in die Hosen fiel. Schon ward ihm der Stuhl, mit dem er sich verteidigen wollte, von den Leibeigenen aus den Händen gerissen, schon bereitete er sich geschlossenen Auges und mehr tot als lebendig, das tscherkessische Pfeifenrohr seines Gastfreundes mit dem Rücken in Empfang zu nehmen, und Gott weiß, was ihm noch sonst alles hätte blühen können. Aber der Vorsehung gefiel es, die Lenden, die Schultern und alle wohlgepflegten Körperteile unseres Helden zu retten. Ganz unerwartet erklangen plötzlich, wie die Stimme eines Himmelsboten, die Töne eines Glöckchens, das Rädergerassel einer vorfahrenden Kutsche und das bis ins Innerste der Stube vernehmbare schwere Schnaufen der erhitzten Pferde eines Dreigespanns. Alles eilte unwillkürlich ans Fenster: ein Mann mit einem martialischen Schnauzbart, im Interimsrock stieg aus dem Wagen. Nachdem er im Flure nach dem Hausherrn gefragt hatte, trat er ins Zimmer, noch bevor Tschitschikow sich von seinem Schreck hatte erholen können und während er sich noch in der jämmerlichsten Lage befand, die je ein Sterblicher durchgemacht hat.

„Darf ich fragen, wer von den Anwesenden Herr Nosdrjow ist?“ sagte der Unbekannte, indem er einen erstaunten Blick auf Nosdrjow, der mit dem Pfeifenrohr in der Hand dastand, und auf Tschitschikow warf, der eben aus seiner traurigen Lage wieder zu sich zu kommen begann.

„Darf ich zuerst erfahren, mit wem ich die Ehre habe?“ sagte Nosdrjow auf ihn zugehend.

„Ich bin der Kreisrichter!“

„Und was wünschen Sie?“

„Ich komme, um ihnen eine mir zugegangene amtliche Mitteilung zu überbringen. Sie befinden sich im Anklagezustand bis zur gerichtlichen Beschlußfassung in dem gegen Sie schwebenden Prozeß.“