Gogol war von Natur sentimental veranlagt, er liebte es, zu belehren und zu predigen. Dieser moralisierende Ton findet sich schon in seinen frühesten Briefen und zeugt nicht nur von den Zweifeln, die den Knaben bewegten, sondern auch von dem lyrischen Schwung seiner Seele. Diese Lyrik in seinem Fühlen und Denken suchte auch einen Ausdruck in seinen Novellen, und so finden wir in diesen ersten Erzählungen neben einem unschuldigen Frohsinn und Humor eine starke melancholische Note; den Schmerz über die vielen traurigen Seiten des Lebens. Aber in demselben Maße, als Gogols Humor ernster wurde, wurde auch der Dichter immer stärker von dem Gedanken ergriffen, er sei berufen, etwas ganz Großes zu erschaffen, und so kam es, daß ihn die sittlichen Tendenzen immer mächtiger erfüllten und mit sich fortrissen. Nach der ersten Aufführung des „Revisor“ überzeugte er sich, daß er wirklich die Kraft zu einer sittlichen Einwirkung auf die Masse besaß, und von da ab war er entschlossen, diese Kraft in den Dienst einer großen Sache zu stellen und die Macht, die ihm verliehen war, nicht in kleinen Taten zu verzetteln. Schon in seiner Jugend, als er sich dieser Macht noch nicht bewußt war, träumte er davon, etwas Großes zu leisten, der Wohltäter und Lehrer seiner Nächsten und ein Held und Kämpfer für das Vaterland zu werden. Um diese hohe Mission durchzuführen, setzte er seine ganze Hoffnung auf sein Talent und begann nach einer seiner würdigen Aufgabe d. h. nach einem großen und bedeutenden Stoff zu suchen, der seinem Glauben an sich selbst Recht gab, und dessen Gestaltung zu einer wirklichen Wohltat für die Nächsten werden sollte.
So konnte die Anekdote von dem Kauf der „toten Seelen“ schnell ihren komischen Charakter verlieren und sich in einen Gegenstand verwandeln, für den der Dichter nicht gleich eine feste Begrenzung und einen passenden Rahmen fand. Auf dieses Sujet konzentrierte Gogol von nun ab die ganze Kraft seines Lyrismus, in ihm wollte er der Macht seiner eigenen sittlichen Überzeugungen Ausdruck verleihen; er begann diesen Stoff ständig zu erweitern und zu vertiefen, um ihn bis zu der Höhe jenes „großen Gegenstandes“ emporzuheben, nach dessen Gestaltung er sich sagen konnte: das hohe und teure Werk, von dem er seit seiner frühesten Jugend träumte, sei vollendet. Es ist begreiflich, daß eine solche Umformung einer schlichten Anekdote zu einer grandiosen Idee nur langsam und allmählich vor sich gehen konnte, und daß der Autor selbst bei Beginn seiner Arbeit nicht zu sagen vermochte, welche Gestalt sie bei ihrer Vollendung annehmen werde.
Neben dieser ethischen Tendenz gewann auch die patriotische Absicht des Dichters einen mächtigen Einfluß auf die Dichtung. Gogols Patriotismus hatte mit den Jahren bedeutend zugenommen, und als der Dichter an die Ausführung seines Planes ging, hatte sich seine Liebe zum Vaterland bereits zu einer stark konservativen Weltanschauung mit einer ausgesprochenen religiösen Färbung zusammengeschlossen. Und dieser Patriotismus wie das Streben, seinen Mitmenschen den Weg zur Wahrheit zu weisen, blieb nicht in seiner Entwickelung stecken, sondern erstarkte noch mehr in dem Maße, als der Dichter an der ständigen Erweiterung und Vertiefung seines Werkes tätig war. Gogol mußte in seinem Roman über Rußland sprechen, und er hat seinem Vaterlande, besonders im ersten Teil, manch bitteres Wort gesagt. Als er noch nicht an eine Fortsetzung seiner Dichtung dachte, ließ er uns seine Heimat nur von „einer Seite“ sehen, und noch dazu von ihrer allerunansehnlichsten. Der Held des Romans und alle Personen, mit denen er zusammentraf, waren Menschen von einer geradezu erbärmlichen Hohlheit. Sie so zu lassen — das bedeutete grausam und herzlos gegen das eigene Vaterland verfahren, das hieß über seine guten Seiten, hieß über alle Russen schweigen, die einen Anspruch auf unsere Liebe und Achtung hatten. Gogols immer wachsende Liebe zum Vaterlande verpflichtete ihn, seinen Mitbürgern in seiner Dichtung auch ein Wort der Ermutigung, der Teilnahme und der Liebe zu sagen. Je mehr sich der Rahmen der Erzählung erweiterte, um so drängender empfand er diese Verpflichtung. Und Gogol schritt vom Humor und von der Satire zur Verherrlichung Rußlands und zur Bewunderung der russischen Tugenden fort. Er wollte ihnen einen gebührenden Platz in seiner Dichtung einräumen und spielte schon im ersten Teil des Romans darauf an. Er wußte, daß der Leser ein Recht hatte, auch eine Darstellung der besten Seiten des russischen Lebens von ihm zu fordern; indem er diesem Wunsche entgegenkam und seinem eigenen patriotischen Gefühl Folge leistete, fing er an, nach neuen positiven Typen für sein Werk zu suchen und seine Seele wieder bis zur schwungvollen Begeisterung seiner früheren Werke emporzustimmen.
Dies ist der Anteil der patriotischen Idee am Gesamtplan der Dichtung. Einen kaum geringeren, wenn nicht noch stärkeren Einfluß auf des Dichters Schaffen gewann die religiöse Stimmung, die Gogol mit jedem Jahre immer machtvoller in ihren Bann schlug. Im Auslande entstand ihm die Überzeugung von der besonderen Mission, die er zu erfüllen habe. Ihn beseelte ein starker Glaube an Gott und Gottes besondere Anteilnahme an ihm und seiner Arbeit. Sein literarisches Schaffen steigerte sich in seinen Augen bis zu einer Art Gottesdienst, und so ist es nur natürlich, daß er sein Leben wie eine ernste und schwere Pflicht zu betrachten begann, eine Pflicht, für die sich der Mensch lange kräftigen und stählen muß, wenn er die große Aufgabe erfüllen will, die Gott in seine Hände gelegt hat. Gogol begann sich auf seine schriftstellerische Aufgabe durch Fasten und Gebet vorzubereiten; er „arbeitete ständig an sich selbst“, schonungslos suchte er alles in sich auszurotten, was er für unheilig und sündhaft hielt, und er richtete all seine Gedanken auf seine sittliche Wiedergeburt; nur mit reinem Herzen und einem verklärten Gemüt glaubte er seine hohe Sendung erfüllen zu können, und diese Stimmung fand natürlich auch ihren Ausdruck in seiner Dichtung. Diese sollte zu einer sittlichen Predigt werden, die sich an die Mitbürger und Mitbrüder wendete, und zu einem Akt der Reinigung von den eigenen Sünden.
So verschmolz für Gogol die schriftstellerische Aufgabe mit der eigensten Sache seines Herzens. Seine Dichtung wurde für ihn zu einem reinigenden Opfer. Die Sünden, von denen er in ihr sprach, forderten Sühne und Ahndung — die Sünden seiner Helden, wie seine eigenen. Sein Werk verwandelte sich in die Geschichte der Verklärung und Erleuchtung einer sündhaften und irrenden Seele, es nahm eine tiefe mystische Bedeutung an — einen ähnlichen Sinn wie das große Epos Dantes, das Gogol stets mit ehrfürchtiger Bewunderung las.
Gogol wollte selbst ein zweiter Dante werden, der aus der Finsternis zum Licht, aus der Hölle zum Himmel emporsteigt, der Gedanke, seine Helden mit sich emporzuziehen, sie durch Reue und Buße aus sündigen zu, wenngleich nicht heiligen, so doch edlen und sittlichen Menschen zu machen, ergriff und erschütterte die Seele des Dichters aufs tiefste. Dieser Gedanke sollte im zweiten und dritten Teile der Dichtung zur Ausführung kommen, aber Gogol kam nie über das Nachdenken und Entwerfen hinaus, und überantwortete schließlich das, was er davon niedergeschrieben hatte, den Flammen. So ist denn alles, was uns in vollendeter und dichterisch abgerundeter Form erhalten blieb, nur der erste Teil der Dichtung: die Geschichte vom Sündenfall des Russen, die Erzählung von seinen Lastern, seiner Hohlheit, seiner Nichtigkeit und Gemeinheit.
VI.
Wenn wir jene Stellen in den „Toten Seelen“, wo der Verfasser auf den geheimnisvollen Sinn seiner Dichtung und auf die folgenden Teile hindeutet, d. h. alle lyrischen Exkurse ausnehmen, in denen der Dichter selbst das Wort ergreift, dann bildet dieser Roman gewissermaßen die direkte, wenngleich viel reichere und vielseitigere Fortsetzung des „Revisors“. Beide Werke stellen ein ungeschminktes, in seiner Wahrheit erschütterndes Bild russischen Lebens dar. Die handelnden Personen im „Revisor“ waren Beamte, zu denen sich in den „Toten Seelen“ noch Gutsbesitzer und Leibeigene gesellen. Aber das Gemälde erscheint hier unendlich erweitert und vertieft. Die psychischen Regungen und Bewegungen der Helden des „Revisors“ waren noch wenig differenziert und nicht sehr vielgestaltig — ganz anders verhält es sich in den „Toten Seelen“, wo ein viel reicheres und nuancierteres Leben, voll starker Kontraste pulsiert. Eine ganze Galerie charakteristischer Typen rollt sich vor uns auf, und jede dieser Typen zeigt eine scharfe ausgesprochene Physiognomie, die von der ersten bis zur letzten Seite der Dichtung unbeirrt festgehalten wird. Inmitten dieser Personen, die wie lebendige, blutvolle Menschen vor uns stehen, lebt und bewegt sich der Held: Pawel Iwanowitsch Tschitschikow; ihn verbindet kein engeres Band mit der Gesellschaft, die ihn umgibt, sondern er kommt von außen hereingeschneit wie Chlestakow im „Revisor“. Dieser Held ist vom Autor mit besonderer Liebe und Sorgfalt gezeichnet. Er ist das Zentrum, um das sich alle Personen der Dichtung gruppieren, und unser Führer in diesem Panoptikum von Leibeigenen, Gutsbesitzern und Beamten, von denen jeder einzeln und für sich genommen so unendlich komisch und lächerlich wirkt, und die alle zusammengenommen einen so tieftraurigen Eindruck hervorrufen.
Und doch ist Gogol mit seinen Helden noch sehr gnädig verfahren. Es ist keine Frage, daß Tschitschikow ein Mann von recht zweifelhaften moralischen Qualitäten, einer dunklen Vergangenheit und einer recht unerfreulichen Aktualität ist. Als Mensch und Bürger ist er ein Gauner und Spitzbube im vollen Sinne des Wortes, als Persönlichkeit der typische Repräsentant einer sehr weit verbreiteten Durchschnittsmoral, die in ihrem tiefsten Grunde die Unsittlichkeit selbst ist, die aber selber lebt und leben läßt. Indessen hat sich der Dichter nicht mit dieser kühlen und unbefangenen Charakteristik dieses so liebenswürdigen und höflichen Räubers begnügt; er erzählt uns die ganze Geschichte seiner Jugend, er erklärt uns, wie in Tschitschikow diese räuberischen Instinkte entstehen konnten, und läßt uns darüber nachsinnen, ob die ganze Verantwortung für die Spitzbübereien und Gaunereien seines Helden wirklich auf Tschitschikow allein fällt, oder ob nicht die größere Hälfte seiner Schuld auf das Konto des Milieus, in dem er aufwuchs, abgewälzt werden muß. Ja, Gogol geht zuletzt sogar so weit, daß er dem Leser geradezu die Frage vorlegt: „Ist Tschitschikow denn tatsächlich ein solcher Lump?“ Und er fährt fort: „Warum gleich ein Lump? Warum sollen wir so streng gegen unsere Nächsten sein? — Er ist einfach das, was man einen guten Wirt und ein Erwerbsgenie nennt.“
Der Erwerbstrieb trägt die Schuld an allem: er ist die Ursache, daß Dinge geschehen, die die Welt als nicht ganz sauber bezeichnet. Tschitschikow ist das Opfer seiner Leidenschaft „und es gibt Leidenschaften, deren Wahl nicht in der Macht des Menschen liegt“.