Endlich tauchte auch das Gut auf. Die zahlreichen auf drei Anhöhen gelegenen Hütten nahmen sich von Ferne wie eine Stadt aus. Jeder der drei Hügel war von einer Kirche gekrönt, überall sah man mächtige Getreide- und Heuschober stehen. „Hm!“ dachte Tschitschikow, „man merkt gleich, daß hier ein königlicher Gutsbesitzer wohnt!“ Die Hütten waren alle fest und dauerhaft gebaut; hie und da sah man einen Bauernwagen stehn — und auch der Wagen war stark und neu; die Bauern, denen man begegnete, hatten alle kluge und gescheidte Gesichter; auch das Hornvieh war von der besten Sorte, und selbst die Schweine der Bauern sahen aus wie Aristokraten. Man hatte den Eindruck, dies sei der Ort, wo die Bauern wohnen, welche das Silber, wie es im Liede heißt: mit Schaufeln nach Hause tragen. Hier gab es keine englischen Parks, noch Rasenplätze, noch andre kunstvolle Anlagen, statt dessen zog sich nach alter Sitte eine lange Reihe von Kornspeichern und Arbeiterhäusern bis dicht ans Herrenhaus, damit der Gutsherr auch alles kontrollieren könne, was rund um ihn her vor sich geht; auf dem hohen Dache des Herrenhauses erhob sich eine Art Leuchtturm; das war kein architektonischer Schmuck; er war nicht dazu da, damit der Hausherr und seine Gäste sich an der schönen Aussicht ergötzen könnten, sondern um die Arbeiter auch auf den entferntesten Feldern ständig zu beaufsichtigen. Die Reisenden wurden an der Haustreppe von flinken Dienern empfangen, die gar keine Ähnlichkeit mit dem ewig betrunkenen Petruschka hatten; auch hatten sie keine Fräcke, sondern Jacken aus gewöhnlichen selbstgewebtem blauen Tuch an, wie sie die Kosacken zu tragen pflegen.
Die Frau des Hauses kam auf die Treppe hinausgelaufen. Sie hatte eine frische Gesichtsfarbe wie Milch und Blut, und war schön wie Gottes heller Tag, sie glich Platonow wie ein Ei dem andern, nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht so matt und schlaff, wie er, sondern immer heiter und gesprächig war.
„Guten Tag, Bruder! Bin ich aber froh, daß du gekommen bist. Konstantin ist leider nicht zuhause, aber er muß bald kommen.“
„Wo ist er denn?“
„Er hat mit ein paar Händlern im Dorfe zu tun,“ sagte sie, während sie die Gäste ins Zimmer geleitete.
Tschitschikow sah sich neugierig in der Wohnung dieses merkwürdigen Menschen um, der ein Einkommen von zweimal hunderttausend Rubeln hatte, denn er glaubte, er werde aus dieser den Charakter und das Wesen des Besitzers erkennen können, wie man etwa von einer Muschel auf die Auster oder von dem leeren Schneckengehäuse auf die Schnecke schließt, die es einstmals bewohnte und ihren Abdruck darin hinterlassen hat. Aber das Wohnhaus erlaubte es nicht, irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Die Zimmer waren alle schlicht und einfach ausgestattet und beinahe leer; da gab es weder Fresken, noch Bronzen, noch Blumen, noch Etageren mit kostbarem Porzellan, ja nicht einmal Bücher. Mit einem Wort, alles deutete darauf hin, daß das Wesen, das hier hauste, sich den größten Teil seines Lebens garnicht innerhalb der vier Zimmerwände, sondern draußen im Felde aufhielt und daß es seine Pläne nicht vorsorglich und sybaritisch im weichen Lehnstuhl am Kaminfeuer überlegte und dort seinen Gedanken nachhing, sondern daß sie ihm an Ort und Stelle, mitten in der Tätigkeit einfielen und auch dort ins Werk gesetzt wurden. In den Zimmern konnte Tschitschikow nur die Spuren eines echt weiblichen häuslichen Sinnes entdecken: auf den Tischen und Stühlen lagen Bretter von Lindenholz, auf denen offenbar zum Trocknen bestimmte Blumenblätter ausgeschüttet waren.
„Was ist das für ein Plunder, der hier herumliegt, Schwester?“ sagte Platonow.
„Das ist doch kein Plunder!“ versetzte die Hausfrau. „Das ist das beste Mittel gegen Fieber. Voriges Jahr haben wir alle unsere Bauern damit kuriert. Hieraus machen wir Likör, und jenes dort soll eingemacht werden. Ihr lacht uns immer mit unseren Marmeladen und unserem eingelegten Gemüse aus; nachher aber lobt Ihr es selbst, wenn Ihr es eßt.“
Platonow ging ans Klavier und betrachtete die aufgeschlagenen Noten.
„Herrgott, das alte Zeug!“ sagte er, „Schämst du dich gar nicht, Schwester?“