Fünftes Kapitel.[7]

Jedermann sucht sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. „Was mich zwickt, das zwick’ ich wieder,“ sagt ein russisches Sprichwort. Tschitschikow begab sich nun auf eine kleine Entdeckungsreise durch seine Koffer und Kisten; sie war von Erfolg gekrönt, und so wanderte denn während dieser Expedition mancherlei aus den Koffern in die Privatschatulle hinüber. Mit einem Wort, es wurde alles aufs beste erledigt. Tschitschikow hatte ja nicht gestohlen, sondern nur die Gelegenheit benutzt. Wir suchen doch auch aus allem Möglichen Nutzen zu ziehen: der eine aus Staatswäldern, der andere aus Staatsgeldern, ein dritter bestiehlt seine eigenen Kinder wegen irgend einer durchreisenden Schauspielerin, ein vierter — seine Bauern, um sich Möbel vom Hombs oder eine Equipage anzuschaffen. Was ist zu machen, wo es heute soviel Verführungen in der Welt gibt: teuere Restaurants mit geradezu wahnsinnigen Preisen, Redouten, Gartenfeste, Zigeuner, Bälle usw. Es ist doch so schwer, darauf zu verzichten, wenn alle Leute ringsherum dasselbe tun, — und dann ist es doch auch Mode, da soll sich einer von alledem fernhalten! Tschitschikow hätte eigentlich schon unterwegs sein sollen, aber die Wege waren nicht in Ordnung. Unterdessen sollte in der Stadt noch eine andere Messe eröffnet werden: nämlich die für die vornehmen Leute.[(11)] Auf der andern Messe wurde mehr mit Pferden, Vieh, Rohprodukten und allerhand Waren gehandelt, welche die Bauern auf den Markt brachten und die von Viehhändlern und Kaufleuten aufgekauft wurden. Nun aber wurde alles, was auf der Messe zu Nischnij Nowgorod von den Händlern an Handelsartikeln für den Bedarf der vornehmeren Leute aufgekauft worden war, hierhergebracht. Da fand sich alles zusammen: alle Räuber und Plünderer der russischen Geldbeutel, Franzosen mit Pomade, und Französinnen mit Hüten, die Räuber des mit Schweiß, Mühe und Blut erworbenen Geldes — diese ägyptische Heuschreckenplage, wie Kostanshoglo sich auszudrücken liebte, dieses Ungeziefer, das nicht nur alles auffrißt, sondern auch noch seine Eier zurückläßt und sie in die Erde verscharrt.

Nur die Mißernte hielt viele Gutsbesitzer zu Hause zurück. Dafür machten die Beamten, die ja unter keinen Mißernten leiden, ihren Beutel um so weiter auf, und ihre Frauen taten leider desgleichen. Sie hatten ihre Köpfe noch voll von allerhand Büchern, die in der letzten Zeit in der Welt verbreitet worden waren, um den Menschen neue Bedürfnisse einzupflanzen, und nun dürsteten sie förmlich nach neuen Genüssen. Ein Franzose eröffnete ein neues Lokal, einen öffentlichen Garten, wie man ihn in der Provinz noch nie gesehen hatte, wo man angeblich zu besonders billigen Preisen soupieren konnte; zudem erhielt man die Hälfte auf Kredit. Dies genügte, daß nicht nur alle Abteilungschefs, sondern selbst alle kleineren Beamten, die schon im voraus mit den Geldgeschenken ihrer Klienten rechneten, dorthin strömten. Auch wünschte man seine Pferde und seinen Kutscher öffentlich sehen zu lassen. Hier floß alles zusammen, hier trafen sich Leute jeden Standes, um sich zu vergnügen und zu zerstreuen ... Trotz des scheußlichen Wetters und dem Kot auf den Straßen flogen überall elegante Equipagen hin und her. Woher sie kamen, das weiß Gott allein, aber sicherlich hätten sie sich auch in Petersburg ruhig sehen lassen können. Die Kaufleute und Kommis lüfteten leicht ihre Mützen und sprachen die vorübergehenden Damen höflich an. Nur hie und da sah man Männer mit langen Bärten und ballonartigen Pelzmützen. Alles hatte einen europäischen Anstrich; überall begegnete man Herren mit schönrasierten Gesichtern und ... hohlen Zähnen.

„Bitte hierher, hierher! Aber bitte treten Sie doch nur einen Augenblick in meinen Laden. Mein Herr, mein Herr!“ hörte man hie und da kleine Jungen schreien.

Aber die vornehmen Herren und Damen, die so vertraut mit dem europäischen Wesen waren, hatten nur einen Blick der Verachtung für sie; nur ganz selten setzte einer eine würdige Miene auf und machte ... Pst; dort wieder hörte man jemand rufen: Hier gibt’s Stoffe, helle, dunkle, bunte usw.

„Haben Sie einen glänzenden preißelbeerfarbenen Stoff für einen Herrenanzug?“ fragte Tschitschikow.

„Die schönsten Stoffe,“ versetzte der Kaufmann, während er mit der einen Hand die Mütze abnahm und mit der andern auf den Laden deutete. Tschitschikow trat ein. Der Kaufmann hob geschickt das Brett des Ladentisches in die Höhe und stand gleich darauf auf der andern Seite, mit dem Rücken zu den Stoffen, die in Rollen übereinander aufgeschichtet waren und die ganze Wand vom Fußboden bis zur Decke einnahmen. Das Gesicht dem Käufer zugewandt, stützte er sich mit beiden Händen auf den Tisch und sagte, indem er seinen Oberkörper leicht hin- und herwiegte: „Was für einen Stoff wünschen Sie?“

„Einen glänzenden Stoff, olivengrün oder flaschengrün, etwas was dem Preißelbeerrot nahekommt,“ versetzte Tschitschikow.

„Ich darf Ihnen versichern, daß ich Ihnen nur das Allerbeste vorlegen werde. Sie können höchstens in den zivilisiertesten Hauptstädten Europas etwas Besseres finden. He! Bursche! Hol doch mal den Stoff Nummer 34 herunter! Nein, nicht doch! nicht den! Wozu strebst du immer über deine Sphäre hinaus, wie so ein Proletarier! So! Wirf ihn mir zu! Bitte! Das ist ein Stoff, kann ich Ihnen sagen!“ Und der Kaufmann rollte den Stoff auf und hielt ihn Tschitschikow direkt unter die Nase, sodaß dieser den seidenen Glanz nicht bloß fühlen, sondern auch riechen konnte.

„Ganz schön, aber das ist nicht das, was ich haben will,“ sagte Tschitschikow. „Ich habe im Zollamt gedient, da brauche ich etwas Erstklassiges, das Beste, was es überhaupt gibt, und dann muß der Stoff mehr rötlich, weniger flaschengrün und mehr preißelbeerfarben sein.“