„Aber erlauben Sie, wie kann ich nur? ... Meine Sachen ... meine Schatulle ... das ist doch alles versiegelt, in den Händen der Polizei ...“

„In einer Stunde haben Sie alles wieder! Schlagen Sie ein?“

Tschitschikow reichte ihm seine Hand. Sein Herz klopfte, er glaubte nicht recht, das es möglich sei ...

„Doch nun leben Sie wohl. Unser gemeinsamer Freund bittet mich Ihnen zu sagen: die Hauptsache ist: ruhig Blut und Geistesgegenwart!“

„Hm!“ dachte Tschitschikow, „ich verstehe: der Rechtsanwalt!“ Ssamoswistow entfernte sich. Als Tschitschikow sich wieder allein in seiner Zelle befand, wollte er noch immer nicht recht an dessen Worte glauben, aber es verging keine halbe Stunde, da wurde ihm schon seine Schatulle gebracht: die Papiere, das Geld — alles war in schönster Ordnung. Ssamoswistow spielte die Rolle eines Inspektors: er gab den Posten einen Rüffel, weil er nicht wachsam genug sei, gab dem Gefängnisaufseher den Befehl, noch ein paar Soldaten zur Verstärkung der Wache kommen zu lassen, beschlagnahmte die Schatulle und entnahm ihr sämtliche Papiere, die Tschitschikow im geringsten kompromittieren konnten, dann band er alles zusammen, versiegelte es und beauftragte einen Soldaten, das Paket sofort Tschitschikow zu überbringen, unter dem Vorwand, es befänden sich Bettwäsche und die notwendigsten Stücke der Nachttoilette darin, sodaß Tschitschikow zugleich mit seinen Papieren noch warme Sachen erhielt, mit denen er seinen sterblichen Leib zudecken konnte. Diese prompte Zustellung bereitete ihm eine unsagbare Freude. Er faßte wieder Hoffnung und schon fing er aufs neue an, von allerhand schönen Dingen zu träumen: vom Theater und einer reizenden Tänzerin, der er die Kur machte. Das Gut und die ländliche Stille verblaßten merklich, dagegen malte sich ihm die Stadt und ihr lärmendes Getriebe in weit helleren und klareren Farben ... „O Leben!“

Unterdessen hatte vor den Gerichten und Tribunalen ein Prozeß von geradezu grenzenlosen Dimensionen begonnen. Die Federn der Schreiber waren emsig an der Arbeit; gescheite Leute schnupften Tabak, zerbrachen sich die Köpfe, und hatten einen beinahe künstlerischen Genuß beim Studium dieser herrlichen schwungvoll geschriebenen Akten. Der Rechtsanwalt lenkte und leitete wie ein verborgener Zauberkünstler den ganzen Mechanismus; noch ehe jemand Zeit hatte sich umzusehen, hatte er alle in seinem Netze gefangen. Der Wirrwarr wurde immer größer. Ssamoswistow übertraf sich selbst durch seine geradezu unerhörte Kühnheit und Frechheit. Er brachte in Erfahrung, wo die jüngst verhaftete Frau untergebracht war, ging sofort hin und trat mit der sicheren und kecken Miene eines Chefs oder Vorgesetzten ein, so daß der Posten „Honneur“ machte und stramm stand. „Stehst du schon lange hier?“ — „Seit heute morgen, Euer Gnaden!“ — „Wirst du bald abgelöst?“ — „Um drei Uhr, Euer Gnaden!“ — „Ich werde dich brauchen. Ich werde dem Offizier sagen, daß er statt deiner einen andern herschicken soll.“ — „Zu Befehl, Euer Gnaden!“ Hierauf fuhr er nach Hause, und um nur ja niemand in die Sache zu verwickeln und alle Spuren zu verwischen, zog er sich sofort um. Er verkleidete sich als Gendarm und klebte sich einen künstlichen Schnurrbart und Backenbart an, sodaß ihn der Teufel selbst nicht erkannt hätte. Er ging in das Haus, wo Tschitschikow wohnte, ergriff das erste beste Weib, das ihm unter die Hände kam, übergab sie zwei jungen forschen Beamten, die auch eingeweiht waren, und erschien plötzlich ganz wie es sich gehört mit einem großen Schnauzbart und einem Gewehr vor dem Posten: „Marsch ... der Kommandeur hat mich hierher geschickt; ich soll dich ablösen.“ Er löste den andern ab und pflanzte sich selbst mit dem Gewehr in der Hand vor dem Eingang auf. Das war alles, was er brauchte. Unterdessen hatte man das eine Weib mit einem andren vertauscht, das überhaupt nichts wußte, und keine Ahnung von der ganzen Sache hatte. Das erste Weib wußte man so gut zu verstecken, daß später kein Mensch mehr herauskriegen konnte, wo es eigentlich geblieben war. Während Ssamoswistow so seine Rolle als Soldat spielte, vollbrachte der Rechtsanwalt seinerseits wahre Wundertaten auf dem bürgerlichen Schauplatz! Er ließ dem Gouverneur durch eine dritte Person mitteilen, daß der Staatsanwalt die Absicht habe, ihn zu denunzieren; dem Gendarmerieoberst ließ er mitteilen, daß ein Beamter, der sich im geheimen in der Stadt aufhielte, ihn denunzieren wolle; dem geheimnisvollen Beamten brachte er die Überzeugung bei, daß es einen noch geheimnisvolleren Beamten gäbe, der ihn denunzieren wolle — und er brachte alle dadurch in eine solche Lage, daß sich jeder an ihn wenden mußte, um sich Rat und Beistand zu holen. Es entstand ein furchtbarer Wirrwarr: eine Denunziation jagte die andre, es kamen unerhörte Dinge an den Tag, wie sie hier unter der Sonne noch nie vorgekommen, und sogar solche, die überhaupt nicht vorhanden waren. Jeder Plunder fand seine Verwendung, alles wurde hervorgeholt und ans Licht gezogen: daß einer ein unehelicher Sohn war, was für einen Beruf und Stand er hatte, daß er sich eine Maitresse hält, und wessen Frau einem andern nachläuft. Skandalgeschichten und allerhand schmutzige Affären wurden mit dem Fall Tschitschikow und den Toten Seelen derartig vermengt und in Verbindung gebracht, daß man absolut nicht herauskriegen konnte, welche von diesen Affären den tollsten Unsinn darstellte: beide waren einander wert. Als dann schließlich die Akten beim Generalgouverneur einliefen, konnte der arme Fürst überhaupt nichts mehr verstehn. Der Beamte, der den Befehl erhalten hatte, einen Extrakt oder Auszug aus den Akten zu machen, ein gewandter und gescheiter Mann, verlor darüber beinahe den Verstand, er konnte den roten Faden in der ganzen Sache durchaus nicht finden. Der Fürst hatte gerade um diese Zeit große Sorgen wegen einer ganzen Reihe anderer Angelegenheiten, von denen eine unangenehmer war, als die andre. In einem Teil der Provinz war eine Hungersnot ausgebrochen. Die Beamten, die hingeschickt worden waren, um Brot unter die Hungernden zu verteilen, hatten die Lebensmittel nicht in der richtigen Weise verwendet. In einem andern Teil der Provinz regten sich die Sektierer. Jemand hatte das Gerücht unter ihnen verbreitet, daß der Antichrist gekommen sei, der nicht einmal die Toten in Ruhe lasse und tote Seelen aufkaufe. Sie taten Buße, sündigten weiter und machten unter dem Vorwande, den Antichristen fangen zu wollen, ein paar Nicht-Antichristen den Garaus. An einer andern Stelle waren Unruhen unter den Bauern ausgebrochen; sie hatten sich gegen die Gutsbesitzer und gegen den Gendarmerieobersten empört. Ein paar Landstreicher hatten das Gerücht verbreitet, jetzt sei die Zeit gekommen, wo die Bauern Gutsbesitzer werden und Fräcke anziehen müßten, während die Gutsbesitzer den Bauernkittel anlegen und selbst Bauern werden müßten — und ein ganzer Bezirk hatte daraufhin, ohne zu überlegen, daß es unter diesen Umständen ja viel zu viele solche Gutsbesitzer und Gendarmerieoffiziere geben werde — die Steuern verweigert. Man mußte zu Zwangsmaßregeln greifen. Der arme Fürst war ganz verstimmt und befand sich in der höchsten Aufregung. Da teilte man ihm mit, der Branntweinpächter Murasow sei gekommen. „Er soll eintreten!“ sagte der Fürst. Der Greis betrat das Zimmer.

„Da haben Sie Ihren Tschitschikow. Sie setzten sich für ihn ein und versuchten, ihn zu verteidigen. Jetzt hat man ihn bei einer Sache ertappt, zu der sich der schlimmste Dieb und Räuber nicht hergegeben hätte.“

„Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, Durchlaucht, daß ich die ganze Sache nicht recht gut verstehe.“

„Die Fälschung eines Testaments, und was für eine Fälschung! ... Darauf steht öffentliche Züchtigung mit der Knute!“

„Durchlaucht — was ich jetzt sage, sage ich nicht, um Tschitschikow zu verteidigen — aber das ist doch alles noch garnicht bewiesen: die Untersuchung hat ja noch garnicht stattgefunden.“