Aber am schönsten ist’s doch, wenn alle sich zu einem Haufen zusammentun, und man beginnt, Rätsel zu raten, oder ganz einfach — zu schwatzen. O mein Gott! Was wird da nicht alles erzählt! Was wird da nicht für alter Kram ausgegraben! Was für Gruselzeug wird da nicht herangeschleppt! Aber nirgends ward wohl soviel Wunderliches erzählt wie an den Abenden beim Rotfuchs Panjko, dem Bienenzüchter. Warum mich die Leute den „Rotfuchs Panjko“ nennen, das vermag ich, weiß Gott, nicht zu sagen. Auch ist ja mein Haar, sollt’ ich wohl glauben, eher grau als rot. Aber das ist bei uns nun eben, mit Verlaub zu sagen, so Sitte: haben die Leute einem mal ’nen Spitznamen gegeben, so behält er ihn in alle Ewigkeit. Oft kamen am Vorabend hoher Feiertage allerlei brave Leute in die Hütte des Bienenzüchters zu Gaste, und wenn die sich erst an den Tisch gesetzt hatten, da gab’s dann was zu hören. Das waren nicht etwa Leute aus den einfachen Ständen, nicht etwa Bauern aus einem Vorwerk; manch einem, der mehr als Bienenzüchter ist, würde ihr Besuch Ehre machen. Kennt ihr zum Beispiel Foma Grigorjewitsch, den Küster an der Kirche zu Dikanka? Das ist ein Kopf, sag’ ich euch! Was konnte der nicht für Geschichten erzählen! Zwei davon sollt ihr in diesem Büchlein finden. Nie hat der einen Kittel aus Bast getragen, wie ihr ihn bei so vielen Küstern auf dem Lande findet; ja, kamt ihr selbst an Werkeltagen zu ihm, so empfing er euch immer in einer Joppe aus feinem Tuch von einer Farbe wie die von kaltem Kartoffelbrei, für das er in Poltawa fast sechs Rubel die Elle bezahlt hat. Von seinen Stiefeln wird niemand auf dem ganzen Weiler behaupten können, sie hätten nach Teer gerochen; jeder weiß, daß er sie mit dem allerfeinsten Schmalz geschmiert hat, das, glaub’ ich, mancher Bauer sich wohl mit Freuden in den Brei getan hätte. Auch wird niemand zu sagen wagen, daß er sich je die Nase mit dem Rockschoß gewischt hat, wie es manche Leute seines Standes zu tun pflegen; nein, er zog ein weißes, säuberlich gefaltetes Tüchlein aus dem Busen, dessen Bänder mit rotem Zwirn bestickt waren, verrichtete sein Bedürfnis, faltete es nach seiner Gewohnheit zwölffach zusammen und barg es wieder im Busen. Und ein anderer Gast .... je nun, das war solch ein feines Herrchen, daß man ihn stracks zum Präsidenten oder Exekutor hätte machen können. Er pflanzte seinen Finger vor der Nase auf, und dann blickte er die Spitze an und erzählte so spitzfindig durch die Blume, akkurat wie es in den gedruckten Büchern steht! Wenn ihn unsereiner manchmal so hörte, da mußte man ja ganz nachdenklich werden. Kein Sterbenswörtchen war zu verstehen. Wo hat der bloß solche Worte hergenommen? Diesbezüglich hat Foma Grigorjewitsch einmal eine treffliche Schnurre erdacht: er erzählte ihm eine Geschichte von einem Schüler, der einst bei einem Küster zur Schule ging; als der wieder zu seinem Vater kam, da war er ein solcher Lateiner geworden, daß er sogar unsere rechtgläubige Sprache vergessen hatte — alle Worte ließ er auf „us“ endigen: statt Schaufel sagte er „Schaufelus“, statt Weib „Weibus“ usw. Einmal ging er mit seinem Vater über Feld. Der Lateiner erblickt eine Harke und fragt: „Wie nennt man das bei euch, Vater?“ und dabei sperrte er das Maul weit auf und trat der Hacke auf die Zähne. Der Vater hatte kaum antworten können, da flog der Griff der Harke dem Sohne mit einem Schwung gegen die Stirn. „Die verdammte Harke!“ schrie der Schuljunge, fuhr sich mit der Hand an den Kopf und sprang eine Elle hoch in die Luft. „Der Satan soll den Mann holen, der das Harkenzeug gemacht hat! Sie tut so weh!“ „So, bist du endlich auf den Namen gekommen, mein Täubchen?“ — Dieses Märchen wollte dem verblümten Erzähler nicht besonders gefallen. Ohne ein Wort zu sagen, stand er von seinem Platze auf, stellte sich breitbeinig mitten im Zimmer hin, neigte den Kopf etwas vor, schob die Hand in die Seitentasche seines erbsengrauen Rockes, holte seine runde lackierte Tabakdose hervor, schnippte mit dem Finger über das draufgemalte Gesicht eines ausländischen Generals, nahm eine ziemlich große Prise seines mit Asche und Liebstöckelblättern vermischten Tabaks, führte sie weit ausholend an die Nase und sog im Nu das ganze Häufchen ein, ohne auch nur den Daumen zu streifen, und dabei sprach er keine Silbe. Erst als er in die andere Tasche griff und ein blaukariertes Baumwollentuch hervorholte, da murmelte er etwas vor sich hin, wie: „Man darf seine Perlen nicht vor die Säue werfen!“ ..... „Da gibt’s einen Krach,“ dachte ich, als ich sah, wie Foma Grigorjewitschs Finger sich zu einer Ohrfeige zusammenballten; zum Glück hatte meine Alte die gute Idee gehabt, gebackenes Weißbrot mit Butter auf den Tisch zu stellen. So machten sich denn alle daran; auch Foma Grigorjewitschs Hand griff, statt dem andern eine Nase zu drehen, danach, und alle begannen, wie üblich, die tüchtige Hausfrau zu loben. Dann gab’s bei uns noch einen, der zu erzählen verstand; aber der (nie zur Nacht sei dran gedacht!) der erzählte so gruselige Geschichten, daß einem die Haare zu Berge standen. Ich habe sie absichtlich nicht hier hereingebracht: die guten Leute könnten gar noch solche Angst vor dem Bienenzüchter bekommen, wie — Gott bewahre mich — vor dem Teufel. Lieber will ich, wenn’s Gott gefällt, bis Neujahr warten, und gebe dann noch ein Büchlein heraus. Da sollen uns meinetwegen Gestalten aus jener anderen Welt entsetzen, und Mirakel, die sich in alten Zeiten in unserem rechtgläubigen Lande zugetragen haben. Ihr werdet darunter vielleicht auch einige Parabeln vom Bienenzüchter selbst finden, wie er sie seinen Enkeln erzählt hat. Ihr braucht nur die Ohren zu spitzen. Ich hab’ nur keine Lust herumzukramen, sonst könnte ich wohl noch zehn solche Büchlein zusammenbringen.

Doch halt — ich habe ja die Hauptsache vergessen: Wenn Ihr, lieben Herren, zu mir fahrt, dann schlagt die gerade Poststraße nach Dikanka ein. Ich hab’ mit Fleiß den Ort an die erste Seite gestellt, damit Ihr den Weiler schneller zu erreichen wißt. Doch Ihr habt wohl schon zur Genüge von Dikanka gehört. Wahrlich, dort sind die Häuser stattlicher als die Strohbude eines bescheidenen Bienenzüchters. Ganz zu schweigen vom Garten: dergleichen findet ihr wohl nur noch in eurem Petersburg. Wenn ihr nach Dikanka kommt, so fragt bloß den ersten besten Jungen, der im schmierigen Hemde seine Gänse hütet: „Wo wohnt hier der Bienenzüchter Panjko?“ — „Da hier,“ wird er sagen, und zeigt’s euch mit dem Finger, und wenn ihr wollt, so bringt er euch sogar bis vors Haus. Doch bitte ich euch, legt nur nicht zu gemächlich die Hände auf den Rücken und springt mir nicht zu unbedacht herum, denn unsere Landstraßen sind nicht so glatt wie die vor euren feinen Häusern. Als Foma Grigorjewitsch vor zwei Jahren aus Dikanka hinausfuhr, geriet er mit seinem Wägelchen mitsamt dem vorgespannten Braunen in den Graben, obwohl er selbst die Zügel führte und sich zu seinen eignen Augen noch manchmal gekaufte aufsetzte.

Wenn ihr nun aber doch zu Gaste kommt, so sollt ihr solche Melonen kriegen, wie ihr sie euer Lebtage noch nicht gegessen habt; und besseren Honig, das schwör’ ich euch, werdet ihr auf keinem Vorwerk finden: stellt euch vor, wenn man so eine Wabe hereinbringt, da strömt euch ein Geruch durchs ganze Zimmer — es läßt sich gar nicht ausdenken, was für ein Geruch! Klar wie eine Träne oder wie teures Kristall, das man in den Ohrringen trägt! Und was für Pasteten euch meine Alte vorsetzt! Was für Pasteten! Wenn ihr das wüßtet: Zucker, der reine Zucker! Und die Butter läuft einem beim Essen nur so über die Lippen. Es ist nicht zu glauben, was diese Weiber alles können! Habt ihr schon je Birnenmost mit Schlehdornbeeren gekostet, meine Herren? Oder Bier mit Rosinen und Pflaumen? Oder Gekröse in Milch? O Gott, was es alles für Gerichte in der Welt gibt! Man kann kaum genug bekommen. O, es ist ein Genuß: zum Fingerablecken! Im vergangenen Jahr ..... Aber was schwatz’ ich da zusammen ..... kommt nur, kommt recht bald; ihr sollt so bewirtet werden, daß ihr’s ganz sicher weit und breit erzählen werdet.

Rotfuchs Panjko.
Bienenzüchter.

Der Jahrmarkt in Sorotschintzy

I.

Trüb wird mir in dieser Hütte,

O so führ mich aus dem Haus!

Führ mich hin zu Lärm und Braus,

Dorthin, wo die Mädel springen