„Trumpf!“ schrie er und schlug mit der Karte so mächtig auf den Tisch, daß sie sich krumm bog. Jene deckte, ohne ein Wort zu sagen, mit einer Acht. „Und womit stichst du, alter Teufel?“ Die Hexe hob die Karte auf, unter der eine einfache Sechs lag. „Ach verdammtes Satansgeflunker!“ rief der Großvater und schlug vor Ärger aus aller Leibeskraft mit der Faust auf den Tisch. Ein wahres Glück, daß die Hexe schlechte Karten hatte; der Großvater hatte wie zu Fleiß lauter Paare in seiner Hand. Er begann zu kaufen, aber er war schon mit seiner Kraft zu Ende: er bekam so schlechte Karten, daß er die Hände sinken ließ. Es gab keine Karten mehr zu kaufen und nun ging er schon, ohne viel hineinzublicken, mit einer einfachen Sechs los. Die Hexe nahm sie auf. „Da hast du die Bescherung! Was sollte das bedeuten? Oho, da stimmt sicher etwas nicht!“ Der Großvater nahm also heimlich die Karten unter den Tisch und schlug ein Kreuz über sie; und auf einmal hatte er Trumpf-Aß, Trumpf-König und Trumpf-Bube in Händen, und statt seiner Sechs hatte er Dame gespielt. „Ein schöner Narr bin ich gewesen,“ dachte er sich. — „Trumpf-König! Was? Hast du das? Du Katzenbrut! Willst du vielleicht ein Aß? Ein Aß! einen Buben! ....“ Ein donnerndes Dröhnen rollte durch die ganze Hölle; die Hexe verfiel in Krämpfe, und auf einmal flog dem Großvater — patsch! — die Mütze ins Gesicht. „Nein, das ist zu wenig!“ schrie der Großvater schon viel dreister, als er erst seine Mütze aufgesetzt hatte. „Wenn nicht mein braves Pferd auf der Stelle vor mir erscheint, so soll mich an diesem unreinen Ort gleich der Donner treffen, oder ich schlage wahrhaftig das heilige Kreuz über euch alle!“ Und schon erhob er die Hand, als er auf einmal Pferdeknochen vor sich klappern hörte.
„Da hast du dein Pferd!“
Der Ärmste brach bei diesem Anblick in Tränen aus, wie ein törichtes Kind. Schade um den alten Freund! „Gebt mir nur irgend ein Pferd, damit ich aus eurem Nest herauskomme!“ Der Teufel knallte mit seiner Hetzpeitsche, — ein Pferd sauste wie ein Feuer unter dem Großvater herauf, und er flog wie ein Vogel in die Höhe. Aber mitten im wilden Ritt ergriff ihn eine mächtige Angst, als das Pferd ohne auf seine Rufe oder auf die Zügel zu achten, über Gräben und Sümpfe dahinjagte. An was für Orten war er damals nicht überall gewesen! schon beim bloßen Erzählen überkam ihn ein Zittern. Er blickte vor sich hinab und erschrak: vor ihm lag ein Abgrund, eine furchtbare Schlucht! Doch das Satansvieh machte sich nichts daraus und setzt einfach drüber weg! Der Großvater wollte sich festhalten, aber es gelang ihm nicht. Hals über Kopf, durch Gestrüpp und über Felsen flog er hinab in den Schlund und prallte tief unten am Grunde so gewaltig auf, daß ihm der Atem verging. Wenigstens konnte er sich später auf nichts mehr besinnen, was damals mit ihm vorgegangen war; und als er wieder zu sich kam und sich umsah, da war es schon ganz hell geworden. Vor ihm schimmerte eine wohlbekannte Gegend, und er lag auf dem Dache seines eigenen Hauses.
Als der Großvater heruntergeklettert war, schlug er ein Kreuz. „Teufelszeug! Was zum Henker einem Menschen nicht für Wunderdinge widerfahren können!“ Er sah seine Hände an. Sie waren voll Blut; er sah in das vor ihm stehende Wasserfaß — auch sein Gesicht war voller Blut. Er wusch sich gründlich, um die Kinder nicht zu erschrecken, trat leisen Schrittes in die Stube, und was sieht er da? Die Kinder gehen rücklings auf ihn zu, strecken die Finger aus und sagen: „Sieh doch, sieh — die Mutter springt herum wie verrückt!“ Und wahrhaftig: sein Weib sitzt eingeschlafen vorm Spinnrocken, hält die Spindel in der Hand und hüpft im Schlaf auf der Bank hoch und nieder. Der Großvater nahm sie sanft bei der Hand und weckte sie. „Grüß Gott, Frau, bist du auch ganz wohl?“ Jene starrte ihn lange an. Endlich erkannte sie den Großvater und erzählte, sie habe geträumt, der Ofen sei in der Stube herumgefahren, habe mit der Schaufel alle Töpfe und Schüsseln hinausgejagt ... und der Teufel weiß, was noch alles! „Na ja,“ sagte der Großvater, „dein Traum war meine Wirklichkeit, ich sehe schon, man muß unser Haus mit Weihwasser besprengen — aber jetzt darf ich keine Zeit mehr verlieren.“ So sprach der Großvater, und als er sich etwas ausgeruht hatte, holte er das Pferd und machte nicht eher Halt, weder bei Tag noch bei Nacht, als bis er sein Ziel erreicht und der Zarin selbst den Brief übergeben hatte. Da bekam der Großvater solche Wunderdinge zu sehen, daß er noch lange nachher davon erzählen konnte: wie er in ein Schloß geführt wurde, welches so hoch war, daß man zehn Häuser hätte übereinander bauen können, und es hätte noch nicht gereicht; wie er in ein Gemach hineinblickte — die Zarin war nicht drin, — dann in ein zweites — auch da war sie nicht, in ein drittes — auch da nicht, — in ein viertes — sie war immer noch nicht da. Erst im fünften Zimmer saß sie selbst, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte, in einem grauen, funkelnagelneuen Kittel und mit roten Stiefelchen, und aß goldene Knödel. Sie ließ ihm die ganze Mütze mit blauen Scheinen vollstopfen, und ihm .... aber man kann sich doch nicht an alles erinnern! Der Großvater hatte sogar die Plackerei mit den Teufeln ganz vergessen, und wenn es geschah, daß ihn jemand daran erinnerte, so schwieg er, als ginge ihn das nichts an, und es kostete gar viele Mühe, ihn so weit zu bringen, daß er’s erzählte. Aber wohl zur Strafe dafür, daß er damals das Haus nicht sofort mit Weihwasser besprengt hatte, widerfuhr der Frau jedes Jahr, und zwar immer um dieselbe Zeit, das Wunder, daß sie immerzu tanzen wollte. Was sie auch beginnen mochte, die Beine taten das ihrige und zwangen sie förmlich, ein Tänzchen aufzuführen.
Ende des ersten Teils.
Abende auf dem Gutshof bei Dikanka.
Zweiter Teil
Vorrede
Hier habt ihr das zweite Büchlein, oder richtiger gesagt, das letzte. Erst wollt’ ich’s ja nicht, nein, ich wollt’ es ganz und gar nicht herausgeben. Wahrhaftig, man muß auch mal ’nen Schlußpunkt setzen können. Und ich kann euch nur mitteilen: auf dem Vorwerk fängt man schon an, über mich zu lachen. „Sieh mal einer an!“ sagt man, „der alte Toback ist ja schon ganz närrisch: der amüsiert sich auf seine alten Tage noch mit Spielereien!“ Ja wirklich, ’s wäre doch längst Zeit, zur Ruhe zu gehen. Ihr, lieben Leser, glaubt natürlich, ich tue nur so, als ob ich schon so alt sei. Ach du lieber Gott, was heißt da Verstellung, wenn einem kein Zahn mehr im Munde sitzt! Was Weiches kann ich ja noch irgendwie kauen, aber Hartes kann ich nun schon gar nicht mehr beißen. Hier habt ihr also noch ein Büchlein! Bloß eins, aber schimpft nicht! ’s ist nicht recht, beim Abschied zu schimpfen, besonders auf einen Menschen, den man Gott weiß wann wiedersieht. In diesem Büchlein werdet ihr Erzähler zu hören bekommen, die euch fast alle unbekannt sind, ausgenommen etwa Foma Grigorjewitsch. Was aber jenes erbsengraue Herrchen angeht, das immer so verblümt zu erzählen pflegte, so daß ihn selbst irgend so ein pfiffiger Moskowiter nicht recht verstehen konnte, — der ist schon lange nicht mehr da. Erst hat er sich gründlich mit uns allen verkracht, und dann ließ er sich überhaupt nicht mehr blicken. Ja, hab’ ich euch denn diesen Fall nicht erzählt? Hört doch nur, es war wirklich eine höchst possierliche Geschichte. Im vorigen Jahr, es war gegen Anfang des Sommers, — ich glaube beinahe am Namenstage meines Schutzheiligen, — kamen einige Gäste zu mir .... (Das muß ich euch sagen, lieben Leser; meine Landsleute — Gott schenke ihnen ein langes Leben und eine gute Gesundheit — haben mich alten Mann nicht vergessen. Es geht schon ins fünfzigste Jahr, daß ich mich auf meinen Namenstag besinne; aber wie alt ich nun genau bin, das kann weder ich euch sagen, noch meine Alte. Wahrscheinlich so gegen siebzig. Der Pope von Dikanka, Vater Charlampi, hat’s gewußt, wann ich geboren bin; aber leider sind’s schon fünfzig Jahr, daß er tot ist.) Also es kamen Gäste zu mir: Sachar Kirilowitsch Tschuchopupenko, Stepan Iwanowitsch Kurotschka, Taras Iwanowitsch Smatschnenjki, und der Assessor Charlampi Kirilowitsch Chlosta; dann war noch .... sieh mal einer an, da hab’ ich doch wahrhaftig seinen Vor- und Zunamen vergessen .... Ossip .... Ossip .... mein Gott, ganz Mirgorod kennt ihn ja! Wenn er redet, schnippt er zuerst mit den Fingern, und dann stemmt er die Hände in die Hüften .... Na, Gott helf’ ihm! ’s wird mir ein andermal einfallen. Ferner war auch der euch schon bekannte junge Herr aus Poltawa gekommen; Foma Grigorjewitsch rechne ich übrigens nicht mit; der gehört schon zur Familie. Man kam ins Gespräch (ich muß schon wieder was einschalten! Bei uns wird nämlich nie Firlefanz geredet: ich kann nur höchst anständige Gespräche leiden, damit, wie man so zu sagen pflegt, zugleich dem Vergnügen, und der Erbauung Genüge geschieht). — Man kam also ins Gespräch darüber, wie man wohl am besten Äpfel einlegt. Meine Alte sagte, man müsse die Äpfel zuerst gut waschen, dann in Sauerbier einweichen, und dann erst .... „Aber kein Gedanke!“ fiel das Herrchen aus Poltawa ein, schob die Hand in seinen erbsengrauen Kaftan und stolzierte würdevoll im Zimmer auf und ab. „Aber kein Gedanke! Erst muß man Minze auf sie streuen, und dann erst ....“ Ich muß euch zu Zeugen aufrufen, liebe Leser, sagt mal ganz ehrlich: habt ihr je gehört, daß man Minze auf die Äpfel streut? Freilich legt man Johannisbeerblätter, Nagelkraut und Kleeblatt hinein, aber daß man Minze einlegte .... nein, das habe ich noch nie gehört. Besser als meine Alte weiß wohl niemand Bescheid mit solchen Sachen. Seht, nun sagt ihr’s selbst! Ich führte ihn also, als honetten Menschen, ein wenig zur Seite und sagte: „Höre, Makar Nasarowitsch, treib doch keine Narrenspossen! Du bist doch ein feiner Herr: hast doch, wie du selber sagst, einmal am Gouverneurstische mit gegessen. Wenn du da so etwas sagst, da werden dich ja alle auslachen!“ Und was glaubt ihr nun, hat er drauf gesagt? — Nichts! Er hat auf den Boden gespuckt, hat seine Mütze genommen und ist gegangen. Nicht einmal Abschied hat er von irgendeinem genommen, ja nicht einmal jemandem zugenickt; wir hörten bloß, wie sein Wägelchen mit den Schellen am Tore vorfuhr; und schon saß er drin und fuhr davon. Na, um so besser! Solche Gäste können wir nicht brauchen! Ich will euch nur sagen, meine lieben Leser, es gibt gar nichts Schlimmeres auf der Welt, als diese Ritter vom hohen Roß. Weil sein Ohm mal Kommissär war, muß er drum die Nase rümpfen? Als ob Kommissär schon so ein Rang wäre, daß es gar nichts Höheres auf der Welt gibt! Gott sei Dank, es gibt noch höhere Tiere, als so ein Kommissär. Nein, diese Vornehmtuerei kann ich nicht ausstehen! Nehmt doch zum Beispiel Foma Grigorjewitsch; das ist doch kein feiner Herr, aber seht ihn mal an: in seinem Gesicht glänzt stets eine gewisse Würde; sogar wenn er seinen gewöhnlichen Tabak schnupft, da hat man unwillkürlich Respekt. Und erst in der Kirche; wenn er da oben auf dem Chore steht und singt, — da kommt es ordentlich wie Rührung über einen! Man möchte am liebsten vergehen! .... Aber jener .... na, Gott mit ihm! Der glaubt ganz gewiß, ohne seine Geschichten könne man gar nicht auskommen. Je nun, auch ohne ihn hat sich ein Büchelchen zusammengefunden.
Ich habe euch, glaub’ ich, versprochen, daß in diesem Büchlein auch ein Märchen von mir sein wird. Ich wollt’ es auch wirklich so machen, aber da hab’ ich gemerkt, daß man für meine Geschichte wenigstens drei solcher Büchelchen brauchte. Ich gedachte zuerst, es besonders drucken zu lassen, aber dann hab’ ich mir’s überlegt. Ich kenne euch ja: ihr werdet noch über mich alten Mann lachen. Nein, ich mag’s nicht! Gehabt euch wohl! Wir sehen uns lange Zeit nicht wieder, oder vielleicht auch nie. Aber was ist daran gelegen? Euch kann’s ja gleich sein, auch wenn ich gar nicht auf der Welt wäre. Ein Jahr wird dahingehn und noch eins — und ich bin sicher, niemand von euch besinnt sich mehr auf mich, oder denkt mit Bedauern an den alten Bienenzüchter
Rotfuchs Panjko.