„Was nicht alles auf der Welt passiert,“ fuhr der Richter fort. Kaum hatte er dies gesagt, als die Tür knarrte, und die vordere Hälfte von Iwan Nikiforowitsch in der Kanzlei erschien, — die andere befand sich noch im Vorraum. Iwan Nikiforowitschs Erscheinen, zumal vor Gericht, war etwas so Außergewöhnliches, daß der Richter laut aufschrie, der Sekretär seine Lektüre unterbrach, der eine Kanzleibeamte, welcher einen kurzen Frack aus Frieswolle trug, die Feder in den Mund steckte, und ein anderer eine Fliege verschluckte; sogar der Invalide, welcher den Dienst eines Feldjägers und Wächters versah, und bisher in der Tür gestanden hatte und sich unter seinem schmutzigen an der Schulter mit Stickereien geschmückten Hemde kratzte, selbst dieser Invalide riß das Maul auf und trat irgend jemandem auf den Fuß.
„Was verschafft uns die Ehre? Was gibt’s? Wie ist Ihr wertes Befinden, Iwan Nikiforowitsch?“
Aber Iwan Nikiforowitsch war halbtot vor Schrecken, denn er war zwischen der Türe eingekeilt und konnte keinen Schritt vorwärts noch rückwärts machen. Vergebens schrie der Richter in das Vorzimmer hinaus, jemand solle Iwan Nikiforowitsch von hinten in den Gerichtssaal schieben, aber im Vorraum befand sich nur eine alte Bittstellerin, die mit ihren knöchernen Händen trotz der größten Anstrengung nichts ausrichten konnte. Da trat ein Kanzleibeamter mit wulstigen Lippen, breiten Schultern, dicker Nase, schielenden, weinseligen Äuglein und zerfetzten Ärmeln vor, schritt auf Iwan Nikiforowitschs vordere Hälfte zu, legte ihm die Hände wie einem kleinen Kinde auf der Brust zusammen und winkte dem Invaliden. Dieser stemmte sich mit den Knien gegen Iwan Nikiforowitschs Bauch und preßte ihn trotz seines kläglichen Stöhnens wieder in den Vorraum. Darauf schob man die Riegel zurück und öffnete die zweite Hälfte der Flügeltür. Der Kanzleibeamte und der Invalide hatten bei ihrer gemeinschaftlichen Anstrengung einen so starken Duft ausgeströmt, daß die ganze Kanzlei für einige Zeit gleichsam in einen Schnapsausschank verwandelt schien.
„Sie haben sich doch hoffentlich nicht weh getan, Iwan Nikiforowitsch? Ich werde es meiner Mutter sagen, die wird Ihnen ein Elixier zuschicken; wenn Sie sich Rücken und Kreuz damit einreiben, wird alles wieder vergehen!“
Iwan Nikiforowitsch sank auf einen Stuhl; er stieß immer wieder verzweifelte Seufzer aus; sonst war nichts aus ihm herauszubringen. Endlich sprach er mit einer vor Ermattung kaum hörbaren Stimme: „Ist’s gefällig?“ Dann zog er seine Tabaksdose aus der Tasche und sagte: „Bitte, bedienen Sie sich!“
„Ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen,“ sagte der Richter, „aber ich kann mir nicht vorstellen, was Sie bewogen hat, diese Mühe auf sich zu nehmen und uns mit einer so angenehmen Überraschung zu erfreuen.“
„Mit einer Bitte ...“, das war alles, was Iwan Nikiforowitsch zu sagen vermochte.
„Mit einer Bitte? Mit was für einer Bitte?“
„Mit einer Klage ... (hier ging ihm der Atem aus, und es entstand eine neue Pause), oh ... mit einer Klage gegen diesen Räuber .... gegen Iwan Iwanowitsch Pererepenko!“
„Mein Gott, Sie auch! Zwei solche seltene Freunde! Eine Klage gegen einen so tugendhaften Menschen!“