II. Taraß Bulba. Die erste Fassung dieser Erzählung stammt aus dem Jahre 1834. In den Jahren 1839-1842 arbeitete Gogol den ursprünglichen Text für den zweiten Band seiner gesammelten Werke noch einmal um. Unser Text geht auf diese letzte Fassung zurück.

Mirgorod (Zweiter Teil.)

III. Wij. Diese Erzählung ist 1833 begonnen und 1834 noch einmal für die erste Ausgabe von „Mirgorod“ umgearbeitet. Die erste Ausgabe enthielt noch eine Fußnote, die am Schluß der Erzählung, unter dem Strich, abgedruckt war, und folgenden Wortlaut hatte: „Ein Versehen. In dieser Erzählung ist aus Unachtsamkeit die Hälfte einer Seite ausgelassen, aus der wir erfahren, wie der Bursche Choma Brut in der Tochter des Hauptmanns die Hexe wiedererkannte, die ihm in Gestalt einer alten Frau begegnet war.“ Vermutlich meint der Verfasser folgende Zeilen des handschriftlichen Textes, die im Drucke weggefallen sind. „‚Er kennt mich, er erinnert sich sicher noch an den Schafs .... Was aber dort im Schafs .... vorgefallen ist, habe ich nicht mehr gehört. Das liebe Kind hatte nur noch Zeit diese Worte zu sagen, — dann legte sie sich hin und starb.‘ Ein übermächtiger Schmerz ließ den Hauptmann einen Augenblick inne halten. ‚Du mußt wissen‘, sagte er, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, ‚was das zu bedeuten hat, im Schafs ....‘ — ‚Gott mag wissen, was das heißt, Herr Hauptmann. Ich habe einen Schafspelz. Vielleicht meinte sie den. Vielleicht hat sie mich einmal auf dem Bazar oder sonstwo in ihm gesehen‘.“ Gogol hat dann den Wij für die erste Ausgabe seiner gesammelten Werke noch einmal umgearbeitet. Hierbei hat er, abgesehen von mehreren unwesentlichen Verbesserungen, noch folgenden Stellen eine veränderte Fassung gegeben.

1) Seite [262] von den Worten an: „Sie stöhnte anfangs wütend“ bis zum Ende des Absatzes „Choma zitterte am ganzen Körper“ Seite [263]. In der ersten Bearbeitung lautete die Stelle folgendermaßen: „und er begann mit aller Gewalt auf die Alte loszuschlagen. Nach einigen Schlägen merkte er, daß sie immer langsamer und langsamer zu laufen begann, der Philosoph aber schlug immer eifriger auf sie ein. Endlich hielt die Hexe es nicht mehr aus, fing an zu wanken und brach unter seinen Schlägen zusammen. Unterdessen war der Tag angebrochen, die Vögel jubilierten in den stillen, schlaftrunkenen Haselnußsträuchern; vor ihm, wie auf der Handfläche, lag Kiew mit seinen länglichen birnenförmigen Kuppeln. Er sprang auf, warf einen Blick auf die vor ihm liegende und kaum noch atmende Hexe, und er konnte sich sein eigenes Gefühl nicht erklären: sah er doch, wie ihr Gesicht sich verjüngte, und wie ein schneeweißer Glanz in ihm aufleuchtete; jetzt kam sie ihm garnicht mehr alt vor, ein eigentümlicher, halb lieblicher, halb abstoßender Zug umspielte ihre Lippen und drang ihm schneidend bis ins Herz hinein. Er fühlte etwas wie Mitleid in sich aufsteigen, aber er wollte nicht länger bei ihr bleiben, und machte sich schleunigst auf den Weg nach der Stadt, während er unaufhörlich über dies seltsame Abenteuer nachsann.“

2) Die Zeilen: „Plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht etwas furchtbar Vertrautes zu erkennen. — Es war dieselbe Hexe, die er getötet hatte.“ (Seite [280]) lauteten in der ersten Fassung folgendermaßen: „‚Das ist ja die Hexe, die ich getötet habe,‘ schrie er entsetzt auf, als er sie sich näher ansah. Und in der Tat, ihr Gesicht trug dieselben Züge, die ihn damals in Erstaunen gesetzt hatten, als er statt des alten Weibes eine Jungfrau vor sich liegen sah ‚Ah, das also war der Grund, warum ich für sie beten sollte.‘ Voll inneren Grauens blickte er auf sie: jeder Zug ihres Gesichtes schien ihm jetzt etwas Schreckliches und Drohendes zu haben, und kalter Schweiß rann ihm von der Stirn herab.“

3) Auch die folgende Stelle hat eine Umarbeitung erfahren. (Seite [293]: „Wieder erhob sich der Leichnam, der jetzt ganz blau und grün aussah. Die Lippen der Toten bewegten sich und schienen etwas sagen zu wollen. Sie stampfte mit ihrem zarten, fast knochenlosen Fuß dumpf auf den Boden, und die ganze Kirche erzitterte. Er glaubte zu hören, wie sich etwas auf sie legte, und an den Fenstern erschienen allerhand schreckliche Gestalten von furchtbarer Häßlichkeit. Aber in diesem Augenblick ertönte ein ferner Hahnenschrei, und die Leiche sank in den Sarg zurück.“

4) Ferner ist folgende Stelle stark gekürzt und umgearbeitet worden. Seite [304]: „Er ließ den Kopf sinken und fuhr in seinen Beschwörungen fort, da hörte er plötzlich, wie die Tote mit den Zähnen knirschte und die Hände hin und her zu bewegen begann, als wolle sie ihn fassen. Er blickte vorsichtig nach ihr hin, und sah, daß die Leiche gar nicht dahin griff, wo er stand, und daß sie ihn gar nicht sehen konnte. Dieser Mißerfolg schien die Tote rasend zu machen, sie knirschte wieder mit den Zähnen, trat in die Mitte der Kirche und stampfte abermals mit dem Fuße, aber es gab nur einen kurzen dumpfen Ton, ihre Lippen verzerrten sich und schienen etwas vor sich hin zu murmeln; allein man hörte nicht, was es war. Der Philosoph vernahm, wie die Wände der Kirche zu stöhnen begannen, ein seltsames Murren und ein schneidendes Gewimmer drang unter dem dumpfen Gewölbe hervor, von den Fenstern her erscholl ein widerwärtiges Kratzen und plötzlich drang aus Türen und Fenstern mit furchtbarem Lärm und Getöse eine Unzahl von Gnomen von schrecklichem und abstoßendem Äußern herein, wie sie noch nie jemand — nicht einmal im Traume gesehen hat. Der Philosoph sah plötzlich eine ungeheure Menge widerwärtiger Flügel, Füße und Gliedmaßen vor sich, die er in seiner Angst gar nicht einzeln zu unterscheiden vermochte. Hoch über alle hinaus ragte ein seltsames Wesen, das die Form einer Pyramide hatte und ganz mit Schleim bedeckt war. Statt der Füße besaß es zwei Knochen, die die Gestalt eines halben menschlichen Kinnbackens hatten; oben von der Spitze dieser Pyramide hing eine lange Zunge herab, die das Ungeheuer beständig ausstreckte und nach allen Seiten hin und her bewegte. Auf dem gegenüberliegenden Chor saß etwas Großes, Weißes mit zwei langen weißen Säcken, die es statt der Beine herabhängen ließ; an Stelle der Arme, Augen und Ohren hatte es gleichfalls Säcke, die tief herunterhingen. Ein wenig weiter reckte sich etwas Schwarzes empor, das ganz mit Schuppen bedeckt war, es hatte eine Unzahl von feinen dünnen Händen, die es über der Brust gekreuzt hielt, und statt des Kopfes eine blau schimmernde Menschenhand. Ein riesenhafter Schwabenkäfer fast von der Größe eines Elefanten, war an der Tür stehen geblieben und streckte seine Fühler durch die Türöffnung herein, von der Spitze der Kuppel fiel etwas Schwarzes lärmend in die Mitte der Kirche herab: es bestand aus lauter Beinen, die sich auf dem Boden hin und her bewegten und sich unaufhörlich zusammenkrümmten, wie wenn das Ungeheuer sich erheben wollte. Ein rötlich-blaues Wesen ohne Hände und ohne Beine streckte zwei lange Rüssel in die Luft hinaus und schien nach jemand zu suchen, und eine gewaltige Menge anderer Geschöpfe, die das erschrockene Auge schon nicht mehr zu unterscheiden vermochte, ging, flog und kroch in allen Richtungen durcheinander; eins bestand einzig und allein aus einem Kopf, ein anderes aus einem abscheulichen Rachen, ein drittes aus einem Flügel, welcher mit unerträglichem Zischen durch die Luft flog. Choma schloß die Augen und hatte nicht mehr den Mut, hinzublicken. Er hörte nur, daß diese ganze Gesellschaft nach ihm suchte, er bemühte sich krampfhaft, sich aller Beschwörungen, die er kannte, zu erinnern, und sprach sie mit hastiger, stockender Stimme vor sich her.

Die Angst und das Entsetzen trieben ihm den Schweiß auf die Stirn. Es schien ihm, als müsse er vor lauter Schrecken sterben, wenn das Bein eines dieser Ungeheuer von so abstoßendem Äußern ihn berühren würde. Schon sah er, wie eine dieser Mißgeburten seine langen Rüssel ausstreckte, und wie einer von diesen über den Strich hinaus langte ... O Gott! Aber da ertönte ein Hahnenschrei, die ganze Schar erhob sich mit einem Male und flog zu den Türen und Fenstern hinaus.

5) Vollkommen verändert ist auch der Schluß der Erzählung, der in der ersten Fassung folgenden Wortlaut hatte: „Plötzlich vernahm er inmitten der Stille aufs neue das widerwärtige Kratzen, Pfeifen, Klirren und Lärmen an den Scheiben. Ängstlich schloß er die Augen und hörte einen Augenblick auf, zu lesen. Ohne die Augen zu öffnen, vernahm er plötzlich, wie ein ganzer Haufen von Ungeheuern mit Getöse auf den Boden fiel, das von einem schrecklichen dumpfen oder hellen Gepolter, zarten Geräuschen, wie wenn etwas Weiches herabfiele, oder widerlichem Gewinsel begleitet war. Er öffnete seine Augen ein wenig, schloß sie aber schnell wieder. Entsetzen umfing ihn; es waren dieselben Gnomen von gestern, nur mit dem Unterschiede, daß er noch eine ganze Menge neuer unter ihnen erblickte. Nahezu ihm gegenüber stand etwas Kohlschwarzes, dessen dunkles Skelett deutlich hervortrat, und zwischen dessen dunklen Rippen der gelbe Leib deutlich durchschimmerte. Etwas abseits stand ein langes, mageres Wesen, das einem Stocke glich und aus lauter Augen mit langen Wimpern zusammengesetzt zu sein schien. Etwas weiter sah er ein riesenhaftes Ungeheuer, das beinahe die ganze Wand einnahm und in einen dichten Wald von durcheinander gewirrten Haaren eingehüllt war. Aus diesem Haarnetz blickten zwei entsetzliche Augen hervor. Voller Angst schaute er empor: über ihm in der Luft schwebte etwas wie eine gewaltige Blase, die aus ihrer Mitte tausend Krebsscheren und Skorpionenstacheln hervorstreckte, an denen mächtige Klumpen schwarzer Erde hingen. Entsetzt richtete er seine Augen wieder auf sein Buch. Die Gnomen machten einen fürchterlichen Lärm mit ihren Schuppenschwänzen, ihren mit Krallen versehenen Füßen und ihren rauschenden Flügeln, und er hörte, wie sie ihn allesamt in allen Ecken suchten. Das alles machte, daß der letzte Rest seines Rausches verschwand, der noch im Kopfe des Philosophen rumorte, und voller Eifer las er seine Gebete herunter. Er hörte, wie jene vor Wut rasten, weil sie ihn nicht zu finden vermochten. ‚Wie wenn sich nun plötzlich die ganze Schar auf mich stürzte?‘ dachte er und schrak bei diesem Gedanken zusammen. ‚Wij! laßt uns den Wij holen‘ schrie eine Menge seltsamer Stimmen durcheinander, und es schien ihm, wie wenn ein Teil der Gnomen sich entfernte. Dennoch aber stand er mit geschlossenen Augen da, und wagte es nicht aufzublicken. ‚Wij, Wij,‘ schrien alle mit lauter Stimme, und aus der Ferne ertönte Wolfsgeheul und dumpfes Hundegebell. Die Tür sprang krachend auf, und Choma hörte, wie eine ganze Schar von Geistern hereinstürzte, dann wurde es plötzlich still, wie in einem Grabe. Er wollte die Augen öffnen, aber eine innere Stimme flüsterte ihm zu: ‚sieh nicht hin‘. Er nahm alle Kraft zusammen .. doch eine unbegreifliche, vielleicht aus der Angst stammende Neugierde machte, daß sein Auge sich wie von selbst öffnete. Vor ihm stand ein riesengroßes Geschöpf von menschlicher Gestalt, dessen Augenlider bis zur Erde herabhingen. Voller Grauen bemerkte der Philosoph, daß das Antlitz dieses Wesens von Eisen war, und er richtete seine glühenden Augen wieder auf sein Buch. ‚Hebt mir die Lider empor,‘ sagte Wij mit unterirdischer Stimme, und die ganze Dämonenschar stürzte auf ihn zu, um ihm die Lider emporzuheben. ‚Sieh nicht hin,‘ flüsterte eine innere Stimme dem Philosophen zu. Aber er hielt es nicht aus und blickte hin. Zwei schwarze Kanonenkugeln starrten ihm gerade in die Augen, und eine eiserne Hand erhob sich und wies mit dem Finger auf ihn. ‚Da ist er,‘ schrie Wij, und alle Dämonen, die in der Kirche waren, all die scheußlichen Ungeheuer fielen zusammen über ihn her, und leblos stürzte er zu Boden. Der Hahn krähte schon zum zweitenmal, den ersten Schrei hatten die Geister überhört. Jetzt erhoben sich die Dämonenscharen und wollten davonfliegen, aber es war schon zu spät, sie kamen nicht vom Flecke und blieben regungslos zwischen Türen und Fenstern, an der Kuppel und in den Ecken und Winkeln hängen ... Da öffnete sich die Tür, und ein Geistlicher, der aus einem fernen Dorfe gekommen war, um die Totenmesse abzuhalten und die Tote zu begraben, betrat die Kirche. Entsetzt wich er zurück, als er diese Schändung des Allerheiligsten erblickte, und er wagte es nicht, das göttliche Wort in diesen Räumen erklingen zu lassen. So blieb denn seit jener Zeit in dieser Kirche alles, wie es war. Auch heute noch sind die Ungeheuer dort in den Fenstern festgebannt. Die Kirche ist mit Moos bewachsen, und von Bäumen und Sträuchern überwuchert, die ihre Wurzeln bis in die Wände und Mauern hineinsenken: nie wird sie von einem menschlichen Fuße betreten, und keine Seele weiß, wo und in welcher Gegend sie sich befindet.“

IV. Wie Iwan Iwanowitsch und Iwan Nikiforowitsch sich entzweiten. Diese Erzählung ist nach Gogols eigenem Zeugnis im Jahre 1831 entworfen; im April des Jahres 1833 befand sie sich bei Smirdin, der sie im „Almanach Nowosselje“ (Neues Heim) abdruckte. Die Unterschrift des Zensors trägt das Datum „den 18. April 1834“. Am 7. April desselben Jahres las Gogol diese Erzählung Puschkin vor.