Das war eine fröhliche Wissenschaft; sie hatten schon viel reiches Pferdegeschirr, kostbare Säbel und Gewehre erbeutet. Im Verlauf eines Monats hatten die Jünglinge alles Knabenhafte abgelegt, und die kaum flügge gewordenen Jungen waren zu Männern herangereift; ihre Gesichtszüge, die bisher eine gewisse jugendliche Sanftheit aufwiesen, waren nun streng und ernst. Der alte Taraß sah mit Freuden, wie seine beiden Söhne überall die ersten waren. Ostap schien schon in der Wiege dazu bestimmt zu sein, ein Kämpferdasein zu führen, und Heldentaten zu verrichten. Nichts brachte ihn in Verwirrung oder ließ ihn den Kopf verlieren; mit einer für einen zweiundzwanzigjährigen Jüngling fast unverständlichen Kaltblütigkeit wußte er im Augenblick die Gefahr und die Sachlage zu überblicken; und er fand auch sofort ein Mittel, der Gefahr auszuweichen, aber so daß er sie um so sicherer überwand. Seine Bewegungen zeigten schon Erfahrung und Selbstvertraun: man erkannte in ihm sofort den zukünftigen Führer. Sein Körper schwoll von Kraft; und seine ritterlichen Tugenden hatten etwas von der gewaltigen Kraft des Löwen.
„Oh, der wird mit der Zeit noch ein tüchtiger Hetman werden,“ sagte der alte Bulba, „ja, ja, das gibt einen ausgezeichneten Feldherrn ab, der stellt noch den Vater in Schatten.“
Andrij war wie bezaubert von der wundervollen Musik der Kugeln und Schwerter. Er kannte die Bedeutung des Überlegens, Berechnens und des Ausmessens der eignen und fremden Kräfte nicht. Die Schlacht war ihm ein tolles, wonniges Vergnügen, und ihm war in solchen Augenblicken zumute, wie einem Menschen bei einem Feste, wenn das Gesicht glüht, alles vor den Augen schwirrt und durcheinandergeht, die Schädel herabsausen, die Rosse dröhnend zu Boden stürzen, und er wie trunken im Lärm der Kugeln und zwischen blitzenden Säbeln dahinfliegt, und nach allen Seiten um sich haut, ohne selbst die Hiebe zu empfinden, die er empfängt. Oft genug wunderte sich der Vater auch über Andrij, wenn er sah, wie er, von seiner wilden Leidenschaft hingerissen, sich an Dinge wagte, die ein Kaltblütiger und Überlegender stets gemieden hätte, und in seinem rasenden Draufgängertum Wunder verrichtete, über die selbst alte in Schlachten ergraute Kosaken in Staunen geraten mußten. Dann bewunderte ihn der alte Taraß und sagte wohl: „Auch er ist ein tüchtiger Krieger — der Feind vermag nichts gegen ihn. Er ist kein Ostap, aber doch ein tüchtiger, ein sehr tüchtiger Krieger.“
Man hatte beschlossen, direkt gegen die Stadt Dobno zu marschieren, die, wie es hieß, reiche Schätze barg und begüterte Bürger beherbergte. In anderthalb Tagen war der Weg zurückgelegt, und die Saporoger standen bereits vor der Stadt. Die Einwohner hatten beschlossen, sich bis zum letzten Blutstropfen, ja bis zum Äußersten zu verteidigen, und wollten lieber auf den Märkten und an den Schwellen ihrer Häuser sterben, als den Feind in ihr Heim hineinlassen. Ein großer Erdwall umgab die Stadt; wo er zu niedrig war, da erhob sich eine steinerne Mauer, oder ein Haus, das als Batterie diente, oder endlich ein aus eichenen Bohlen errichteter Zaun. Die Besatzung war stark und empfand die ganze Bedeutung der Lage. Die Saporoger hatten schon einen wilden Sturm gegen den Wall versucht, aber ein Kartätschenfeuer prasselte auf sie herab. Auch die Bürger und die sonstigen Stadtbewohner schienen die Hände nicht in den Schoß legen zu wollen und eilten in Massen auf die Stadtmauern. Der feste Wille zu einem verzweifelten Widerstand war in ihren Augen zu lesen: die Frauen beschlossen ebenfalls, an der Verteidigung teilzunehmen, warfen Steine, Fässer und Töpfe voll siedendem Pech auf die Köpfe der Saporoger und schütteten zuletzt Säcke voll Sand über sie aus, die ihnen die Augen blendeten. Die Saporoger hatten es nicht gern mit Festungen zu tun, Belagerungen waren eben ihre Sache nicht. Der Hetman ordnete daher den Rückzug an und sagte: „Genug, werte Herren und Brüder, wir ziehen uns zurück. Aber ihr sollt mich einen schlechten Tataren und nicht einen Christen nennen, wenn wir auch nur einen aus der Stadt herauslassen. Mögen sie alle vor Hunger krepieren, die Hunde!“ Das Heer zog sich zurück, umzingelte die Stadt und begann zum Zeitvertreib die Umgebung zu verwüsten. Man zündete die umliegenden Dörfer und die noch nicht eingebrachten Getreidehaufen an und hetzte die Pferde in Massen auf die von der Sichel noch unberührten Felder, auf denen sich wie zum Trotze fette Ähren wiegten — die Frucht eines außerordentlich guten Jahres, das den Bauern eine reichliche Ernte versprach. Voller Schrecken sahen die Bürger in der Stadt, wie ihre Existenzmittel vernichtet wurden. Unterdessen hatten die Saporoger ihre Wagen in zwei Reihen um die Stadt gezogen, und gerade so wie in der Sjetsch in einzelnen Quartieren ihr Lager aufgeschlagen; sie rauchten ihre Pfeifen, tauschten miteinander ihre erbeuteten Waffen aus, spielten Bockspringen, Gerade und Ungerade, wie sichs traf, und noch andere Glücksspiele und blickten hie und da mit geradezu mörderischer Kaltblütigkeit nach der Stadt hin. Nachts wurden Feuer angezündet, jedes Quartier kochte sich seinen Brei in mächtigen kupfernen Kesseln, und die Wachen, die die ganze Nacht kein Auge schließen durften, standen um das Feuer herum.
Bald aber wurden den Saporogern die Tatenlosigkeit und die andauernde Nüchternheit, der keine Unternehmungen das Gleichgewicht hielten, langweilig. Der Hetman ordnete sogar an, eine doppelte Ration Wein auszuteilen, wie es im Heer hin und wieder zu geschehen pflegte, wenn keine Schlachten oder sonstige schwierige Unternehmungen bevorstanden. Den jungen Kosaken und besonders Taraß Bulbas Söhnen gefiel ein solches Leben ganz und gar nicht. Andrij war die Ungeduld schon von weitem anzusehen. „Du unvernünftiger Bursche,“ sagte Taraß zu ihm, „hab Geduld, Kosak! — und du wirst Hetman! Nicht der ist ein guter Krieger, der nur in schwierigen Lagen den Kopf oben behält, sondern der, der den Mut nicht sinken läßt, auch wenn es nichts zu tun gibt, der alle Dinge erträgt und endlich doch seinen Willen durchsetzt.“ Aber ein feuriger Jüngling versteht einen Greis nicht so leicht: ihre Natur ist zu verschieden, und sie sehen die gleiche Sache mit ganz andern Augen an.
Inzwischen aber war Taraß’ Aufgebot unter Towkatschs Führung angekommen, und mit ihm zwei Hauptleute, ein Schreiber und andere Offiziere; die Gesamtzahl der Kosaken betrug jetzt mehr als viertausend. Darunter befanden sich auch viele Freiwillige, die ganz von selbst auf das bloße Gerücht von den Kämpfen und ungerufen zu ihnen gestoßen waren. Die Hauptleute brachten Taraß’ Söhnen den Segen der alten Mutter und je ein Heiligenbild aus Zedernholz aus dem Meschigorski-Kloster von Kiew mit. Beide Brüder hingen sich die heiligen Bilder um den Hals und verfielen unwillkürlich in Träumereien, als sie so an die alte Mutter erinnert wurden. Was prophezeite, was verhieß dieser Segen? Den Sieg über den Feind, eine reiche Beute und frohe Rückkehr in die Heimat, ewige Preisgesänge der Lautenspieler — oder ...? Aber die Zukunft kennt keiner — und wie Herbstnebel, der aus dem Sumpf emporsteigt, liegt sie vor dem Menschen: blind fliegen die Vögel, ängstlich mit den Flügeln schlagend, hin und her, sie erkennen einander nicht — das Täubchen nicht den Habicht und der Habicht nicht das Täubchen — und niemand weiß, ob nicht das Verderben schon auf ihn wartet, während er weiter fliegt ...
Ostap beschäftigte sich wieder mit seinen Angelegenheiten und lebte sein gewöhnliches Lagerleben, aber Andrij empfand — er wußte selbst nicht warum — eine gewisse Unruhe im Herzen. Die Kosaken hatten ihr Abendessen bereits eingenommen, das Abendrot war längst verglüht, und die Luft war voll von der Pracht einer wundervollen Julinacht. Allein Andrij suchte sein Lager nicht auf, er legte sich nicht schlafen und versenkte sich unwillkürlich in das Bild, das sich vor ihm ausbreitete. Am Himmel leuchteten viele Sterne voll weißen und kühlen Glanzes auf. Das Feld war über eine weite Strecke hin mit Wagen bedeckt, die allerlei schöne Dinge und den Proviant bargen, den man dem Feinde geraubt hatte, und an denen mit Teer gefüllte Eimer hingen. Neben und unter den Wagen, und nicht weit davon entfernt lagen die Saporoger weit ausgestreckt auf dem Grase. Sie waren in den verschiedensten, malerischsten Stellungen eingeschlafen: der eine hatte sich ein Bündel, der andere die Mütze unter den Kopf geschoben, ein dritter benutzte einfach den Körper seines Kameraden als Kissen. Neben jedem Kosaken lag ein Säbel, eine Büchse, eine kurze Pfeife mit Kupferbeschlag und einem eisernen Stäbchen, sowie ein Feuerstein. Schwerfällige Ochsen lagen, die Beine unter den Körper gezogen, auf dem Felde, und ihre großen weißlichen Massen glichen von ferne grauen Felsblöcken, die auf den abschüssigen Feldern verstreut lagen. Von allen Seiten ertönte das Schnarchen der auf dem Grase ruhenden Krieger, dem vom Felde her die über ihre Fesselung unwilligen Hengste mit lautem Gewieher antworteten.
Diese Julinacht bot indessen auch majestätische und drohende Bilder dar: den Widerschein der brennenden Dörfer im Umkreis. Hier stieg die Flamme stolz und königlich zum Himmel auf, dort loderte sie plötzlich — von neuer Nahrung gespeist — wie ein entfesselter Wirbel pfeifend bis zu den Sternen empor, und ihre Funken erloschen erst fern am Horizont. Drohend wie ein Karthäuser Mönch stand das abgebrannte schwarze Kloster da und ließ bei jedem Aufleuchten des Feuers seine ganze düstere Größe sehen; etwas weiter brannte der Klostergarten, man glaubte die in Rauch gehüllten Bäume prasseln zu hören, und, so oft die Flammen hervorzüngelten, fiel ihr Schein plötzlich mit violettem, phosphoreszierendem Licht auf die reifen Pflaumenbüschel oder verwandelte hie und da die gelben Birnen in eitel Gold, bisweilen aber tauchte gleich einer schwarzen Masse der elende Körper eines an einem Baumast oder an einer Mauer hängenden Juden oder Mönches auf, der zugleich mit dem Gebäude seinen Untergang gefunden hatte. In gemessener Entfernung umkreisten Vögel, die kleinen schwarzen Kreuzen auf einem feuerroten Felde glichen, den Brandherd.
Die umzingelte Stadt schien im Schlaf versunken, ihre Türme, Dächer, Zäune und Mauern leuchteten stumm im Widerschein der fernen Brände ... Andrij schritt durch die Reihen der Kosaken. Die Scheiterhaufen, an denen die Wächter saßen, drohten jeden Augenblick zu verlöschen, und die Wächter selbst waren eingeschlafen, nachdem sie ihren kräftigen Kosakenappetit reichlich befriedigt hatten. Er wunderte sich nicht wenig über ihre Sorglosigkeit und dachte darüber nach, wie gut es doch sei, daß kein starker Feind in der Nähe und daß nichts zu fürchten wäre. Endlich näherte auch er sich einem der Wagen, kletterte hinauf und legte sich auf den Rücken, nachdem er die gefalteten Hände unter den Kopf geschoben hatte. Aber er konnte nicht einschlafen und blickte lange zum Himmel empor, der sich in seiner ganzen Unendlichkeit offen vor ihm ausbreitete; die Luft war rein und durchsichtig, das Sternenheer, das die Milchstraße bildete, zog sich schräg gleich einem Gürtel über den Himmel hin, und alles war wie mit Licht überflutet. Von Zeit zu Zeit schien Andrij alles zu vergessen, ein leichter Schlummer verhüllte wie ein Nebel den Himmel, der sich jedoch bald wieder aufklärte und ganz sichtbar wurde.
Mit einem Male war es ihm, als nähere sich ihm ein sonderbares menschliches Gesicht. Er glaubte natürlich, es sei ein Traum, der sich gleich wieder verflüchtigen werde, öffnete die Augen weit und sah, daß sich wirklich ein welkes und verhärmtes Gesicht über ihn gebeugt hatte und ihm in die Augen starrte. Lange, kohlschwarze, ungekämmte Haarsträhnen krochen wild aus dem dunklen, leicht übergeworfenen Kopftuch hervor. Das sonderbare Leuchten des Auges und die totenhafte Blässe des mageren Antlitzes mit den scharf hervortretenden Zügen verstärkten seine Meinung, ein Gespenst vor sich zu haben. Unwillkürlich griff er nach der Flinte und stieß fast krampfhaft hervor: