Und er eilte zu dem Wagen, in dem die Vorräte seiner Truppe aufbewahrt wurden. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Die ganze Vergangenheit, alles, was durch das ständige Lagerleben, durch das rauhe Soldatendasein betäubt war — erwachte auf einmal wieder und ließ ihn die Gegenwart völlig vergessen. Wieder tauchte die stolze Frau wie aus dunklen Meeresfluten vor ihm empor, wieder leuchteten ihre herrlichen Arme in seinem Innern auf, ihre Augen, ihre lachenden Lippen, die dichten, dunkelbraunen Haare, die in krausen Locken über ihren Busen fielen — die festen, schöngeformten Glieder ihrer jungfräulichen Gestalt. Nein, dieses Bild war nie aus seinem Herzen geschwunden, es hatte nur für einige Zeit andern mächtigen Gefühlen Platz machen müssen, aber häufig genug hatte es den tiefen Schlaf des jungen Kosaken beunruhigt, und oft lag der Erwachte schlaflos auf seinem Lager, ohne sich den Grund hierfür erklären zu können ...

Er ging, sein Herz klopfte bei dem Gedanken, sie wieder zu sehen, immer stärker und stärker, und seine jungen Knie wankten unter ihm. Als er die Wagen endlich erreicht hatte, wußte er nicht mehr, weshalb er gekommen war; er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und versuchte es, sich an das zu erinnern, was er eigentlich beabsichtigte. Endlich zuckte er zusammen, ein wilder Schrecken erfüllte ihn; plötzlich kam es ihm in den Sinn, daß sie vor Hunger stirbt. Schnell lief er zu dem Wagen heran und steckte sich mehrere große schwarze Brote unter den Arm; aber da ergriff ihn ein Zweifel, ob diese Nahrung, die wohl für einen kräftigen, nicht sehr wählerischen Saporoger genügen mochte, für ein so zartes Wesen wie sie nicht zu grob und zu schwer sein würde. Er erinnerte sich, daß der Hetman die Kosaken, denen die Bereitung des Breis oblag, noch gestern ausgescholten hatte, weil sie das ganze Buchweizenmehl verbraucht hatten, obwohl es für drei Mahlzeiten ausgereicht hätte. Fest davon überzeugt, daß er noch genügend Brei finden würde, holte er den Feldkessel seines Vaters hervor und ging damit zum Koch seiner Abteilung, der zwischen zwei Kesseln schlief, die wohl zehn Eimer fassen mochten und unter denen noch die Asche glimmte. Als er in die Kessel hineinblickte, sah er zu seinem Erstaunen, daß beide leer waren. Die Kosaken mußten geradezu unmenschliche Kräfte entwickelt haben, um alles aufzuessen, zumal seine Abteilung weniger Krieger zählte als die andern. Er blickte auch in die Kessel der anderen Abteilungen hinein, es war alles leer. Unwillkürlich fiel ihm das Sprichwort ein: „Die Saporoger sind wie Kinder: ist wenig da, so begnügen sie sich mit wenig, ist viel da, so lassen sie nichts übrig.“ Übrigens mußte sich im Wagen seines Vaters noch ein Sack mit Weißbrot befinden, den man bei der Plünderung der Klosterküche entdeckt hatte. Er ging geradewegs zum väterlichen Wagen, aber er fand den Sack nicht mehr vor. Ostap hatte ihn sich unter den Kopf gelegt und schnarchte, auf der Erde ausgestreckt, so laut, daß es durch das ganze Feld schallte. Andrij ergriff den Sack mit einer Hand und riß ihn unter Ostaps Kopf hervor, sodaß dieser auf den Boden sank. Ostap fuhr schlaftrunken auf und schrie mit geschlossenen Augen aus voller Kehle: „Greift, greift den verfluchten Polen, greift ihn, fangt doch sein Pferd, fangt sein Pferd!“ „Halt den Mund, sonst schlag ich dich tot,“ rief Andrij voller Schrecken und wollte mit dem Sack dreinschlagen. Aber Ostap war ohnehin schon wieder verstummt und schnarchte so laut, daß sich das Gras, auf dem er schlief, unter seinen Atemzügen hin- und herbewegte. Andrij sah sich scheu nach allen Seiten um, um sich darüber zu vergewissern, ob nicht Ostaps Geschrei einen von den Kosaken aufgeweckt hätte. In dem benachbarten Lager hatte sich in der Tat ein zottiger Kopf aufgerichtet und sah sich um, sank jedoch gleich wieder zu Boden. Andrij wartete noch zwei Minuten und zog dann mit seiner Last ab. Die Tatarin lag noch immer mit krampfhaft angehaltenem Atem auf dem Wagen.

„Steh auf, komm! Alle schlafen, fürchte dich nicht! Kannst du vielleicht eins von diesen Broten tragen, wenn ich keinen Platz für sie alle finden sollte?“ Mit diesen Worten lud er sich die Säcke auf den Rücken, nahm, als sie an einem Wagen vorbeigingen, noch einen Sack mit Hirse mit, ergriff selbst die Brote, die er der Tatarin zum Tragen geben wollte, und schritt dann, von seiner Last ein wenig zusammengebeugt, mutig durch die Reihen der schlafenden Saporoger hindurch.

„Andrij!“ rief der alte Bulba in dem Augenblick, als der Sohn an ihm vorbeikam. Sein Herz stockte, er blieb stehen und fragte zitternd: „Was willst du?“

„Du hast ein Weib bei dir! Wenn ich aufstehe, prügle ich dich durch, so groß du bist. Die Weiber führen einen nie zum Guten!“

Und mit diesen Worten stützte er den Kopf in die Hand und betrachtete aufmerksam die in ihr Tuch eingehüllte Tatarin.

Andrij stand mehr tot wie lebendig daneben. Er hatte nicht den Mut, seinem Vater ins Gesicht zu blicken. Doch als er endlich die Augen zu erheben wagte und ihn ansah, hatte der alte Bulba wieder den Kopf auf die Hand gestützt und schlief.

Andrij schlug ein Kreuz. Der Schrecken wich ebenso schnell aus seinem Herzen, wie er gekommen war. Als er sich nach der Tatarin umwandte, sah er sie in ihr schwarzes Tuch gehüllt, unbeweglich wie eine Granitsäule vor sich stehen, und der Widerschein der fernen Feuersbrunst spiegelte sich in ihren Augen, die starr waren wie die einer Toten. Er zupfte sie am Ärmel, und beide gingen, sich unablässig umschauend, zusammen vorwärts, bis sie endlich an einem Berghang vorbei in ein tiefes Tal oder an eine Böschung gelangten, auf deren Grunde sich ein Flüßchen träge dahinschlängelte; das Tal war mit Riedgras bewachsen und mit zahlreichen kleinen Erdhügeln übersät. Nachdem sie die Schlucht betreten hatten, konnten sie von dem Feld aus, auf dem die Saporoger lagerten, nicht mehr gesehen werden. Wenigstens sah Andrij, als er sich umwandte, die abschüssige Böschung sich hinter ihm gleich einer steilen Wand fast manneshoch erheben. Auf der Höhe schwankten einige große Feldblumen hin und her, und über ihnen stieg der Mond schräg gleich einer Sichel aus gemünztem Golde am Himmel empor. Ein leichter aus der Steppe herabwehender Wind ließ vermuten, daß es nicht mehr lange bis Tagesanbruch sei. Aber nirgends ertönte ein ferner Hahnenschrei: es gab schon seit langer Zeit weder in der Stadt noch in der ausgeplünderten Umgebung einen Hahn mehr.

Auf einem schmalen Brett überschritten sie den Fluß, dessen jenseitiges Ufer sich noch höher erhob als das andere und in Form eines steilen Abhanges emporstieg. Es schien dies der stärkste und von Natur auch der sicherste Punkt der städtischen Befestigungen zu sein; wenigstens war der Erdwall hier niedriger, und doch war von der Besatzung dahinter nichts zu sehen. Allerdings erhoben sich dafür in einiger Entfernung die starken Klostermauern. Das steile Ufer war überall mit Steppengras bewachsen, und der schmale Raum zwischen ihm und dem Flüßchen war mit mannshohem Schilfrohr bedeckt. Oben auf der Böschung sah man die Überreste eines geflochtenen Zauns, der wohl früher einen Gemüsegarten umfriedet hatte; davor wuchsen Disteln mit großen breiten Blättern, aus welchen Gänsefuß, stachelichte Kletten und Sonnenblumen hervorragten, die ihr Haupt stolz in die Luft streckten. Hier angelangt zog die Tatarin ihre Schuhe mit den hohen Absätzen aus und ging barfuß weiter, wobei sie sorgfältig ihr Kleid emporhob, denn der Weg wurde jetzt sumpfig und feucht. Sie bahnten sich mühsam einen Pfad durch das Röhricht, bis sie vor einem Haufen Reisig und Faschinen haltmachten. Sie entfernten das Reisig und fanden eine Art Erdhöhle, deren Öffnung wenig größer als die eines Backofens war. Die Tatarin bückte sich und ging voran, Andrij folgte ihr ebenfalls so gebückt wie möglich, um mit seinen Säcken hindurchzukommen, und bald befanden sich beide in vollkommener Finsternis.

Sechstes Kapitel