„Sprich doch ein Wort,“ sagte Andrij und ergriff ihre sammetweiche Hand. Bei dieser Berührung strömte es wie glühendes Feuer durch seine Adern, und er preßte ihre Hand zusammen, die gefühllos in der seinen lag. Aber sie schwieg und verharrte regungslos in derselben Stellung, ohne das Tuch vom Gesicht hinwegzuziehen.
„Weshalb bist du so traurig? Sage mir doch, weshalb du so traurig bist?“
Da warf sie das Tuch fort, schlug die ins Gesicht fallenden reichen Haarsträhnen zurück und brach in bittere Worte der Klage aus, die sie mit leiser, ganz leiser Stimme vor sich hinsprach, gleich dem Winde, der sich an einem schönen Abend erhebt und durch das dichte Rohr am Wasser fährt. Da geht es plötzlich wie ein Flüstern durch das Rohr, da singen und klingen klagende, zarte Töne durch die Luft. Der Wanderer bleibt stehen und lauscht ihnen mit einer unerklärlichen Schwermut, und er merkt nicht das Nahen des Abends, noch die heiteren Lieder der Arbeiter, die vom Feld und von der Ernte zurückkehren, noch das Rasseln eines fern vorbeirollenden Wagens.
„Bin ich nicht ewig bemitleidenswert? Ist die Mutter nicht unselig, die mich zur Welt gebracht hat? Gibt es ein Los, bitterer als das meine? Quälst du mich nicht zu Tode, schreckliches Schicksal! Alles hast du mir zu Füßen gelegt: die besten Männer der ganzen Schlachta, die reichsten Herren, Grafen und fremden Barone und die höchste Blüte unserer Ritterschaft? Alle liebten sie mich, und jeder hätte meine Gegenliebe für das größte Glück gehalten. Ich brauchte nur mit der Hand zu winken, und jeder von ihnen, der Schönste und Vornehmste von Angesicht und Herkunft wäre mein Gatte geworden. Und keinem von ihnen hast du, grausames Schicksal, mein Herz zugewendet. Den besten Helden unseres Vaterlandes hast du es entzogen und den Betörungen eines Fremden, eines Feindes überliefert. Warum, o heilige Mutter Gottes, um welcher Sünden und schwerer Verbrechen willen verfolgst du mich so grausam, so unbarmherzig? In Überfluß, Reichtum und Pracht sind meine Tage verflossen. Die herrlichsten auserlesensten Speisen, die süßesten Weine bildeten meine tägliche Nahrung. Und warum, wozu war das alles? Nur dazu, um mich zuletzt eines schrecklichen Todes sterben zu lassen, wie ihn kaum der letzte Bettler im Lande stirbt! Doch nicht genug, daß ich zu einem so schrecklichen Los verurteilt bin, nicht genug, daß ich vor meinem Ende Vater und Mutter in unerträglichen Qualen dahinwelken sehen muß, sie, für die ich, wenn ich ihnen nur helfen könnte, tausendmal mein Leben hingeben würde! Nein, das alles genügt noch nicht, ich muß auch noch, bevor ich sterbe, Worte vernehmen und eine Liebe kennen lernen, wie ich sie noch nie erfahren habe! Er muß mir mit seinen Worten das Herz zerreißen, auf daß mein bitteres Los noch bitterer werde, auf das ich mein junges Leben noch mehr betrauere, daß mir mein Tod noch schrecklicher dünke, und daß ich dir, o grausames Schicksal, und dir, heilige Mutter Gottes, — vergib mir die Sünde — noch im Sterben so furchtbare Vorwürfe mache!“
Endlich verstummte sie, und ein Ausdruck qualvollster Hoffnungslosigkeit spiegelte sich in ihrem Antlitz. Jeder Zug ihres Gesichts verriet eine tiefe nagende Schwermut, alles, die traurig gesenkte Stirn, die niedergeschlagenen Augen und die auf den leise glühenden Wangen versiegenden Tränen — alles schien zu sagen: Dies Angesicht weiß nichts von Glück!
„Nie ward es erhört auf dieser Welt, es kann nicht sein und ich dulde es nimmer,“ sprach Andrij, „daß die schönste und edelste der Frauen ein so bitteres Los ertragen sollte, sie, die dazu geboren ist, die Besten und Edelsten unserer Zeit vor sich wie vor einem Heiligtume knien zu sehen! Nein, du sollst nicht sterben! Du sollst nicht sterben; ich schwöre es bei meiner Geburt und bei allem, was mir teuer ist auf dieser Welt — du wirst nicht sterben! Sollte es aber trotz allem so kommen, sollte dies bittere Schicksal weder durch Kraft, noch Gebet, noch Mut abgewendet werden können, so werden wir zusammen sterben, und ich zuerst vor dir und zu deinen herrlichen Füßen; erst wenn ich tot bin, wird man mich von dir trennen können.“
„Täusche nicht dich und mich, Ritter,“ sagte sie leise, ihr schönes Haupt schüttelnd, „ich weiß es, ich weiß es zu meinem bitteren Leid nur zu wohl, daß du mich nicht lieben darfst, und ich kenne deinen Beruf und deine Pflicht: Dich ruft der Vater, die Kameraden, das Vaterland; wir aber sind — deine Feinde!“
„Was sind mir Vater, Vaterland und Kameraden,“ rief Andrij, ungestüm sein Haupt schüttelnd und sich machtvoll emporreckend, daß seine Gestalt der Balsampappel am Ufer glich. „Wenn es denn sein muß, nun wohl, so habe ich niemand, niemand, niemand,“ wiederholte er mit einer Stimme und Handbewegung, mit der wohl ein wackerer Kosakenheld seinen unerschütterlichen Entschluß zu einer unerhörten Tat zum Ausdruck bringt, der kein anderer gewachsen ist. „Wer sagt, daß die Ukraine mein Vaterland ist? Wer hat sie mir zum Vaterland gegeben? Das Vaterland ist da, wo es unsere Seele sucht, ist das, was ihr das liebste ist. Mein Vaterland — das bist du! Du bist mein Vaterland! Und dieses Vaterland will ich in meinem Herzen tragen! So lange ich lebe, werde ich es dort tragen: und ich möchte sehen, welcher Kosak es wagen will, dich aus meinem Herzen zu reißen. Ja, alles was ich besitze, will ich weggeben, verschenken, verkaufen und zugrunde richten für dies mein Vaterland!“
Einen Augenblick schien es, als ob sie zu einer herrlichen Bildsäule erstarrt sei. Dann sah sie ihm fest in die Augen, schluchzte laut auf und schlang ihm mit jener wundersamen hingebenden Leidenschaft, deren nur eine großmütige und zu starken Gefühlsausbrüchen neigende Frau fähig ist, die nichts von Berechnung weiß, ihre herrlichen, schneeweißen Arme um den Hals. In diesem Augenblick hörte man von der Straße ein wirres Geschrei hereindringen, das von Posaunenstößen und Paukenklängen begleitet wurde. Aber Andrij hörte nichts davon: er fühlte nur die wohlige Wärme ihres süßen Atems, ihre wundervollen Lippen, fühlte nur, wie ihre Tränen in Strömen über sein Antlitz flossen, und wie ihr reich herabwallendes, duftendes Haar ihn wie in dunkel glänzende Seide einhüllte.
Plötzlich kam die Tatarin mit einem Freudenschrei hineingestürmt. „Wir sind gerettet, gerettet,“ rief sie ganz außer Atem, „die Unseren sind in die Stadt gedrungen und haben Brot, Weizen, Mehl und gefangene Saporoger mitgebracht.“ Aber niemand wollte hören, was für „Unserige“ in die Stadt gedrungen, was sie mitgebracht hätten, und welche Saporoger gefangen worden seien. Von überirdischen Gefühlen erfüllt, küßte Andrij die süß duftenden Lippen, die sich an seine Wange geschmiegt hatten, und diese Lippen ließen ihn nicht ohne Antwort. Sie erwiderten seine Liebkosungen, und in diesem gegenseitigen, ineinanderschmelzenden Kuß empfanden beide, was der Mensch nur einmal im Leben zu empfinden vermag.