„Jetzt noch einen letzten Trunk, Kameraden: auf unsere Ehre und unseren Ruhm und auf alle Christen, die in der Welt leben!“
Und alle Kosaken, vom ersten bis zum letzten, tranken den letzten Schluck auf Ehre und Ruhm und auf alle Christen, die irgendwo in der Welt lebten. Und lange noch wiederholten die einzelnen Gruppen und Abteilungen:
„Auf das Wohl aller Christen, die in der Welt leben!“
Die Becher waren geleert, doch noch immer standen die Kosaken mit erhobenen Händen da; allein wenn auch der Wein ihre Augen heller und freudiger glänzen machte, — sie waren doch immer noch ernst und nachdenklich. Nicht an Beute und Kriegsglück dachten sie jetzt, auch nicht daran, ob ihnen wohl goldene Dukaten, kostbare Waffen, gestickte Röcke und Tscherkessenpferde beschieden sein würden: sie saßen sinnend da wie eine Schar von Adlern, die sich hoch oben auf den Spitzen steinerner Felsen und steiler Berge niedergelassen haben, von wo aus man das weite grenzenlose Meer erblickt, wie es mit Galeeren, Segelschiffen und allerlei Fahrzeugen, gleichwie mit kleinen Vögeln, besät ist, — das Meer mit seinen in der Ferne verschwimmenden Meerbusen und Gestaden, mit Städten, die wie Fliegen, und mit Wäldern, deren Bäume wie niedrige Grashalme aussehen. Mit Adlerblick überschauten sie die ganze Ebene und ihr von ferne winkendes Schicksal. Einst würde das ganze weite Feld, mit all seinen Wegen und Verstecken, mit nackten weißen Kosakenknochen bedeckt sein, und auf dem von Kosakenblut gedüngten Boden würde man zertrümmerte Wagen, zerbrochene Säbel und Lanzen erblicken; überall würden dicht behaarte Köpfe mit zerzausten und blutigen Mähnen und tief herabhängenden Schnurrbärten herumliegen, die Adler würden sich auf die Leichen stürzen und ihnen mit ihren Schnäbeln die Kosaken-Augen heraushacken. Aber wie schön und herrlich war doch trotz allem ein so weites, freies Sterbelager! Keine ihrer großen Taten würde vergessen werden, und der Kosakenruhm würde nie vergehen und nie sich verlieren wie die kleine Kugel, die den Flintenlauf verlassen hat. Ein Bandura-Spieler mit einem weißen, bis an den Gürtel reichenden Bart würde einst von ihm singen oder vielleicht auch ein weißhaariger Greis, der aber noch immer ein Bild kraftvoller männlicher Schönheit ist: ein Wahrsager und Prophet, würde er mit gewaltigen, mächtigen Worten von ihm künden! Und weithin über die Welt würde sich der Ruhm der Kosaken verbreiten, und alle, die nach ihnen geboren würden, würden von ihnen reden. Denn leicht verbreitet sich ein gewaltiges Heldenwort, leicht wie der Ton aus schallendem Glockenerz, in das der Meister viel köstliches und reines Silber gemischt hat, auf daß der herrliche Klang in alle Städte und Dörfer, Paläste und Hütten dringe, und alle Christen zum heiligen Gebete rufe.
Neuntes Kapitel
In der Stadt hatte noch niemand etwas davon erfahren, daß die Hälfte der Saporoger abgezogen war, um die Tataren zu verfolgen. Vom Rathausturm bemerkte man allerdings, daß ein Teil der Wagen hinter dem Walde verschwunden war, allein man glaubte, daß die Kosaken den Leuten in der Stadt einen Hinterhalt legen wollten, und so dachte auch der welsche Ingenieur. Mittlerweile aber hatte sich die Meinung des Hetmans bestätigt: in der Stadt machte sich wieder ein großer Mangel an Lebensmitteln bemerkbar: wie stets in diesen Zeiten, so hatte man es auch diesmal nicht für nötig gehalten, die Bedürfnisse des Heeres im voraus zu berechnen. So versuchte man denn, einen Ausfall aus der Stadt zu machen — indes die Hälfte der Waghalsigen wurde auf der Stelle von den Kosaken niedergemacht, und die andern wurden mit leeren Händen in die Stadt zurückgeschickt. Die Juden aber wußten den Ausfall gut auszunutzen: sie kriegten alles heraus: wohin und weshalb die Saporoger fortgezogen waren, welche Führer, welche Abteilungen und wieviel Leute an Ort und Stelle zurückgeblieben waren, und was sie zu tun beabsichtigten — kurz, man war in der Stadt bald darauf aufs genaueste über alles unterrichtet.
Die Führer schöpften neuen Mut und entschlossen sich, den Kosaken eine Schlacht zu liefern. Taraß erriet diese Absicht schon an dem Lärm und der Bewegung in der Stadt, worauf auch er schnell alle Anstalten traf, alle nötigen Befehle und Anordnungen gab und die einzelnen Abteilungen in drei Lager teilte, indem er sie von Proviantwagen wie mit Festungswällen umstellen ließ, — eine Kampfart, in der die Saporoger unbesieglich waren. Zwei Abteilungen befahl er, sich in den Hinterhalt zu legen, und einen Teil des Feldes ließ er mit spitzen Pfeilen, zerbrochenen Säbeln und Lanzen spicken, um, wenn es glücken sollte, die feindliche Reiterei hineinzujagen. Als alles aufs trefflichste instand gesetzt war, hielt er eine Ansprache an die Kosaken: nicht etwa um sie zu ermutigen oder anzufeuern — er wußte, daß sie auch ohnedies mutig und tapfer genug waren, sondern einfach weil er selbst einmal aussprechen wollte, was er auf dem Herzen hatte.
„Werte Herren, ich will euch sagen, was unsere Kameradschaft bedeutet. Ihr habt von den Vätern und Großvätern vernommen, wie unser Land überall geehrt wurde: die Griechen haben es kennen gelernt, und von Konstantinopel erhielt es Dukaten als Tribut; es hatte herrliche Städte, Kirchen und Fürsten — Fürsten von altem russischen Adel, seine eigenen Fürsten und nicht katholische Ketzer. Und nun haben uns die Ungläubigen alles geraubt, und es ist alles verloren gegangen: nur wir arme Waisen sind übrig geblieben — und wie eine Witwe, deren starker Mann dahingegangen ist, ist auch unser Land verwaist und schutzlos geworden. In einer solchen Zeit haben wir uns die Hände gereicht, Kameraden, um Brüderschaft miteinander zu schließen! Und das ist es, worauf unsere Kameradschaft gegründet ist! Es gibt keine heiligeren Bande als die der Waffenbrüderschaft; der Vater liebt sein Kind, die Mutter liebt ihr Kind, das Kind liebt Vater und Mutter, doch was bedeutet das alles, Brüder? Auch das Tier liebt ja sein Junges! Eine Seelengemeinschaft die noch über die Blutsbande hinausgeht, die kann nur bei Menschen bestehen! Auch in andern Ländern haben treue Freunde und Kameraden zusammengehalten, aber nirgends noch gab es solche, wie die russische Erde sie hervorbrachte. Viele von euch haben lange, lange Zeit in der Fremde geschmachtet, gewiß, auch dort gibt es Menschen — auch sie sind von Gott erschaffen worden, und man kann mit ihnen sprechen wie mit seinesgleichen. Aber wenn es sich um Worte handelt, die die ganze Seele aufrühren, da merkt man sofort den Unterschied! Gewiß, es sind kluge Leute, und doch fehlt es ihnen an etwas, es sind Menschen wie wir, und doch ganz anders geartet. Nein Brüder, so lieben, wie ein russisches Herz es kann — ich meine nicht mit dem Verstande oder irgend etwas Ähnlichem, sondern mit allem, was uns Gott gegeben hat, mit alledem, was im Menschen verborgen ist — ah,“ sagte Taraß, indem er die Hand sinken ließ, sein graues Haupt schüttelte und mit dem Schnurrbart zuckte, „nein, so kann kein anderer lieben! Ich weiß wohl, es sind jetzt schlimme Sitten in unser Land gedrungen, alle Leute denken nur an ihre Heuschober, ihre Kornspeicher, ihre Roßherden und legen den allergrößten Wert darauf, daß die versiegelten Metflaschen in ihren Kellern nur ja unberührt bleiben; sie nehmen der Teufel weiß was für heidnische Sitten an, verachten ihre eigene Sprache und wollen kaum noch mit ihren eigenen Stammesgenossen sprechen, ja sie verkaufen den eigenen Bruder wie irgend ein seelenloses Vieh, das man auf dem Markte feilbietet. Die Gunst eines fremden Königs, ja nicht einmal eines Königs, sondern nur das schmähliche Wohlwollen eines polnischen Magnaten, der sie mit seinen gelben Stiefeln ins Gesicht schlägt, liegt ihnen mehr am Herzen als alle Brüderschaft. Aber auch im letzten Lumpen, so niedrig und gemein er auch sein mag, selbst wenn er sich noch so sehr in Staub, Schmutz und Unterwürfigkeit wälzt, auch in ihm, Brüder, lebt noch ein Fünkchen russischen Gefühls, und der Tag kommt, an dem er wieder erwacht und zur Besinnung kommt; dann wird er sich wie ein Verzweifelter gegen die Brust schlagen, sich am Kopfe fassen, sein schändliches Leben laut verfluchen, und seine schmachvolle Tat mit tausend Qualen sühnen wollen. So mögen sie denn alle wissen, was die Kameradschaft in russischen Landen bedeutet! Und wenn es denn gilt, zu sterben, so wird niemand von ihnen so zu sterben wissen wie wir. Niemand, niemand! Das bringt ihre Mäusenatur nicht fertig!“
So sprach der Hauptmann, und als er seine Rede beendet hatte, schüttelte er noch lange sein silberweißes Haupt, das in den vielen Kosakenzügen ergraut war.
Alle Umstehenden hatte seine Rede aufs tiefste ergriffen und bis ins Innerste erschüttert. Die Ältesten verharrten in völliger Bewegungslosigkeit, sie hatten ihre grauen Häupter zu Boden gesenkt, und in ihren alten Augen glänzte eine verstohlene Träne, die sie langsam mit dem Ärmel fortwischten. Dann aber erhoben sie alle wie auf Verabredung gleichzeitig die Hände und schüttelten die greisen Häupter.