„Ich höre es,“ klang es plötzlich durch die allgemeine Stille, und ein Zittern ging plötzlich durch die millionenstarke Menge. Ein Teil der bewaffneten Reiter stürzte sich sofort mitten unter sie, um sie zu durchsuchen. Jankel war bleich geworden wie der Tod; als sich die Reiter ein wenig von ihm entfernt hatten, wandte er sich voller Schrecken um, um Taraß zu suchen; allein dieser stand schon nicht mehr neben ihm und war spurlos verschwunden.
Zwölftes Kapitel
Taraß ließ bald wieder von sich hören. Ein Heer von hundertzwanzigtausend Kosaken erschien an den Grenzen der Ukraine. Das war nicht mehr ein Häuflein oder eine kleine Schar, die auf Raub ausging oder die den Tataren nachsetzen wollte. Nein, die ganze Nation hatte sich erhoben, denn die Geduld des Volkes war endlich erschöpft — sie hatte sich erhoben, um sich für die Verhöhnung ihrer Rechte, den erniedrigenden Schimpf, der ihren Sitten angetan war, die Verletzung des Glaubens ihrer Vorfahren und ihrer heiligen Gebräuche, für die Schändung der Kirchen, die Willkür der ausländischen Herren, die Unterdrückung, die Union und die verhaßte Herrschaft der Juden in christlichen Landen, kurz, um sich für alles zu rächen, was den leidenschaftlichen Haß der Kosaken hervorgerufen und gesteigert hatte. An der Spitze dieses unübersehbaren Kosakenheeres stand der junge aber kluge und mutige Hetman Ostraniza, und ihm zur Seite sein altersgrauer und kampferprobter Waffenbruder und Berater Gunja. Acht Hauptleute führten ebensoviel Scharen von je zwölftausend Kosaken. Zwei Anführer und ein Unterfeldherr bildeten das unmittelbare Gefolge des Hetmans. Der erste Fahnenträger ritt mit dem großen Banner allen voran; und noch zahllose andere Fahnen und Feldzeichen sah man in der Ferne flattern. Die Anführer trugen alle ihre Hetmansstäbe. Außerdem befanden sich im Heere noch eine große Reihe anderer Würdenträger, als da sind: Proviantmeister, Stabsoffiziere, Heerschreiber &c., die von Berittenen und Fußvolk begleitet wurden. Die Zahl der Freiwilligen war fast ebenso groß, wie die der Kriegspflichtigen. Von allen Seiten waren die Kosaken zusammengeströmt: aus Tschigirin, Perejaßlaw, aus Baturin und Gluchow, von dem unteren Laufe des Dnjepr, von seinem ganzen Oberlauf und von all seinen Inseln. Zahllose Roßherden und Wagenreihen zogen über die Felder dahin. Aber unter den vielen Kosaken, unter diesen acht Abteilungen war eine, die vor allen ausgezeichnet war, das war die, an deren Spitze Taraß Bulba stand. Alles kam zusammen, um ihm ein gewaltiges Übergewicht über seine Genossen zu geben: sein vorgerücktes Alter, seine Erfahrung, seine Kunst, ein so großes Heer zu befehligen, und vor allem sein furchtbarer Haß gegen die Feinde. Selbst den Kosaken erschien seine furchtbare Wildheit und unbarmherzige Grausamkeit fast übertrieben. Sein ergrauter Kopf träumte von nichts anderen, als von Galgen und Feuer, und im Kriegsrate verbreitete sein Wort Schrecken und Vernichtung.
Es wäre zwecklos, all die Schlachten, in denen sich die Kosaken auszeichneten oder den ganzen Verlauf dieses Feldzuges zu beschreiben, all dieses ist in den Büchern der Geschichte aufgezeichnet. Man weiß, wie man in russischen Landen einen Krieg für den Glauben führt: es gibt keine furchtbarere Kraft als den Glauben. Er ist unüberwindlich und schrecklich wie ein Felsen, der nicht von Menschenhand geschaffen ist und der von dem wilden ewig wechselnden Meere umbraust wird: aus der tiefsten Tiefe des Meeresgrundes erhebt er seine unerschütterlichen, aus einem einzigen Stücke geschaffenen Mauern bis in den Himmel empor. Er ist von allen Seiten sichtbar und blickt aufrecht auf die vorbeieilenden Wogen herab. Und wehe dem Schiff, das zu ihm hingetrieben wird. Seine kraftlosen Masten und Segel reißen in Stücke. Mann und Maus geht unter, und das Jammergeschrei der Ertrinkenden erfüllt ringsum die Luft.
Es ist in den Chroniken ausführlich beschrieben, wie die polnischen Besatzungen aus den erschrockenen Städten flohen, wie die gewissenlosen jüdischen Pächter, einer nach dem andern, aufgeknüpft wurden, wie wehrlos der königliche Hetman Nikolaus Potozki mit seinem großen Heere dieser unüberwindlichen Macht gegenüberstand, wie er geschlagen und verfolgt wurde und wie er die bessere Hälfte seines Heeres in einem kleinen Flüßchen untergehen ließ; wie die furchtbaren Kosakenhorden ihn in das Städtchen Polomo einschlossen, und wie der bis zum Äußersten getriebene polnische Hetman ihnen mit einem feierlichen Eid im Namen des Königs und aller Magnaten vollständige Genugtuung und die Wiederherstellung aller früherer Rechte und Privilegien versprach. Aber die Kosaken waren nicht gesinnt, sich damit zu begnügen: wußten sie doch, welch einen Wert ein polnischer Eid hatte. Und Potozki hätte nicht mehr auf seinem schmucken Renner, der wohl sechstausend Gulden wert war, die Blicke der Edeldamen und den Neid des Adels auf sich lenken, nicht mehr im Reichstag lärmen und keine glänzenden Gastmähler zu Ehren der Senatoren geben können, wenn ihn die russische Geistlichkeit, die sich im Städtchen befand, nicht gerettet hätte. Als nämlich alle Polen in ihren glänzenden, goldgestickten Meßgewändern, mit Heiligenbildern und Kreuzen in den Händen und allen voran der Erzbischof mit Kreuz und Mitra ihnen entgegenkamen, da senkten die Kosaken ihre Häupter und nahmen die Mützen ab. In jenem Augenblick hätten sie wohl niemandem Achtung erwiesen, selbst dem König nicht — aber gegen ihre Kirche erdreisteten sie sich nicht, sich aufzulehnen, und daher begrüßten sie ihre Geistlichkeit ehrfürchtig. Der Hetman wie die Hauptleute erklärten sich bereit, Potozki freizugeben, doch ließen sie ihn vorher einen Schwur leisten, daß er alle christlichen Kirchen in Ruhe lassen, der alten Feindschaft entsagen und dem Kosakentum keinen Schimpf und Schaden mehr zufügen werde. Nur einer der Hauptleute wollte diesen Friedensschluß nicht mitmachen: dieser eine war Taraß. Er riß sich ein Büschel Haare aus und rief:
„He, du Hetman und ihr Hauptleute! macht doch keine solchen Weibergeschäfte! Traut den Polen nicht: sie werden euch ja doch verraten!“ Und als der Heerschreiber den Vertrag vorlegte, und der Hetman ihn mit seiner mächtigen Faust unterzeichnete, da zog Taraß seine herrliche Klinge, den kostbaren türkischen Säbel von feinstem Stahl, zerbrach ihn in zwei Stücke wie einen Stab, warf sie weit weg, nach verschiedenen Richtungen und rief: „So lebt denn wohl! So wenig wie diese beiden Enden sich je zu einem Säbel vereinigen werden, werden auch wir uns in dieser Welt noch einmal wiedersehen, Kameraden! Seid meiner Abschiedsworte eingedenk!“ (Hier wurde seine Stimme lauter, sie erhob sich gewaltig, und eine ungewohnte Macht ging von ihr aus, so daß alle über diese propethischen Worte in Verwirrung gerieten.) „In Eurer Todesstunde werdet ihr meiner gedenken! Ihr glaubt, daß ihr euch nun Ruhe und Frieden erkauft habt, ihr glaubt, daß ihr jetzt wie die Herren leben werdet? Das kann ein rechtes Herrenleben werden! Die Haut wird man dir vom Kopfe ziehen, Hetman, man wird sie mit Buchweizenspreu ausstopfen und sie auf allen Märkten herumschleppen und ausstellen! Und auch ihr, werte Herren, werdet eure Köpfe nicht behalten! In feuchten Kellern, zwischen steinernen Mauern eingepfercht, werdet ihr elend verrecken — wenn man euch nicht etwa lebendig röstet wie Hammel in glühenden Kesseln.“
„Doch ihr, Kameraden,“ fuhr er fort, indem er sich an seine Leute wandte, „wer von euch will einen Tod sterben, wie er selbst ihn sich wünscht, — nicht hinter dem Ofen und an der Seite seines Weibes, nicht trunken hinterm Zaun neben irgend einer Schenke, wie ein stinkendes Aas, — sondern einen ehrlichen Kosakentod, zusammen mit allen, auf einem Lager, wie Braut und Bräutigam? Oder wollt ihr vielleicht nach Hause zurückkehren, eurem Glauben abschwören und die polnischen Priester auf eurem Rücken schleppen.“
„Führe du uns Hauptmann, führe uns, Herr,“ riefen alle die zu seiner Abteilung gehörten, und noch viele andere schlossen sich ihnen an.
„Nun also denn, vorwärts“ rief Taraß, drückte seine Mütze noch kühner in die Stirn, warf den Zurückbleibenden einen verächtlichen Blick zu, richtete sich auf seinem Rosse hoch auf und rief den Seinen zu: „Niemand wage es, uns zu beschimpfen! Auf Freunde, jetzt wollen wir diesen Katholiken einmal einen Besuch abstatten!“ Damit gab er seinem Pferd einen Schlag und stürmte davon, und ein ganzer Zug von hundert Wagen, dem sich viele Kosaken zu Fuß und zu Pferde anschlossen, folgte ihm. Taraß wandte sich um und warf den Zurückbleibenden noch einen drohenden Blick zu — seine Augen sprühten vor Zorn. Niemand wagte es, sie zurückzuhalten. Die Abteilung zog Angesichts des ganzen Heeres ab, und noch viele Male drehte sich Taraß nach ihm um, und blitzte sie zornig an.
Der Hetman und die Kosaken blieben zurück; sie versanken in Gedanken und schwiegen lange Zeit, wie wenn eine schwere Vorahnung sie bedrückte. Taraß hatte die Wahrheit gesagt. Es kam ganz so, wie er es vorausgesehen hatte. Kurze Zeit darauf, nach dem Verrat von Kanewo, ward der Kopf des Hauptmanns und mit ihm der vieler vornehmer Würdenträger, auf einen Pfahl gesteckt und öffentlich zur Schau gestellt.