Mit dem drei Zaren einst mein Sang

Zu Ruhm und Preis erklang.

Der Greis, der mit einem Fuß im Grabe steht, wird nicht lügen. Während seines ganzen Lebens hat er diese Liebe wie ein Heiligtum in sich gehegt und so hat er sie mit sich ins Grab genommen und ist er ihr auch bis übers Grab treu geblieben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Woher stammt diese Liebe? Das ist hier die Frage. Daß sie im ganzen Volke, in einem dunkeln Instinkt seines Herzens lebt, und daher auch der Dichter, als der reinste Spiegel seines Volkes, sie laut in sich vernehmen mußte, das erklärt nur die eine Hälfte des Problems. Der ganze, der vollkommene Dichter gibt sich nie an eine Sache hin, ohne sich vorher Rechenschaft über sie abgelegt und ohne sich überzeugt zu haben, daß sie vor der Weisheit und vor dem hellen Lichte seiner Vernunft bestehen kann. Er, der im Besitz eines Ohres ist, das die kommenden Dinge und Ereignisse vernimmt, und der von dem Streben beseelt wird, die Dinge, die die andern nur stückweise, von einer einzigen, oder etwa bloß von zwei Seiten und nicht von allen vier Seiten sehen, in ihrer ganzen Vollkommenheit und Vollständigkeit nachzuschaffen, er konnte nicht anders, als die Kulmination in der Entwicklung und dem Reifen dieser Herrschergewalt voraussehen. Mit welcher Weisheit hat Puschkin die Bedeutung des unumschränkten Monarchen gekennzeichnet! Wie klug war überhaupt alles, was er während seiner letzten Lebensjahre gesagt hat: „Warum,“ so pflegte er zu sagen, „warum muß einer von uns höher als alle, ja selbst noch über dem Gesetze stehen? Darum, weil das Gesetz ein Stück Holz ist; weil der Mensch bei dem Worte Gesetz etwas Kaltes, Hartes empfindet, etwas, dem das Herzliche, Brüderliche fehlt. Mit der buchstäblichen Erfüllung des Gesetzes allein kommt man nicht weit; und doch darf keiner von uns es verletzen oder umgehen; dazu bedarf es eben der höchsten Gnade, die das Gesetz mildert, und die sich für den Menschen lediglich in der unumschränkten Gewalt verkörpern kann. Ein Staat ohne souveränen Monarchen ist ein Automat: es ist schon viel, wenn er es so weit bringt, wie die Vereinigten Staaten. Und was sind die Vereinigten Staaten? Etwas Totes, Abgestorbenes. Die Menschen dort sind so hohl und so leer geworden, daß sie keinen Pfifferling mehr wert sind. Ein Staat ohne souveränen Monarchen gleicht einem Orchester ohne Kapellmeister: die einzelnen Musiker mögen noch so tüchtig sein; wenn es an einem Manne fehlt, der das Ganze mit einer Bewegung des Taktstockes lenkt und im rechten Augenblick das Zeichen gibt, dann wird nie ein gutes Konzert zustande kommen. [Er scheint zwar selbst gar nichts zu tun, er spielt auf keinem Instrument, sondern bewegt nur sein Stöckchen kaum merklich hin und her, und hält Überschau über alle Musiker, und doch genügt ein Blick von ihm, um hier oder dort den rauhen, häßlichen Ton einer täppischen Trommel oder einer plumpen Pauke zu mildern.] In seiner Gegenwart wagt es selbst des Meisters Geige nicht, sich allzu frei gehen zu lassen und die andern zu übertönen; er wacht über der allgemeinen Ordnung, er belebt alles, er, der Herr und Stifter höchster Eintracht und Harmonie!“ Welch tiefes Verständnis besaß er für die großen, ewigen Wahrheiten!

Dieses innere Wesen, diese Macht des selbstherrlichen Monarchen hat er ja auch, wenigstens zum Teil in einem seiner Gedichte zum Ausdruck gebracht, das du übrigens selbst unter seinen nachgelassenen Werken abgedruckt hast. Du hast sogar Korrekturen daran vorgenommen und die Form verbessert; allein du hast den Sinn nicht verstanden. Ich will dir hier des Rätsels Lösung geben. Ich meine die Ode an den Kaiser Nikolaus, die unter dem bescheidenen Titel An N*** erschienen ist. Ihr Ursprung ist folgender: Im Anitschkowpalast fand eine Abendgesellschaft statt, eine von jenen Gesellschaften, zu denen, wie bekannt, nur wenige Auserwählte aus unserer Gesellschaft eingeladen wurden; unter ihnen befand sich an jenem Abend auch Puschkin. Alle Gäste waren bereits in den Sälen versammelt; nur der Kaiser wollte lange Zeit nicht erscheinen. Er hatte sich in den andern Flügel des Schlosses zurückgezogen, die erste freie Minute, während der ihn kein Geschäft rief, benutzt, die Ilias aufgeschlagen und sich ganz unmerklich tief in die Lektüre versenkt, während im Saale schon längst die Musik schmetterte und die Tänze hin und her wogten. Er erschien erst ziemlich spät beim Ball, während auf seinem Gesicht noch die Spuren anderer Eindrücke nachzitterten. Dieses Sichkreuzen zweier widerspruchsvoller Stimmungen wurde von keinem beachtet; auf Puschkins Seele aber machte es einen tiefen Eindruck; die Frucht dieses Eindrucks war folgende grandiose Ode, die ich hier noch einmal anführen will. Sie hat nur eine einzige Strophe:

Lang hieltest Zwiesprach’ du mit dem Homer allein,

Lang harrten wir auf dein Erscheinen,

Und aus der Ätherhöh’ stiegst du im Strahlenschein,

Durch das Gesetz uns zu vereinen.

Doch in der Wüste fandst du uns. Entgegen scholl