Die Betrachtungen über die Heilige Liturgie (Band VIII, Nr. 5, Seite 115 ff.) wurden im Januar und Februar des Jahres 1845 in Paris konzipiert und in der ersten Fassung noch vor der Abreise nach Jerusalem (d. h. vor dem Januar 1848) vollendet. Nachträglich wurden sie noch bis zum Jahre 1852 mehrfach umgearbeitet[10].
Hans Küchelgarten. Dieses Jugendwerk Gogols wurde wahrscheinlich bereits während seiner Schulzeit konzipiert und begonnen. Bald nach Gogols Ankunft in St. Petersburg (1828) ließ er das Werk unter dem Pseudonym W. Alow drucken und gab es den Buchhändlern in Kommission. Es wurde teils gar nicht beachtet teils wie z. B. von Polewoi offenkundig abgelehnt.
Beilage I-IV. Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski. (Band VIII, Seite 369.)
Dieser Briefwechsel mit dem berühmten russischen Kritiker Wissarion Bjelinski bildet eine wichtige Ergänzung zu der „Auswahl“, da er ein helles Licht auf die Stimmung wirft, aus der dieses Werk entsprungen ist, und weil er geeignet ist, Gogols Ziele und Absichten, die er mit dem Buche verfolgte, schärfer zu beleuchten und ein Bild von der Wirkung zu geben, die der Briefwechsel auf die Zeitgenossen ausübte. Die „Auswahl aus dem Briefwechsel“ bezeichnet einen Wendepunkt in Gogols Leben, das von diesem Augenblick an mit unheimlicher Schnelligkeit der Katastrophe zutreibt. Bald nach dem Erscheinen des ersten Bandes der „Toten Seelen“ setzt jene innere Krise ein, die so verhängnisvoll für Gogols Schaffen und sein persönliches Schicksal werden sollte. Der Zweifel an dem Zweck und Sinn des Dichterberufs, insbesondere an der Berechtigung seines eigenen dichterischen Stils steigert sich allmählich bis zu einer selbstquälerischen Melancholie, die das ganze menschliche Tun einseitig in den Blickpunkt der religiösen Zielsetzung einstellte. Der religiös-sittliche Zweck allein darf Inhalt und Wesensart der dichterischen Produktion bestimmen. Damit nimmt Gogols Schaffen immer mehr jenen didaktischen Charakter an, wie er so deutlich in dem Briefwerke zum Ausdruck kommt. Das Entwerfen von Mustern sittlicher Größe und Schönheit, Belehrung und Erziehung werden nun zu den höchsten Aufgaben des Dichters. Zugleich aber drängt sich immer kräftiger jener rückwärtsgewandte Zug zu einer passiven, heteronomen sittlichen Lebensauffassung vor, die in der demütigen Unterwerfung unter die gottgewollten Bindungen, in ihrer fügsamen Hinnahme den Sieg der Tugend und damit die Selbsterlösung aus der Wirrnis und den Unzulänglichkeiten der menschlichen Zustände erblickt. Diese Geistesstimmung konnte den „Briefwechsel“ zu dem Grundbuch des rückständigen Rußland machen, zu dem Arsenal aller reaktionären Ideologien, die auf alle folgenden Generationen, so z. B. noch auf Dostojewski, bis in die neuere und neueste Epoche fortwirkten. Gegen diese Tendenzen richtete sich schon zu Gogols Zeit der stürmische Protest der europäisch gesinnten russischen Jugend, wie er aus dem von wundervoller Leidenschaft durchpulsten Brief Bjelinskis zu uns spricht. Dieser Brief wird sicherlich Gogol nicht gerecht. In seinem prachtvollen Empörungsausbruch übersieht Bjelinski die radikalen Konsequenzen, die sich aus Gogols Standpunkt ergeben und für die der Zensor ein feineres Verständnis zeigte, als er nicht unbeträchtliche Teile aus dem „Briefwechsel“ herausstrich, ebenso wie Bjelinski die tiefen inneren sittlichen Probleme des menschlichen und künstlerischen Gewissens verkennt, die in diesem Werk ihren Ausdruck finden. Und doch liegt in dieser Ungerechtigkeit zugleich eine höhere geschichtliche Gerechtigkeit. In einer von freudigen Hoffnungen kommender großer Ereignisse erfüllten Zeit, die schon den großen Frühlingssturm des Jahres 1848 vorausahnte und sich auf ihn rüstete, mußte Gogols Predigt als ein Produkt dunkelster Reaktion, als das Werk eines finsteren rückwärtsdrängenden Geistes erscheinen.
Die Empörung über das Buch war allgemein, nicht allein bei den sogenannten Westlingen und den radikalen Slawophilen, sondern selbst bei Gogols nächsten Freunden, die über den hochmütigen lehrhaften Ton, den Gogol hier angeschlagen hatte, ungehalten waren. 1847 veröffentlichte Bjelinski im zweiten Heft des „Sowremjennik“ (Zeitgenossen) eine außerordentlich ungünstige Kritik, die sich zwar aus Zensurrücksichten eines maßvollen Tones befleißigte, aber Gogol, der bisher in Bjelinskis Kritiken nur begeisterter Zustimmung begegnet war, aufs tiefste verletzte. Da er sich den Grund zu Bjelinskis ablehnendem Urteil nicht erklären konnte, war er geneigt, ihn auf persönliche Motive zurückzuführen, wie dies aus Gogols durch die Rezension hervorgerufenem Schreiben an Bjelinski deutlich hervorgeht.
Bjelinski befand sich um diese Zeit auf Veranlassung seiner Freunde in Salzbrunn, wo er eine Kur gegen die Schwindsucht brauchte. An einem Julitag des Jahres 1847 setzte er sich hin und verfaßte jenen berühmten Brief (Band VIII, Seite 361), der eine so große Rolle in dem geistigen Freiheitskampf Rußlands gespielt hat.
Dieser Brief ist das Manifest des revolutionären Rußland geworden. Zwei weltgeschichtliche Gegensätze stoßen hier in heftigem Zusammenprall aufeinander. Europäertum und konservatives Altrussentum halten hier ihre große Abrechnung. Licht, Sonne, Heiterkeit, Klarheit, freie Selbstbestimmung auf der einen, Dumpfheit, Enge, Gebundenheit, Autorität auf der anderen Seite sind die Losungen, um die in diesem Briefwechsel gekämpft wird. Und es unterliegt keinem Zweifel, auf wessen Seite der Sieg sich neigt. Die Wirkung des Briefes war unbeschreiblich. In tausend Abschriften wanderte er von Hand zu Hand, und bald gab es in den entlegensten Provinzen, wie Asksakow schreibt, keinen Schullehrer, der den Brief nicht auswendig kannte. In allen oppositionellen Konventikeln wurde er mit Begeisterung gelesen und heimlich weiterverbreitet. Bloß der Tod (Bjelinski starb am 28. Mai 1848) rettete den Autor vor der Rache des Despotismus. Mußten doch zahlreiche junge Leute, darunter auch Dostojewski, wegen dieses Schreibens nach Sibirien wandern, lediglich weil sie der Polizei nicht von dessen Existenz Mitteilung gemacht hatten. So kämpfte in diesem Brief der Geist des verstorbenen Bjelinski noch nach seinem Tode tapfer weiter fort, wenn auch zunächst noch mit geschlossenem Visier. Lange war der Brief in Rußland gänzlich verboten. Alexander Herzen veröffentlichte ihn zum erstenmal in seinem in London erscheinenden „Polarstern“. Danach wurde er im Auslande und endlich 1872 auch in Rußland auszugsweise unter Weglassung der schärfsten Stellen nachgedruckt. Der vollständige Abdruck im Jahre 1906 in der Bibliothek Swetotsch (Die Fackel) durch Wengerow bezeichnet einen neuen Abschnitt in der Geschichte des Briefes und zugleich eine neue Epoche in der russischen Revolution.
Chronologische Tabelle der Werke Gogols
Die Zahl des Bandes, in dem die einzelnen Schriften erschienen sind, steht in eckigen Klammern hinter der Jahreszahl.