Aus alledem können wir uns eine Vorstellung davon machen, wie Dostojewsky sich mit den Lehren der vierziger Jahre beschäftigte, und wie klar doch bei alledem in ihm die Grenze vorgezeichnet war, die er vermöge seiner innersten Wesenheit nicht zu überschreiten vermocht hätte, so dass er sich uns als das darstellt, was wir heute einen christlichen Sozialisten im reinsten Sinne nennen möchten.

Um diese Zeit, oder vielmehr einige Jahre früher, hatten sich aus dem Schosse der Universität heraus mehrere Studentenkreise gebildet, die ein ernsteres Streben vereinigte, als die Lust an Skandal, Mensuren etc. Sie bildeten Lesekreise, legten eine gesonderte Studenten-Bibliothek an, wobei wissenschaftliche Werke des In- und Auslandes, darunter nicht wenige eingeschmuggelte Bücher, erworben wurden. So machten sie sich mit den Werken L. Steins, Jaxthausens, sowie denen Fouriers, Louis Blancs, Proud’hons bekannt. Diese Lesekreise nun benutzt jener ehemalige Student, nunmehrige Angestellte im Ministerium des Äusseren Butaschewitsch-Petraschewsky dazu, um die sogenannte „Gesellschaft der Propaganda“ durch alle möglichen Elemente zu vergrössern. Es sollten die einzelnen Kreise wieder Kreise bilden, nach dem System der „Fünf“ eines, dem bei uns unter dem Namen „Schneeballen“ bekannten, ähnlichen Vorganges. Die Teilnehmer der einzelnen Kreise sollten einander nicht persönlich kennen, jedoch alle mit dem Leiter Petraschewsky in Fühlung sein. In den Notizen, welche Anna G. Dostojewskaja aus den letzten Lebensjahren ihres Gatten aufbewahrt hat, finden wir die Stelle: „die Sozialisten (die russischen nämlich) sind aus den Petraschewzen hervorgegangen; die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut“. „Ebenso glaubten sie“ — diktierte er weiter — „dass das Volk mit ihnen sei und“ — fügt er hinzu — „sie hatten eine Grundlage dafür, denn das Volk war leibeigen.“

Dieser letzte Satz scheint mir der Schlüssel dafür zu sein, warum sich Dostojewsky überhaupt an den Besprechungsabenden des Petraschewskyschen Kreises bei diesem und bei Durow beteiligte. Ihn interessierte von jeher das Volk, er nahm tiefen Anteil an seinem Schicksal und hoffte und wünschte nichts sehnlicher, als die Aufhebung der Leibeigenschaft. Alle seine Reden hatten vornehmlich dies zum Gegenstande, und so erzählt einer der Teilnehmer in einem dieses Thema behandelnden Roman von einem Genossen, dem er Dostojewskys Worte in den Mund legt. Er sagte still und langsam: „die Befreiung der Bauern wird unbedingt der erste Schritt in unsere grosse Zukunft sein“.

Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky sehr lebendig als einen, „dessen ganzes Wesen sich zum Verschwörer geeignet habe; still, einsilbig, nicht mitteilsam, nur fähig, sich unter vier Augen auszusprechen“, sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer hinreissenden, alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen des Sozialismus, wie die anderen es verstanden, zuwiderlief, vermöge der Macht seiner Persönlichkeit doch die Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises, sowie jenes andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwürdigerweise liess man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange gewähren, zum Teil darum, weil man lange kein geeignetes Individuum fand, welches genug Wissen besessen hätte, um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbürtig teilnehmen zu können, und das über dem „Vorurteile“ erhaben wäre, welches den Namen eines Angebers brandmarkt. — Endlich fand man einen, diesen „erhabenen Standpunkt“ einnehmenden Menschen in einem Beamten des auswärtigen Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht mit Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky selbst stand mit diesem in keiner nahen persönlichen Verbindung, obwohl er seine Freitagsabende besuchte, wo von der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Unvermeidlichkeit eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus, dieser Schritt müsse von oben gemacht werden. „Wenn er aber nicht geschieht?“ warf man ein, — „ja dann meinetwegen mit Gewalt.“ Bei Durow hingegen wurde die Frage einer geheimen Druckerei aufgeworfen und von Dostojewsky befürwortet, allein von der Versammlung abgelehnt.

In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden die Hauptpersonen dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie irrtümlicherweise auch sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt und nach dem Hause der „dritten Abteilung“ der geheimen Polizei abgeführt. Wir haben, um, wenn es möglich wäre, authentische Daten über diesen Prozess, soweit er Dostojewsky angeht, zu erhalten, den Versuch gemacht, an Ort und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es würden keine allzugrossen Schwierigkeiten gemacht werden, da einerseits nahezu ein halbes Jahrhundert verstrichen sei und jetzt die Zustände andere und andere Personen am Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol, welcher den Anklagepunkt für Dostojewsky abgegeben, längst publiziert und aller Welt bekannt sei. Ausserdem habe man die Archive des Ministeriums des Innern immer bereitwillig jenen geöffnet, welche in einem litterarischen Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So hat der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor der reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau, eine Studie über den kleinrussischen Dichter Schewtschenko auch in jenen Archiven vervollständigt.

Man kam uns, soweit dies möglich war, von Seiten des Ministeriums des Innern und des Kriegsministeriums (da der Prozess dem Kriegsgericht übergeben worden war) bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe von Dokumenten zur Verfügung, welche die Verhaftung Dostojewskys, seine Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines „Verhaltens“ im Gefängnis, seine Befreiung, sein Avancement zum Fähnrich, die Wiedererlangung des Adels und seine endliche vollständige Befreiung, mit der Erlaubnis nach Petersburg zurückzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut seiner Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstände, nachdem er 50 Jahre im Aktenstaube vergraben gewesen und vorerst von den massgebenden Personen mit grossem Interesse gelesen worden war, zur Veröffentlichung überlassen. Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente, je an ihrer Stelle, hier im Anschluss.

Kopie.
III. Abteilung
von Sr. Majestät des
Kaisers Privatkanzlei. —
Expedition St. Petersburg,
22. April 1849.
No. 675.

Geheim.
Dem Herrn Major der Petersburger
Gendarmerie-Division
Tschudin.

Auf allerhöchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren (Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um 4 Uhr nach Mitternacht, den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant Theodor Michailowitsch Dostojewsky, welcher an der Ecke der kleinen Morskaia und des Wosnesensky-Prospekt, im Hause Schill auf der dritten Etage in der Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere und Bücher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach der dritten Abteilung von Sr. Majestät Privatkanzlei zu bringen.

Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darüber zu wachen, dass von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt werde.