Es ist schwer zu sagen, dass Petraschewsky (als politische Person betrachtet) irgend ein bestimmtes System in seinen Meinungen, irgend eine bestimmte Anschauung in politischen Dingen gehabt hätte. Ich habe bei ihm nur Ein folgerichtiges System bemerkt, und dieses war nicht das seine, sondern das Fouriers. Es scheint mir, dass besonders Fourier es ist, welcher ihn daran hindert, die Dinge selbständig anzusehen. Ich kann übrigens unbedingt sagen, dass Petraschewsky weit entfernt von der Idee ist, dass eine unmittelbare Anwendung des Fourierschen Systems auf unsere gesellschaftlichen Zustände möglich sei. Davon war ich immer überzeugt.
Die Gesellschaft, welche sich an Freitag-Abenden bei ihm versammelte, bestand fast ausschliesslich aus seinen nahen Freunden oder alten Bekannten; so denke ich wenigstens. Übrigens tauchten auch manchmal neue Personen auf. Dies war jedoch, so viel ich bemerken konnte, ziemlich selten der Fall. Von diesen Leuten kenne ich nur einen sehr kleinen Teil genauer. Andere kenne ich nur darum, weil ich drei- bis viermal im Jahre Gelegenheit hatte, mit ihnen zu sprechen. Viele der Gäste Petraschewskys kenne ich fast gar nicht, obwohl ich schon seit einem oder zwei Jahren an Freitagen mit ihnen zusammenkomme. Allein, obwohl ich nicht alle Personen gut kenne, habe ich doch manche ihrer Meinungen gehört. Alle diese Meinungen zusammen bilden geradezu eine Dissonanz; die eine widerspricht der anderen. Ich habe keinerlei Einheit in der Gesellschaft Petraschewskys gefunden, keinerlei Richtung, keinerlei gemeinschaftliches Ziel. Man kann unbedingt sagen, dass man dort nicht drei Menschen fände, welche in irgend einem Punkte über ein beliebig aufgegebenes Thema übereinstimmten. Daher gab es viele Debatten, daher der ewige Streit, die ewigen Meinungsverschiedenheiten! An einigen dieser Streitigkeiten habe auch ich teilgenommen.
Allein ehe ich sage, aus welcher Ursache ich an diesen Streitigkeiten teilgenommen habe und über welches Thema ich hauptsächlich sprach, muss ich einige Worte über das sagen, wessen man mich anklagt. Eigentlich weiss ich bis heute noch nicht, wessen man mich beschuldigt. Man hat mir nur mitgeteilt, dass ich an den gemeinschaftlichen Besprechungen bei Petraschewsky teilgenommen, dass ich wie ein Freidenker gesprochen und zuletzt einen Artikel vorgelesen habe: „Briefwechsel Belinskys mit Gogol“. Ich sage aus reinem Herzen, dass es für mich bis heute das Schwerste auf der Welt war, das Wort Freidenker, Liberaler zu definieren. Was versteht man unter diesem Worte: Einen Menschen, welcher ungesetzlich spricht? Ich habe aber Menschen gesehen, für die es gesetzwidrig sprechen heisst, wenn sie bekennen, dass sie der Kopf schmerze, und ich weiss, dass es auch solche giebt, welche im stande sind, auf jedem Kreuzweg alles zu sprechen, was nur ihre Zunge herunterzudreschen vermag. Wer hat meine Seele gesehen? Wer hat den Grad von Treubruch, von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen man mich beschuldigt? Nach welchem Massstab ist diese Bestimmung gemacht worden? Es kann sein, dass man nach einigen Worten urteilt, welche ich bei Petraschewsky gesagt habe. Ich habe dreimal gesprochen: zweimal habe ich über Litteratur und einmal über einen durchaus nicht politischen Gegenstand gesprochen: über Persönlichkeit und menschlichen Egoismus. Ich erinnere mich nicht, dass irgend etwas Politisches oder Freidenkerisches in meinen Worten gewesen sei. Ich erinnere mich nicht, dass ich mich irgend einmal bei Petraschewsky ganz ausgesprochen und mich gezeigt hätte, wie ich in der That bin. Allein ich kenne mich, und wenn man meine Anklage auf einige Worte gründet, die man im Fluge erhascht und auf einen Fetzen Papier geschrieben hat, so fürchte ich auch eine solche Anschuldigung nicht, obwohl sie von allen Beschuldigungen die gefährlichste ist; denn es giebt nichts Verderblicheres, Verwirrenderes und Ungerechteres als einige in der Geschwindigkeit aufgeschriebene Worte, welche von weiss Gott wo herausgerissen sind, sich auf weiss Gott was beziehen, im Fluge gehört und im Fluge verstanden worden, am alleröftesten jedoch gar nicht verstanden worden sind. Aber ich wiederhole, ich kenne mich und fürchte sogar eine solche Anschuldigung nicht.
Ja, wenn das Bessere wünschen Liberalismus, Freidenkerei ist, so bin ich vielleicht in diesem Sinne ein Freidenker. Ich bin ein Freidenker in dem Sinne, in welchem auch jeder Mensch ein Freidenker genannt werden kann, der in der Tiefe des Herzens sein Recht empfindet, ein Staatsbürger zu sein, das Recht empfindet, seines Vaterlandes Wohl zu wünschen, da er in seinem Herzen sowohl die Liebe zum Vaterlande als auch das Bewusstsein trägt, dass er es niemals und durch nichts schädigen werde.
Aber dieser Wunsch nach dem Besseren, bezog er sich auf das Mögliche oder das Unmögliche? Mag man mich auch beschuldigen, die Veränderung, den Umsturz auf gewaltsamem, revolutionärem Wege, durch Aufreizung zu Erbitterung und Hass gewünscht zu haben! Ich fürchte nicht, dessen überführt zu werden, denn keine Angeberei der Welt wird mir etwas geben oder etwas nehmen: keine Denunziation wird mich zwingen, ein anderer zu sein, als ich thatsächlich bin. Besteht meine Freidenkerei darin, dass ich laut von Dingen gesprochen habe, über welche zu schweigen andere als ihre Pflicht erachten, nicht etwa, weil sie sich fürchten, etwas gegen die Obrigkeit zu sagen (das kann man ja auch nicht im Gedanken!), sondern weil nach ihrer Meinung der Gegenstand ein solcher ist, von dem es einmal angenommen ist, dass man ihn nicht laut bespricht. Ist es das? Mich aber hat sie sogar immer verletzt, diese Furcht vor dem Worte, die eher imstande ist, die Obrigkeit zu beleidigen, als ihr angenehm zu sein. Das heisst ja annehmen, dass die Gesetze der Persönlichkeit nicht genügenden Schutz gewähren, und dass man um eines leeren Wortes, um einer unvorsichtigen Phrase willen verloren sein konnte.
Aber warum haben wir denn selbst alles so gestimmt, dass man ein lautes, offenes Wort, das halbwegs einer Meinung ähnlich sieht und geradaus, ohne Hinterhalt, ausgesprochen wurde, als eine Excentricität betrachtet! Meine Meinung ist, dass es für uns selbst bedeutend besser wäre, wenn wir alle der Obrigkeit gegenüber aufrichtiger wären. Es hat mir immer Kummer gemacht, dass wir alle gleichsam instinktiv uns vor irgend etwas fürchten, dass, wenn wir zum Beispiel als Menge auf öffentlichen Plätzen zusammenkommen, einer den anderen misstrauisch, finster anschaut, ihn von der Seite misst und wir immer irgend jemanden verdächtigen. Fängt zum Beispiel irgend wer von Politik zu reden an, so wird er unfehlbar flüsternd und mit geheimnisvoller Miene sprechen, läge auch die Republik seinen Gedanken so fern wie Frankreich. Man wird sagen: „Es ist auch besser, dass man bei uns nicht auf dem Markte schreit.“ Ohne Zweifel wird niemand ein Wort dagegen einzuwenden haben, allein ein übertriebenes Schweigen und eine übermässige Angst werfen auf unser Alltagsleben ein düsteres Kolorit, welches alles in einem freudlosen, unfreundlichen Lichte erscheinen lässt, und was das Beleidigendste ist, dieses Kolorit ist ein falsches, diese ganze Angst ist gegenstandslos, unnütz (ich glaube daran), alle diese Befürchtungen sind weiter nichts als unsere eigene Erdichtung, und wir beunruhigen nur selbst unnützerweise die Obrigkeit durch unsere Geheimthuerei und unser Misstrauen. Denn aus diesem gespannten Zustande entsteht oft viel Lärm um nichts. Da erhält das gewöhnlichste laut ausgesprochene Wort bedeutend mehr Gewicht, und das Faktum selbst nimmt durch die Excentricität, in der es da erscheint, manchmal kolossale Dimensionen an und wird unrichtigerweise anderen (ungewöhnlichen und nicht wirklichen) Ursachen zugeschrieben. Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass eine bewusste Überzeugung besser, fester sei als eine unbewusste, die nicht widerstandsfähig, schwankend ist und von jedem Winde umgeworfen wird, der sich erhebt. Das Bewusstsein aber reift nicht, lebt sich nicht aus, wenn du schweigst. Wir gehen der Gemeinschaft aus dem Wege, wir zerbröckeln uns in kleine Zirkel oder vertrocknen in Vereinsamung. Wer trägt aber an diesem Zustande die Schuld? Wir, wir selbst und kein anderer — ich habe immer so gedacht.
Obwohl ich nun unsere gesellschaftlichen Gespräche als Beispiel angeführt habe, so bin ich doch selbst weit entfernt davon, ein Schreier zu sein; dies wird jeder von mir sagen, der mich kennt. Ich liebe es nicht, viel und laut zu sprechen, sei es auch mit Freunden, deren ich sehr wenige habe; umsoweniger rede ich in der Gesellschaft, wo ich auch den Ruf eines einsilbigen, schweigsamen, ungeselligen Menschen habe. Ich habe sehr wenig Bekanntschaften; die Hälfte meiner Zeit nimmt die Arbeit ein, welche mich ernährt, die zweite Hälfte raubt mir die Krankheit, die in hypochondrischen Anfällen besteht, an welchen ich schon nahezu drei Jahre leide. Es bleibt kaum ein wenig Zeit, um zu lesen und zu erfahren, was in der Welt vorgeht. Für Freunde und Bekannte bleibt daher äusserst wenig Zeit übrig. Wenn ich daher jetzt gegen das System des allgemeinen, gleichsam systematischen Schweigens und Heimlichthuns schreibe, so geschieht es darum, weil ich den Wunsch hatte, meine Überzeugung auszusprechen, aber durchaus nicht, um mich zu verteidigen. Allein wessen klagt man mich denn an? Man klagt mich an, dass ich über Politik, über den Westen, über die Zensur usw. gesprochen habe. Aber wer spricht denn nicht in unserer Zeit über diese Fragen, wer denkt nicht an sie? Wozu habe ich denn gelernt, warum ist durch das Studium Wissbegierde in mir erweckt worden, wenn ich nicht das Recht haben soll, meine persönliche Ansicht auszusprechen, oder mich im Widerspruch zu einer anderen Ansicht zu befinden, welche von vornherein eine Autorität ist? Im Westen gehen schreckliche Dinge vor, spielt sich ein ungeheures Drama ab; es kracht und zerbröckelt sich die Jahrhunderte alte Ordnung der Dinge. Die allerwichtigsten Grundlagen der Gesellschaft drohen jeden Augenblick zusammenzubrechen und die ganze Nation bei ihrem Einsturz mit sich zu reissen. 36 Millionen Menschen stellen jeden Tag buchstäblich ihre ganze Zukunft, ihren Besitz, ihre und ihrer Kinder Existenz auf das Spiel! Und ist dieses Bild nicht ein solches, um Aufmerksamkeit, Interesse, Wissbegierde zu erwecken, die Seele zu erschüttern? Dies ist dasselbe Land, welches uns Wissenschaft, Bildung, europäische Zivilisation gegeben hat. Ein solcher Anblick ist eine Lehre! Das ist schliesslich Geschichte; die Geschichte aber ist die Lehre von der Zukunft. Kann man uns nach alledem beschuldigen, uns, denen man einen gewissen Grad von Bildung gegeben, in denen man den Durst nach Kenntnissen und Kultur geweckt hat — kann man uns denn dafür anklagen, dass wir so viel Interesse daran hatten, hie und da über den Westen, über die politischen Ereignisse zu sprechen, die Bücher vom Tage zu lesen, der Bewegung des Westens zuzusehen, ja sie nach Möglichkeit zu studieren? Kann man mich denn deswegen anklagen, dass ich mit einem gewissen Ernst diese Krisis betrachte, welche das unglückliche Frankreich in Trauer stürzt und zerreisst, dass ich vielleicht diese historische Krisis für unumgänglich halte, als einen Übergangszustand (wer kann es jetzt beurteilen?) im Leben dieses Volkes betrachte, welcher endlich eine bessere Zeit einleitet? Weiter als diese Meinung, weiter als solche Ideen hat sich meine Freidenkerei über den Westen und die Revolution niemals erstreckt.
Wenn ich nun über den französischen Umsturz gesprochen habe, wenn ich mir erlaubt habe, über die gegenwärtigen Ereignisse zu urteilen, folgt daraus, dass ich ein Freidenker bin, dass ich republikanische Ideen hege, dass ich ein Gegner der Alleinherrschaft bin, dass ich diese untergrabe? — Unmöglich! Für mich hat es niemals einen grösseren Unsinn gegeben, als die Idee einer republikanischen Staatsform in Russland. Allen, welche mich kennen, ist meine Meinung darüber bekannt; ja, endlich wird auch eine solche Anschuldigung allen meinen Überzeugungen, meiner ganzen Bildung entgegen sein. Es kann sein, dass ich mir noch die Revolution des Westens und die historische Unumgänglichkeit der Krisis, welche sich dort vollzogen hat, zurechtlege: Dort hat sich einige Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend lang, ein hartnäckiger Kampf der Gesellschaft gegen eine Autorität hingezogen, welche sich durch Eroberung, Gewaltsamkeit und Unterdrückung auf einer Fremdkultur gründete. Und bei uns? Unser Land hat sich nicht wie der Westen gebildet, davon haben wir historische Beispiele vor Augen: 1. das Sinken Russlands vor der Tatarenherrschaft infolge der Schwächung und Zerbröckelung der Autorität; 2. die Missstände der Nowgorodschen Republik, einer Republik, welche sich durch mehrere Jahrhunderte auf slavischer Grundlage zu erhalten versuchte, und endlich 3. die zweimalige Rettung Russlands durch die Macht der Autorität, durch die Macht der Alleinherrschaft: das erste Mal durch die Vertreibung der Tataren, das zweite Mal in der Reform Peters des Grossen, da nur der warme kindliche Glaube an seinen grossen Lenker Russland in den Stand setzte, einen so starken Umschwung zu einem neuen Leben zu ertragen. Ja, und wer denkt denn bei uns an Republik? Wenn auch Reformen bevorstehen, so wird es sogar für jene, welche sie wünschen, klar sein wie der Tag, dass diese Reformen gerade von einer für diese Zeit noch kräftigeren Autorität ausgehen müssen, wenn sie nicht in revolutionärer Weise vor sich gehen sollen. Ich denke nicht, dass in Russland ein Liebhaber des russischen Aufstandes gefunden werden könnte. Es sind wohl Beispiele davon bekannt und bis heute erinnerlich, obwohl es schon lange her ist, dass sie sich zutrugen. Zum Schlusse habe ich mich jetzt an meine eigenen oft wiederholten Worte erinnert, dass alles Gute, das es nur jemals in Russland gegeben hat, von Peter dem Grossen angefangen, immer von oben herab, vom Throne ausgegangen ist, von unten aber noch nichts aufgetaucht ist als Eigensinn und Rohheit. Diese meine Meinung wissen viele, die mich kennen.
Ich habe über die Zensur gesprochen, über ihre masslose Strenge in unserer Zeit; ich habe darüber geklagt, denn ich habe gefühlt, dass da ein Missverständnis sich gebildet hat, aus welchem ein für die Litteratur schwerer und gespannter Zustand hervorgegangen ist. Es war mir ein Kummer, dass der Beruf eines Schriftstellers in unseren Tagen durch eine Art dumpfen Misstrauens vernichtet wird; dass die Zensur den Schriftsteller, noch ehe er etwas geschrieben hat, als eine Art natürlichen Feind der Obrigkeit ansieht und sich daran macht, seine Manuskripte mit einer offenbaren Voreingenommenheit zu zergliedern. Es macht mich traurig, zu hören, dass man manches Werk verbietet, nicht weil man darin irgend etwas Liberales, Freidenkerisches, der Obrigkeit Widerstreitendes fände, sondern zum Beispiel darum, weil die Erzählung oder der Roman allzu traurig endet, weil ein allzu düsteres Bild darin aufgerollt worden, obwohl dieses Bild niemanden in der Gesellschaft anklagt oder verdächtigt, und obwohl die Tragödie selbst auf eine durchaus zufällige und äusserliche Weise vor sich gegangen. Man möge doch alles durchsehen, was ich geschrieben, sei es gedruckt oder ungedruckt, man möge die Handschriften meiner schon gedruckten Werke durchlesen, da wird man sehen, wie sie vor der Übergabe an die Zensur beschaffen waren; man suche nur darin irgend ein Wort, das gegen die Sittlichkeit und die festgestellte Ordnung der Dinge gerichtet wäre. Und dennoch wurde ich einem solchen Zensurverbot unterworfen, einzig nur darum, weil das Bild, das ich entwarf, mit allzu düsteren Farben gemalt war. Wenn sie aber wüssten, in welche traurige Lage der Autor dieses verbotenen Werkes dadurch versetzt war! Er stand vor der Unvermeidlichkeit, volle drei Monate ohne Brot dazusitzen, schlimmer als das, denn die Arbeit gab mir die Mittel zu meiner Erhaltung.
Ja, überdies musste ich bei allen Entbehrungen, bei allem Harm, ja fast in Verzweiflung (denn von der Geldfrage ganz abgesehen, ist es bis zur Verzweiflung unerträglich, das Werk, das man geliebt hat, daran man Arbeit, Gesundheit, die besten Kräfte der Seele gewendet, aus Missverständnis, aus Misstrauen verboten zu sehen), ich musste also überdies bei Entbehrung, Traurigkeit, Verzweiflung so viele leichte, heitere Stunden finden, um in dieser Zeit eine litterarische Arbeit mit heiteren, rosenfarbigen, angenehmen Farben hinzumalen. Und schreiben musste ich unbedingt, weil ich leben musste. Wenn ich geredet habe, wenn ich mich ein wenig beschwert habe (und ich habe mich so wenig beklagt!) — war ich darum ein Freidenker? Und über was habe ich mich beschwert? Über ein Missverständnis! Gerade dagegen habe ich mich mit allen Kräften gewehrt, indem ich nachwies, dass jeder Schriftsteller schon von vornherein verdächtigt wird, dass man ihn ohne Verständnis, mit Misstrauen ansieht, und habe gegen die Schriftsteller selbst den Vorwurf erhoben, dass sie selbst nicht nach den Mitteln suchen, dieses verderbliche Missverständnis zu zerstören. Verderblich darum, weil es für die Litteratur schwer ist, in einer so gespannten Lage zu bestehen. Ganze Kunstarten müssen auf diese Weise verschwinden. Die Satire, die Tragödie können nicht mehr dabei aufkommen. Es können bei der Strenge unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ja sogar keine Puschkins bestehen. Die Satire verspottet das Laster und meistens das Laster, das unter der Tugendmaske einhergeht. Wie kann man sich jetzt auch nur die geringste Freiheit herausnehmen! Der Zensor sieht in allem eine Anspielung, mutmaasst, dass etwas Galliges dahinter sei, dass das vielleicht vom Autor auf irgend eine Persönlichkeit, auf irgend eine Ordnung der Dinge gemünzt sei. Mir selbst ist es oft geschehen, dass ich, alles Harms vergessend, über das herzlich gelacht habe, was der Zensor in meinen oder anderer Autoren Schriften als für die Gesellschaft schädlich und für den Druck unzulässig erachtete. Ich lachte darum, weil in unserer Zeit ähnliche Verdachtsgründe gar niemandem als dem Zensor in den Kopf kommen konnten. Im unschuldigsten und reinsten Satze wittert man den verbrecherischesten Gedanken, dem der Zensor sichtlich mit der Anstrengung aller seiner geistigen Kräfte wie einer ewigen unwandelbaren Idee nachjagt, die sein Kopf nicht lassen kann, die er selbst erschaffen hat, die er, zwischen Furcht und Misstrauen schwankend, selbst in seiner Phantasie in Fleisch und Blut hat treten lassen, selbst mit furchtbaren, nie dagewesenen Farben ausgemalt hat, bis er zuletzt sein Phantom mitsamt der unschuldigen Ursache seines Schreckens, dem ersten harmlosen Satz des Autors, vernichtet. Es ist, als ob man, indem man das Laster und die traurige Seite des Lebens verdeckt, damit vor dem Leser auch das wirkliche Laster und die traurigen Seiten des Lebens verdeckte. Nein! Der Schriftsteller wird, wenn er auch diese traurige Seite des Lebens vor dem Leser systematisch verhüllt, diesem nichts verdecken, sondern vielmehr in ihm den Verdacht erwecken, dass er nicht aufrichtig, nicht gerecht sei. Ja, kann man denn mit hellen Farben allein malen? Wie kann denn die helle Seite des Bildes sichtbar werden ohne dunklen Hintergrund? Kann es ein Bild geben, das nicht zugleich Licht und Schatten hätte? Wir haben vom Lichte nur darum einen Begriff, weil auch Schatten vorhanden ist. Man sagt: man beschreibe nur Vorzüge und Tugenden. Aber wir erkennen ja die Tugend gar nicht ohne das Laster; die Begriffe selbst vom Guten und Bösen sind daraus entstanden, dass das Gute und das Böse immer nebeneinander dagewesen sind. Wollte ich aber nur daran denken, Rohheit, Laster, Missbrauch, Hochmut auf die Scene zu bringen, sofort wird der Zensor gegen mich Verdacht schöpfen, wird denken, dass ich dies alles überhaupt auf alles ohne Ausnahme anwende. Ich bin nicht auf die Schilderung des Lasters und der düsteren Seiten des Lebens erpicht! Diese sowie jenes sind mir nicht angenehm. Aber ich spreche einzig und allein im Interesse der Kunst; da ich sah und mich davon überzeugte, dass zwischen der Litteratur und der Zensur ein Missverständnis bestehe (nur Missverständnis, weiter nichts), habe ich darüber geklagt, habe inständig gebeten, dass dieses Missverständnis so schnell als möglich gehoben werde, weil ich die Litteratur liebe und nicht umhin kann, mich für sie zu interessieren, weil ich weiss, dass die Litteratur ein Ausdruck des Volkslebens, ein Spiegel der menschlichen Gesellschaft ist. Mit der Kultur und Zivilisation treten neue Begriffe auf, welche eine Bestimmung, eine russische Benennung brauchen, um dem Volke vermittelt zu werden; denn nicht das Volk ist es, das ihnen in diesem Falle einen Namen zu geben vermöchte, da die Zivilisation nicht von ihm ausgeht, sondern von oben. Nur jene Gesellschaft vermag den neuen Begriffen einen Namen zu geben, welche die Zivilisation vor dem Volke angenommen hat, das heisst jene Schichte der Gesellschaft, jene Klasse, welche schon durch diese Ideen kultiviert worden ist. Wer ist es denn, der die neuen Ideen in eine solche Form giesst, dass das Volk sie verstehe? Wer anders als die Litteratur! Ohne sie wird die Reform Peters des Grossen nicht so leicht vom Volke aufgenommen werden, welches auch nicht begriffe, was man von ihm will. Wie war die russische Sprache zur Zeit Peters des Grossen beschaffen? Halb russisch und halb deutsch, da deutsches Leben, deutsche Begriffe, deutsche Sitten die Hälfte des russischen Lebens ausmachten. Allein das russische Volk spricht nicht deutsch, und das Erscheinen Lomonossows sofort nach Peter dem Grossen ist kein Zufall. Ohne Litteratur kann die Gesellschaft nicht bestehen, und ich sah, dass sie im Erlöschen war, und ich wiederhole es zum zehntenmale: das Missverständnis, das zwischen der Litteratur und den Zensoren entstanden war, regte mich auf, quälte mich. Da redete ich — allein ich redete nie von Übereinstimmung, von Vereinigung, von der Vernichtung des Missverständnisses. Ich hetzte niemanden um mich herum auf, da ich ein Glaubender war. Ja, und ich sprach davon nur mit meinen nächsten Freunden, mit meinen litterarischen Berufsgenossen. Ist das eine schädliche Freidenkerei?