Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufügen, den Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkündigung an den Bruder schreibt. Es giebt nichts Charakteristischeres als diese knappe Darlegung des erschütterndsten Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet:
„Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den Semenowsky-Platz hinausgeführt, dort hat man uns allen das Todesurteil vorgelesen und das Kreuz zu umfassen gestattet, hat über unseren Häuptern die Degen zerbrochen und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet. Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung des Todesurteils an den Pfahl gestellt. Ich stand als sechster in der Reihe; man rief je drei und drei heraus, folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran kommen, und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben. Ich dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten Augenblicke warst du, du allein in meinem Geiste gegenwärtig; da erst erkannte ich, — wie sehr ich dich liebe, teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew, Durow, die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden. Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl Gebundenen führte man zurück und las uns vor, dass Seine kaiserliche Majestät uns das Leben schenkt. Dann folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm ist begnadigt und behält seinen Rang in der Armee.“
In wie künstlerischer Weise der Dichter diese Scene nach Jahren verwertet hat, können wir in der Erzählung des Idioten, im Roman dieses Namens ersehen.
Die Abänderung des Todesurteils in grössere und geringere Kerkerstrafen war schon früher eigenhändig vom Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an den Rand des Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns diese Komödie erscheinen. Die für Dostojewsky vorgeschlagene Strafumwendung in achtjährige Zwangsarbeit wurde in eine vierjährige Frist mit nachträglicher Einreihung in den Liniendienst umgewandelt.
Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen.
No. 522.
24. Dezember 1849.
An den Herrn General-Adjutanten
Graf Orloff.
Rapport.
Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher wurden: laut der von Seiner Majestät beschlossenen Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer Namen auf der Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten geschmiedet nach Tobolsk[5] in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Leiter, und Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen.