„Mit diesem Briefe“ — sagt Strachow — „kann man einen besonderen Abschnitt in Dostojewskys persönlichem Leben abschliessen, die Periode von seiner Zurückkunft aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der Vereinsamung, da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt zurückblieb. Das Lebensgefühl, von dem er spricht, hat ihn nicht betrogen. Von hier an beginnt die bessere Hälfte seines Lebens: ihn erwarteten sehr grosse Mühen und Beschwerden, allein zugleich auch neue, höhere Schöpfungen seines Talents, ein neues, schönes Familienleben, unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berühmtheit und endlich, in den letzten Jahren, die Tilgung aller Schulden, genügendes Auskommen und Ordnung in seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und angestrengten Zeit entstand im Jahre 1866 „Schuld und Sühne“ (Raskolnikow), 1868 „Der Idiot“, 1870 „Die Besessenen“. Strachow schreibt diese Fruchtbarkeit dem Umstande zu, dass die „Epocha“ eingegangen war und seine Kräfte nicht aufbrauchte. „Theodor Michailowitschs übriges Leben“, fährt Strachow fort, „kann man von hier an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871, während welcher alle diese Romane geschaffen wurden, war sehr beschwerlich, fruchtbar und zum grössten Teil im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche mit der Rückkehr nach Russland begann (1872-1881), repräsentiert die neuen publizistischen Versuche, in der Form einer Redaktion des „Grashdanin“ und des „Tagebuchs“ — allein das ist eine weniger beschwerliche, verhältnismässig ruhige, und nach aussen durch die Ordnung der Verhältnisse — und den öffentlichen Erfolg sich immer glücklicher gestaltende Periode.“

VII.
Zweite Vermählung; Schuld und Sühne; Abreise.
(1865-1867.)

Der Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise im Auslande. Seine wieder aufgenommene Korrespondenz mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden datiert, wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er schon wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze Jahr 1866, das, wie Strachow sagt, das folgenreichste Jahr seines Lebens war. Im Januar dieses Jahres begann im Russkij Wjestnik die Publikation seines bis dahin bedeutendsten Werkes: „Schuld und Sühne“ — und am 4. Oktober desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna Snitkina, seine künftige zweite Gattin, kennen.

„Schuld und Sühne“ — oder, wie es in manchen Übersetzungen heisst, „Raskolnikow“ — ist jenes von Dostojewskys Werken, welches in allen europäischen Ländern die grösste Verbreitung gefunden hat und hier die erste Grundlage seines Ruhmes geworden ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer richtigen Schätzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen, welcher die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst war es das Packende, Sensationelle des Romans, das zündete, sodass sich das Interesse daran wie ein Lauffeuer über einen ungeheuren Kreis verbreitete. Als das Buch endlich in die Hände der ästhetischen Kritiker gelangte, da fanden erst seine künstlerischen Eigenschaften ihre Würdigung. Hatte also früher das gröbere litterarische Bedürfnis durch den Stoff Nahrung erhalten, so war es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte, wodurch sie das Werk auf ein höheres Niveau erhob. Bald trat die Philosophie hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische Detail, um aus den inneren Zusammenhängen der geschilderten verbrecherischen Handlung mit ihren Folgen das ethische Prinzip des Dichters herauszulösen. Auch diese kam auf ihre Rechnung, wenn auch nur bedingt; denn Dostojewskys ethische Gestaltungen verdanken nicht Prinzipien ihre Entstehung, sondern sind Probleme, wie das Leben selbst sie bietet. So ist der endgiltige Eindruck dieses Romans in Europa der eines sensationellen Verbrechens, das mit dem Aufwand einer grossen schöpferischen Kraft durch die Beobachtung der feinsten psychologischen Details zu einem Kunstwerk ersten Ranges ausgestaltet wurde. Nicht so in Russland. Hier war man einerseits mit Dostojewskys Schöpfungen sowohl als mit seinem Stil schon vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner Art zu erzählen, die wohl vorbereiteten Überraschungen, sowie der feste Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf gleichem Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen, die gleichen äusseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen eine neutrale Atmosphäre für das neue Wort, das es mit jedem neuen Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete. Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert auf das Künstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit, nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklärt und sie weiterführt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck dieses Werkes für die Russen aus diesen Forderungen heraus zu formulieren, und in der That: liest man die Fülle von russischen Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht man die Fülle von Anregungen, welche es gerade dem russischen Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei seinen allgemein-menschlichen Vorzügen, bei seiner hohen künstlerischen Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir da vor uns haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren in seinen Axiomen, so ungelöst in seinen Fragen und so hoffnungsvoll-gläubig in die Zukunft, wie Russland selbst.

Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur über Russen und für Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe aus Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich jene Stellen immer wieder, wo es heisst: „Ich muss erst in Russland sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen.“ So bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an den Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman, den er schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurückkunft nach Russland schreiben werde, offenbar auf „Schuld und Sühne“, „— da dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn man nach der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.“ Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in seinem Kopfe ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl anzunehmen, dass der erste grössere Roman, den er in Russland schrieb, jener lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er „Russland brauchte“: „Schuld und Sühne“.

Die Fabel des Buches ist höchst einfach. Bin junger, aussergewöhnlich begabter Student lebt in grosser Armut in einer elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht, versteckt sich in seinem Winkel und träumt dahin. Seine hohe Begabung und seine Kenntnisse befähigen ihn zu dem höchsten Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten, die ihr Leben mit ihrer Hände Arbeit verdienen und es ohne Demütigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere Empfindung, und es bedrückt ihn sehr, dass seine Mutter und Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das Nötigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre stolze Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthätigkeit und ein schwächliches Träumen steigern die Schlaffheit seines Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglückungs-Ideen peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas Grosses thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten, wenigstens ein Stück Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen — ein altes Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen, damit sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt er sich. Napoleon I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet und sind bewundert worden, sind Grosse dieser Erde gewesen. Auch ich bin ein Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie, ich folge einer Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt immer mehr Macht über den unbeschäftigten, widerstandslosen Jüngling mit der Lucifer-Seele; er vollbringt die That, welche gegen alle Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf ihn fällt, empfindet aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung darauf, vergräbt die aufgefundenen Wertgegenstände unter einen Stein im Hofraum eines entlegenen Hauses, verfällt aber bald danach in ein hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht erwacht, sich verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen gegen seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein, die ihm endlich die Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar seinem Schicksal, der Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien, zuführen. Im Epilog ist der Hinweis auf eine wahrhafte innere Sühne ausgesprochen. Sie wird, eine neue Illustration zu Goethes Schluss-Worten im Faust, durch die Liebe zu Sonja, der Gefallenen und doch unendlich Reinen, eingeleitet.

Wir haben also das Problem einer Selbstvergöttlichung vor uns, die sich das Recht zuspricht, über Menschenleben zu richten und Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen Erstaunen keine Erhöhung des Gottheitsgefühls erfährt und eine Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das Mädchen kennen lernt, das seine Jungfräulichkeit für den Trunkenbold von einem Vater, die schwindsüchtige Stiefmutter und die hungrigen kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine gewisse Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefühl tiefen Mitleids für seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt, da ist er von einem rätselhaften Bedürfnis getrieben, sich ihr anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht Liebe zu dem Mädchen — er will nur reden, einen Teil seiner Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehört künstlerisch und menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben worden. Sie ist bekannt und wir können nicht bei den psychologischen Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe der Erzählung immer klarer wird, was für Motive ihn getrieben haben, wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst äusserliche Beweggründe zur That angiebt dann durch die Einfalt in Sonjas Fragen immer tiefer in sich hineingeführt wird, aus dem Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben, den Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu töten, da er stärker ist als die andern — wie das alles eingeleitet, gesteigert und durchgebildet ist, darüber hat die ästhetische Kritik Europas längst ihr Wort gesprochen. Für den russischen Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmählichen Selbstbeleuchtung herauskommt: der Mord aus Prinzip, die aufleuchtende Erkenntnis, dass der Mörder einen Augenblick über sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass; die Scham, auch „eine Laus zu sein wie alle andern“, und endlich die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas, welche dem Sünder das Christentum aufschliesst. Wir müssen hier, obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken über die echt russische Auffassung des Dichters über menschliche Schuld und Sühne durch seine eigenen Worte zu bekräftigen.

„Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzähle abermals nicht recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum bin ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher weiss, dass sie dumm sind — dass ich selbst nicht gescheiter sein will? Dann habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten wollte, bis alle gescheit werden, dies allzu lang dauern würde. — Dann habe ich weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen wird, dass die Menschen sich nicht ändern werden und niemand da ist sie umzuarbeiten, und dass es nicht der Mühe wert wäre! Ja, so ist es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So ist es! ... Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist und stark im Geiste, der über sie mächtig ist! Wer viel wagt, der hat bei ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der ist ihr Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat am meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird es immer sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!“

„Ich bin damals darauf gekommen“ — fuhr er in feierlichem Tone fort — „dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines, nur Eines: es heisst nur wagen!“

„Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten Mal in meinem Leben — ein Gedanke, den noch niemand jemals vor mir ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir plötzlich so klar wie die Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso denn bis heute niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an all dieser Abgeschmacktheit vorübergeht, alles kurzweg beim Schwanz zu fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ... ich habe mich dreist machen wollen und habe gemordet ... nur erdreisten wollte ich mich, Sonja — da hast Du die ganze Ursache!“