„Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer stand, in sich und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge ahnte. Er begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines künftigen Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt, eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Später erst erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher gegen ihn, „Du bist ein Gottloser,“ sagen sie — „Du glaubst nicht an Gott, Dich soll man erschlagen.“ Sonja jedoch, welche ihm in die Verbannung gefolgt war und im Städtchen, wo die Festung lag, sich ihr kärgliches Leben eingerichtet hatte, nur um ihn, wenn er mit den anderen Sträflingen zur Arbeit ging, fünf Minuten sehen und sprechen zu können, Sonja wurde von allen geliebt. „Mütterchen, Sofia Semjonowna,“ sagten sie, „Du unsere Mutter, Du blasse, kranke usw.“ „Warum?“ fragt er sich, „warum lieben sie sie?“ Endlich erkrankt er und wird in das Sträflings-Spital gebracht. Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als er einmal, Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre schmächtige Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen. Sie hatte, wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt. Nun erkrankt Sonja, er sieht sie längere Zeit nicht, und jetzt erst geht ihm an seinem Sehnen und Bedürfen nach ihrer weichen und starken Seele die Liebe und mit ihr die Erlösung auf. An einem schönen frühen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen an der Arbeit ist, entfernt er sich für einen Augenblick aus dem Heizraum und setzt sich am Flussufer auf einem Balken nieder, da erscheint plötzlich Sonja und setzt sich still neben ihn. Anfangs bleiben sie schweigend neben einander, er senkt den Kopf und blickt starr auf die Erde, da:
„Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber plötzlich packte ihn etwas und warf ihn zu ihren Füssen. Er weinte und umklammerte ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie furchtbar, und ihr Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf und sah ihn zitternd an. Allein sofort, im selben Augenblick hatte sie alles begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches Glück auf; sie verstand, und es gab für sie keinen Zweifel mehr, dass er sie liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich gekommen war, diese Minute.“ ...
„Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht. Thränen standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und armselig, allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt zu einem neuen Leben. — —
Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefürchtet, dass sie ihn mit Religion quälen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bücher aufnötigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach sie nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht. Bis heute hatte er es nicht aufgeschlagen.
Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte ihn: „Kann es denn sein, dass ihre Überzeugungen von jetzt an nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefühle, ihre Bestrebungen wenigstens.“
„Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung, in der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so überaus glücklich und so unerwartet glücklich, dass sie fast vor ihrem Glücke erschrak. Sieben Jahre, nur mehr sieben Jahre! Zu Anfang ihres Glückes in manchen Augenblicken waren beide imstande, auf diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen. Er wusste es ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst zufallen werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es mit einer grossen künftigen That bezahlen müssen.“
Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine spezifisch russische Seite, die russischen Absichten des Dichters und das hervorzukehren, was die grösste Wirkung auf seine russischen Leser machen musste. Schon im „Totenhause“ hatte er es ausgesprochen, dass „in jedem russischen Menschen unserer Tage der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei.“ Das war wohl die Idee, zu deren künstlerischer Gestaltung er russischen Boden, russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden wollte, dass für eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen eines Volkes anpassen eine Beschränkung dichterischer Kraft sei, so muss darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade der Russe immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht ausser die anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich zusammenfassend und im Christentum einigend dachte.
Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgeführte Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist nach dem Gesagten selbstverständlich. Einheitlicher mit unserem Zweck, das Werk von der russischen „breiten“ Ethik aus zu beleuchten, ist es, einige Worte über eine weichere, weniger scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der harmlose „ehemalige Student“ und Freund Raskolnikows. Ihm legt der Dichter ohne viele künstlerische Umschweife zwei bedeutsame Aussprüche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in etwas angeheitertem Zustande: „Ich liebe es, wenn man lügt; das Lügen ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen Organismen voraus hat. Lügst du — so wirst du schon zur Wahrheit kommen! Darum bin ich eben ein Mensch, weil ich lüge. Nicht zu einer Wahrheit ist man gekommen, wenn man nicht früher 14mal, ja vielleicht 114mal gelogen hat. Und das ist in seiner Weise ehrenhaft. Wir aber können nicht einmal ordentlich nach unserem Verstande lügen! Du lüge mich an, aber lüge nach deinem eigenen Wesen, und ich werde dich küssen. In seiner Weise lügen, das ist ja besser, als eine fremde Wahrheit nachreden; im ersten Falle bist du ein Mensch, im zweiten aber bist du nur ein Vogel! Die Wahrheit wird nicht verschwinden, das Leben aber kann man zerstören — es hat Beispiele gegeben.
Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme), in unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem Denken, unseren Entdeckungen, Idealen, Wünschen, unserem Liberalismus, unserer Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem noch in der ersten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat uns gefallen, uns mit fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben — hineingefressen haben wir uns!“ —
„... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlügen.“ — Die zweite Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorübergehen kann, ist die, wo Rasumichin mit grosser Wärme für die Unschuld des Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt, weil er ein Etui mit Ohrgehängen aus dem Raube der Alten für einen Rubel versetzt hatte. Dieser Bursche war auf derselben Stiege in einer leeren Wohnung mit dem Streichen der Wände beschäftigt gewesen, als der Mord im oberen Stockwerk geschah. Er war mit einem anderen jungen Burschen nach gethaner Arbeit schäkernd und Ulk treibend die Treppe hinabgelaufen, sie hatten sich im Hausflur, wie 8 Personen sehen konnten, gebalgt und er war noch einmal in den Arbeitsraum hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thüre gestellt. Dort hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht, um in Untersuchung gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen ihn, da er den Fund verheimlicht hat, und als er hört, dass er zur Verantwortung gezogen werde, sich zu erhängen versucht. Als man ihn fragt, warum er sich habe töten wollen, antwortet er: „weil man mich verurteilen wird“. Es ist etwas Ergreifendes in dieser russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den später eine Art mystischer Täuschung dazu treibt, sich für den Thäter zu erklären, zum Glück in einem Augenblick, da Raskolnikows Thäterschaft schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber greift mit aller Hitze seines gütigen Wesens die Frage auf, um „unsere Jurisprudenz“ anzuklagen, welche „niemals, niemals die subjektive Thatsache der Stimmung, der psychologischen Unmöglichkeit, einen Mord zu begehen und im nächsten Augenblick sich mit einem Kameraden zu balgen,“ in Betracht ziehen wird, „weil man die Ohrgehänge bei ihm gefunden und er sich hatte erhängen wollen“, „was nicht möglich wäre, wenn er sich nicht schuldig gefühlt hätte.“ Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo das echt russische Verhältnis zur Schuld vom Dichter mit einer Selbstverständlichkeit benützt wird, wie sie an das Unbewusste grenzt, uns aber höchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen muss. Es wäre wohl keinem europäischen Dichter in den Sinn gekommen, eine solche unbegründete Selbstanklage als glaubwürdiges retardierendes Motiv in einem Romane anzubringen.