Und weiter: „Übrigens werde ich im Sommer ernstlich darüber nachdenken, wenn sich irgend eine Möglichkeit bietet. Jetzt arbeite ich für den „Russkij Wjestnik“. Ich bin dort in der Schuld, und indem ich den „Hahnrei“ in die „Zarjá“ gegeben, habe ich mich bei jenen in eine zweideutige Lage versetzt. Koste es, was es wolle, so muss ich für jene das vollenden, was ich jetzt schreibe. Ja, es ist ihnen auch fest von mir zugesagt worden; in der Litteratur aber bin ich ein ehrlicher Mensch. Das, was ich schreibe, ist eine tendenziöse Sache — ich habe das Bedürfnis, mich ein wenig hitziger auszusprechen. Da werden die Nihilisten und Westler über mich zu schreien anfangen, dass ich ein Reaktionär bin! Der Teufel sei mit ihnen — ich aber will mich bis aufs letzte Wort aussprechen. Und wissen Sie, in welchen Zweifeln ich stecke? Ich kann absolut nicht entscheiden, wird es Erfolg haben oder nicht? Bald scheint es mir, dass es ausserordentlich gut ausfällt und ich aus einer zweiten Auflage Geld ergattere, bald scheint es mir wieder, dass es ganz misslingt.“ [Es ist immer von den „Besessenen“ die Rede.] „Aber lieber ist es mir, ich falle ganz durch, als ich habe einen mittelmässigen Erfolg. Sie haben mir eins mit einem Knüttel aufs Haupt versetzt mit Ihrer Bemerkung über die „Anstrengungen der Vorstellungskraft“, die Sie im „Hahnrei“ gefunden haben. Was hat mir das für Sorge gemacht; indessen, wie Gott will. Ohne Hoffnung auf Erfolg ist es unmöglich mit Feuer zu arbeiten. Ich aber arbeite mit Feuer — folglich hoffe ich.“

Nach einer Stelle rein privater Natur folgt die Auseinandersetzung der geschäftlichen Lage des Dichters, welche mit den Worten beginnt: „Indessen aber bin ich jetzt in einer fürchterlichen Lage (Mister Micowber). Kein Heller Geld“ usw. Dann fährt er fort: „Das, was ich jetzt für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, vollende ich sicherlich in drei Monaten. Dann, nach einem Monat Pause, würde ich mich zur Arbeit für die „Zarjá“ setzen. Ich habe jetzt 1½ Jahre in continuo nichts gearbeitet (den „Hahnrei“ zähle ich nicht), und das Schreiben ermüdet mich jetzt. Über dem, was ich für den „Russkij Wjestnik“ schreibe, werde ich nicht abgespannt werden; dafür verspreche ich der „Zarjá“ eine gute Sache.

Es sind schon zwei Jahre, dass sie für die „Zarjá“ in meinem Kopfe reift. Es ist dieselbe Idee, über welche ich Ihnen schon geschrieben habe: dies wird mein letzter Roman sein. Der Umfang von „Krieg und Frieden“; die Idee würden Sie gut heissen — soweit ich wenigstens nach meinen ehemaligen Gesprächen mit Ihnen schliesse. Dieser Roman wird aus fünf grossen Erzählungen bestehen, jede 15 Bogen stark. Die Erzählungen werden von einander vollkommen unabhängig sein, sodass jede einzelne verkauft werden kann. Die erste Erzählung bestimme ich eben für Kaschpirew [die „Zarjá“]; hier ist die Handlung aus den vierziger Jahren. Der gemeinsame Titel ist: „Das Leben eines grossen Sünders“, aber jede Erzählung wird ihren besonderen Namen haben. Die Hauptfrage, welche durch alle Teile gehen wird, ist dieselbe, mit der ich mich, bewusst und unbewusst, mein Leben lang herumgequält habe — das Dasein Gottes. Der Held ist im Lauf seines Lebens bald Atheist, bald ein Glaubender, dann Fanatiker und Sektierer, dann wieder Atheist.

Die zweite Erzählung wird in einem Kloster spielen. Auf diesen zweiten Teil habe ich alle meine Hoffnungen gesetzt. Vielleicht sagt man dann endlich, dass ich nicht nur leeres Zeug geschrieben habe. Ihnen allein will ich beichten, Apollon Nikolajewitsch; ich will in dieser Erzählung Tichon Zadonsky[28] als Hauptfigur hinstellen, natürlich unter einem anderen Namen, aber auch als Oberpriester, der seinen Ruhestand im Kloster verlebt. Ein 13jähriger Knabe, welcher an der Vollführung eines Kriminalverbrechens teilgenommen hat, begabt und verderbt (ich kenne diesen Typus), der künftige Held dieses Romans, wird von den Eltern im Kloster untergebracht (unsere gebildeten Kreise), auch des Unterrichts wegen. Das Wölflein und Nihilisten-Kindchen kommt mit Tichon zusammen (Sie kennen ja Tichons Charakter und ganzes Wesen). Hierher auch, setze ich Tschaadajew[29] (natürlich auch unter anderem Namen). Warum soll Tschaadajew nicht ein Jahr im Kloster sitzen? Nehmen Sie an, er habe es nach dem ersten Artikel, um dessenwillen ihn die Ärzte jede Woche begutachteten, nicht ausgehalten und z. B. im Ausland in französischer Sprache eine Broschüre gedruckt — es wäre ja sehr möglich, dass man ihn dafür auf ein Jahr ins Kloster gesetzt hätte. Zu Tschaadajew können auch andere auf Besuch kommen: Belinsky z. B., Granowsky, sogar Puschkin. (Ich habe ja, wie Sie wissen, keinen Tschaadajew, nehme nur diesen Typus in den Roman.) Im Kloster befinden sich auch Paul Prussky, Golubow und der Mönch Parfeny. In dieser Welt bin ich ein Kenner, ich kenne das russische Kloster von Kindheit an. Aber die Hauptsache bleiben: Tichon und der Kleine. Teilen Sie ja niemand den Inhalt dieses zweiten Teiles mit. Ich erzähle niemals irgend jemand meine Themen voraus, mir ist, als müsste ich mich schämen; Ihnen aber beichte ich. Für andere mag das keinen Groschen wert sein, für mich ist’s ein Schatz. Über Tichon sprechen Sie nicht. Über das Kloster habe ich an Strachow geschrieben, aber über Tichon nicht. Vielleicht führe ich da eine grossartige, unbedingt heilige Figur aus. Das ist schon kein Kostanschoglo[30], kein Deutscher (habe den Namen vergessen) aus dem Oblomow, keine Lopuchows und Rachmetows[31]. Allerdings, ich werde nichts erschaffen, sondern nur den wirklichen Tichon hinstellen, den ich vor langer Zeit mit Entzücken in mein Herz genommen. Aber ich werde mir auch das, wenn es gelingt, als eine wichtige That anrechnen. Sagen Sie’s also niemand.

Für den zweiten Teil jedoch, für das Kloster, muss ich in Russland sein. Ach, wenn es gelänge! Die erste Erzählung aber — bringt die Kindheit des Helden. Natürlich nicht Kinder sind im Vordergrund; der Roman hat begonnen. Dieses nun kann ich ganz gut in der Fremde schreiben; ich schlage dies der „Zarjá“ vor. Sollten sie ablehnen? Ja, und 1000 Rubel, Gott weiss, wie wenig das ist! Wie sie wollen? wenn sie so handeln, werden sie alles und alle aus der Hand lassen. Übrigens ist’s ihre Sache. Ich habe gestern an Strachow geschrieben und so schnell als möglich um Entscheidung gebeten. Sonst muss ich ohne Verzug etwas anderes unternehmen“ usw.

Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines „letzten Romans“ [der ja wirklich sein letzter geworden ist] seinem Freund Maikow „beichtet“, in Verbindung mit seinen früheren Andeutungen über den Atheismus und dem endlich vor uns erstehenden grössten Roman Dostojewskys „Die Brüder Karamasow“, empfangen wir ein ziemlich deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, wie viele Wandlungen die Ausführung, ja sogar die Fabel im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh jedoch die Grundidee festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil wirklich offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden erst Atheist, dann frommgläubig, fanatisch und wieder Atheist werden zu lassen, hat er indessen niemals ganz ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters als auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew mitteilte, hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung des Romans als Abschluss von des Helden Lebensweg geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich der Besprechung dieses Werkes zurück. Aber auch schon in den ersten Teilen des Romans scheint der Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben. Die „Verderbtheit“ des jungen Helden hat er da in eine Zeit vor dem Roman verlegt, in das zarte Alter, da junge Wesen ohne Sünde sündigen, sodass uns allerdings in seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die Verkörperung des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese bildet Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über die Kinder und der Teufelshallucination, während Sosima die beglückende Synthese in sich darstellt. In den „Memoiren aus einem Totenhause“ hat Dostojewsky den Eindruck der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch bei der Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb unbewusst mag vorgeschwebt haben. Allerdings hat die Bedachtsamkeit des Schaffenden es nicht unterlassen, das lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen Karamasowschen Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde nicht sofort an Aljoscha erinnert?

Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: „Über den Nihilismus ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, bis diese oberste Schichte jener, die sich vom Boden Russlands abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen Sie was? Mir kommt’s oft in den Sinn, dass viele von diesen nämlichen, niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus ihnen wirkliche, feste, russische Ur-Nationale werden. [Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort: „Potschwenniki“ bedeutet genauer: „am nationalen Boden Haftende“; die Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] Nun, die übrigen — mögen sie verwesen. Es wird damit enden, dass auch sie verstummen, in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie immer!“ — —

Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: „Ich danke Ihnen für Ihren Brief, mein Bester. Sie schreiben immer so kurze Briefe, welche aber die Eigentümlichkeit haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens denke ich so: wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe bei uns in der ganzen Litteratur ja gar niemand, welcher die Kritik als eine ernste und streng unentbehrliche Sache ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken Schreibenden, welcher die Notwendigkeit einer regelrechten philosophischen Betrachtung gegenwärtiger und vergangener Dinge (und die Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich also auch die Kritik, d. h. seine eigene Arbeit würdigte. Und so haben Sie vor allem diesen strengen und philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht haben, was die „Zarjá“ zur einzigen Zeitschrift stempelt, die eine Kritik und die richtige Anschauung dafür hat. Wenn also auch nur dies für Euch spräche, so wäre das schon ungeheuer viel.

Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: dass die Einflüsse nicht schnell zu Tage treten, dass der Unsinn unserer heutigen Gesellschaft doch einen Sinn hat, d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz, und dass Sie endlich nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die unmittelbare Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, ob sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind, „die ohne Sie auch schon so gedacht haben“. Das ist nicht richtig.

Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein gewisses Mass für die Beurteilung Ihres Einflusses: die Zeitschrift „Zarjá“ ist vor allem ein Blatt für Tendenz und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis 3 Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum ausdrücken, damit aber unzweifelhaft auch den Einfluss der Kritik, weil diese der Hauptzug des Blattes ist, ihre besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese Weise spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus.