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Wenk hatte einen Monat vor diesem Besuch in einem Prozeß, in dem er als Staatsanwalt wirkte, zum ersten Male gesehen, wie die Spielwut als eine Seuche die Stadt fiebern machte. Er selber liebte den Anreiz, den das Hasardspiel der Phantasie und den Nerven und die Abwechslung, die es seinem Beruf zwischen Anwälten, Richtern, Angeklagten gab. Früher hatte er regelmäßig gespielt. Nicht aus Leidenschaft, aber mit einer eifrigen Liebe, im Spiel die Macht über eigene Beherrschung ausprobierend, Menschen beobachtend und dem reizvollen, nervenbadenden Zickzack des Glückes anheim gegeben.
In dem Spielerprozeß hatte er erlebt, welche Gefahr dem Volk durch das Spiel drohte. Das Auslaufen des Krieges in den keineswegs abspannenden Zustand, den die Bedingungen von Versailles dem deutschen Volk brachten, hatte die Phantasie nicht beruhigt, sondern hielt sie angestachelt.
Die Heeresberichte waren vielleicht die erste Schuld gewesen. Sie waren, oft wochenlang, monatelang, wie eine Lotterie fürs ganze Volk gewesen. Dann hatte bald jene verhängnisvolle Bewegung eingesetzt, mit der von den Kriegsbehörden ganze Kreise des Volles systematisch in Spielwut versetzt wurden, um sie für die Zwecke der Heeresleitung gut gestimmt zu halten: die gesteigerten Löhne der Kriegsarbeiter und das Nachwerfen von Geld an die Industrie. Der Handel hinkte nicht lange nach. Überall wurden Schleusen geöffnet, und in dem Maße, als die Waren seltener wurden, begann das Geld über alle Dämme zu schwemmen. Es war Wenk klar, daß jene Menschen in den hohen Stellen der vergangenen Zeit, die glaubten, die Seele des Volkes mit Geld zu kaufen, schuld an dem verhängnisvollen Ausgang des Krieges für Deutschland und so auch schuld an der politischen Entwickelung waren.
Sie hatten an Stelle der unvergänglichen, zu aller Entsagung, zu voller Pflichterfüllung gegen die Allgemeinheit bereiten Seele einen Götzen — das Geld gesetzt. Der Tanz um ihn erfaßte das ganze Volk.
Der Krieg hörte auf. Das Geld hatte an Wert verloren und beherrschte doch mehr als jemals das Leben eines Volkes, dem der äußere Erfolg, der äußere Glanz genommen worden war.
Hunderttausende waren durch den Krieg an ein untätiges Leben gewöhnt worden. Dies Leben war durch Jahre nichts anderes gewesen als eine Lotterie um Sein oder Nichtsein. Es hatte sich in nichts anderem betätigt als einesteils im Bewußtsein der Macht über Nebenmenschen und andernteils rein in den Nerven. Hirn wie Gemüt waren verhängt worden.
Sie brachten in die von nun an lebenssicheren Verhältnisse, in die sie aus dem Krieg herauskamen, die immer zum Spiel gespannte Phantasie. Sie waren immer gewohnt und entschlossen, auf eine Karte zu setzen. Sie führten das ehemalige Leben weiter, indem sie die Atmosphäre der Zufälle, der rasch aber hastig und vorübergehend die Nerven betäubenden Zustände aus der Kriegszone in das ganze zum Frieden zurückgekehrte Volk warfen, sein Klima zu ihren Bedürfnissen umschufen.
Das war begreiflich, gewiß! Aber die bestimmt waren, die Geschicke des Volkes über den laufenden Tag hinaus zu leiten, müßten nun mit letzter Selbstverleugnung am Werk sein. Dann wäre eine Genesung zu erhoffen.
Der Spielerprozeß hatte Beispiel über Beispiel gezeigt, wie die Entwickelung sich gemacht hatte.