Selbstredend benutzen, wie alle Papuas und Menschen überhaupt, auch diejenigen von Astrolabe-Bai einige Pflanzen, welche die Natur selbst bietet, als Nahrung. So verschiedene Früchte, Nüsse, ja selbst Knospen und Blätter gewisser Gewächse. Sie spielen indes, wie der in Astrolabe-Bai überhaupt nur spärlich vorkommende Brotfruchtbaum, Boli, eine untergeordnete Rolle.

Um Wiederholungen zu vermeiden, will ich gleich an dieser Stelle zweier Genußmittel gedenken, die mit wenig Ausnahmen über ganz Melanesien verbreitet und eng mit dem Leben des Papua verbunden sind, nämlich: Tabak und Betelnuß! Der erstere ist entweder, wie Hund und Haushuhn, bei der Einwanderung der Papuas mitgebracht worden oder eine einheimische Pflanze, war aber in jedem Falle vor der Ankunft von Weißen den Eingeborenen schon bekannt. Wie Maclay in Konstantinhafen bereits Tabak vorfand, so ging es uns später an Plätzen, die wir zuerst berührten. Die früher von mir von der Südküste mitgebrachten Herbarproben zeigten die Identität der von den Papuas kultivierten Pflanze mit dem gewöhnlichen Bauerntabak (Nicotiana tabacum), mit dem sie in Aussehen wie Blüte durchaus übereinstimmt. In allen von mir besuchten Gebieten an der Nord- und Südostküste Neu-Guineas, fand ich Tabakbau, deren Erträge selbst einem Teil des Tauschhandels der Eingeborenen untereinander bilden. Auch die armen Bergdörfer im Innern von Port Moresby besaßen ihre sorgfältig eingezäunten Gärtchen mit Tabakspflanzen, während an der Küste selbst diese Kultur durch eingeführten Tabak im Verschwinden begriffen oder wie in Port Moresby so gut als verschwunden ist. Hier hat der bekannte Twist, (Niggerhead) oder amerikanische Stangentabak, das gangbarste und unentbehrliche Tauschmittel[19] im Verkehr mit allen Südseestämmen überhaupt, bereits Wert und lebhafte Nachfrage. Die Eingeborenen der Südostküste besitzen auch ein eigenes Rauchgerät, den »Baubau«, auf den wir noch zurückkommen werden, welches die sonst überall beliebte und begehrte Thonpfeife nicht zu verdrängen vermochte. Die Eingeborenen an der ganzen Nordostküste kennen kein Rauchgerät und wiesen aus diesem Grunde auch unsere Thonpfeifen zurück. Sie wickeln aus den unfermentierten, etwas getrockneten Blättern eine rohe Zigarre oder Zigarette, der ein grünes Baumblatt als Decker dient. Diese Zigarren glimmen selbstredend sehr schlecht, und es bedarf immer glühender Kohlen, um sie in Brand zu halten. Aber die Papuas sind keine Raucher in unserem Sinne; ein paar volle Züge genügen, und die Zigarre wandert von Mund zu Mund. Wir konnten uns mit dieser Sitte unserer neuen Freunde in Konstantinhafen natürlich nicht befreunden, die in oft ergötzlicherweise dem einen oder anderen von uns die brennende Zigarre aus dem Munde nahmen, um sich an ein paar Zügen zu erlaben. Wir vertrösteten die Leutchen daher immer auf die Stummel, die bald ein gesuchter Artikel und den Eingeborenen lieber als der harte Stangentabak waren, obwohl sie diesen bereits durch Maclay kannten. Wie in Port Moresby »Kuku lassi?« (keinen Tabak haben?) die stehende Redensart, gleichsam Begrüßungsformel bei Begegnung mit Eingeborenen ist, so hier »kas! kas!« (Tabak, Tabak!). Aber die Leute waren lange nicht so bettelhaft und zudringlich als in dem von Civilisation schon zu sehr übertünchten Port Moresby.

Nächst dem Tabak ist der Genuß des Betel über ganz Melanesien verbreitet und wird von Mann und Frau, alt wie jung, leidenschaftlich geliebt, ja scheint fast unentbehrlich. Betel ist bekanntlich die Frucht der Betelpalme (Areca), der schönsten der hier vorkommenden Palmen, deren gerade Stämme sich auch trefflich als Baumaterial eignen. Die Betelpalme zeitigt traubenförmige Büschel grüner bis gelber Früchte, von der Größe einer kleinen Walnuß oder Mirabelle. Nach Entfernung der äußeren dichten Faserhülle, mittelst eines meißelförmigen Instruments (Dongan) aus Knochen, kommt ein fester Kern zum Vorschein, der in Aussehen und Form einer Muskatnuß ähnelt. Dieser Kern oder Nuß ist es, welcher gegessen wird, aber nicht allein, sondern im Verein mit pulverisierten Kalk (aus gebrannten Korallen gewonnen) und den Blättern oder Blüten einer Pfefferpflanze, in derselben Weise also, wie dies überall geschieht. So verbreitet sich der Betelgenuß bekanntlich weit über Ostindien und die malaiischen Inseln, hier Sirie genannt. Aber es würde voreilig sein auf dieses gemeinsame Genußmittel, die ursprüngliche malaiische Herkunft der Papuas abzuleiten, da kein Grund vorliegt zu bezweifeln, warum die letzteren nicht selbst auf den Betelgenuß gekommen sein sollten. Für Europäer ist Betel übrigens eben kein Genuß! Er schmeckt beißend-säuerlich, zieht das Zahnfleisch zusammen, hinterläßt aber einen erfrischenden Nachgeschmack und erleichtert das Atmen. Irgend eine betäubende Wirkung hat Betel übrigens nicht, dagegen eine färbende, indem er Zunge, Lippen, Speichel und Zähne rot, bei längerem Gebrauch letztere braun bis schwarz färbt. Aus welchen Gründen die Betelnuß überall nur im Verein mit Pfeffer und Kalk gegessen wird, wäre interessant zu erfahren, scheint aber noch nicht wissenschaftlich aufgeklärt. Die gewöhnliche Bezeichnung »Betelkauen« rührt übrigens daher, daß erst nachdem die Nuß mit den Zähnen zerkaut ist, derselben Kalk und Pfeffer zugesetzt wird. Zum Aufbewahren des Kalks benutzt man hier, wie fast überall in Neu-Guinea, flaschenförmige, unten zugerundete Kalebassen (Atlas V. 1), die wir zuerst auf den French-Inseln fanden. Es verdient dies deswegen Beachtung, weil man im Bismarck-Archipel diese Art Kalkbehälter nicht kennt. Die Kalkkalebassen sind übrigens oft kunstvoll verziert, wie die dazu gehörigen sogenannten »Löffel«, welche diese Bezeichnung sehr mit Unrecht tragen. Sie stellen vielmehr einen langen, schmalen Spatel aus Holz oder Knochen dar, an dessen abgeflachter, im Munde befeuchteter Spitze der Kalk hängen bleibt. Das hindert die Eingeborenen natürlich nicht, den Spatel gemeinschaftlich zu benutzen, ja es ist selbstverständlich, fremden Gästen vor allem Betel und die Kalkbüchse als Zeichen der Freundschaft anzubieten. Wenn ich dasselbe hier wie überall höflich zurückwies, so wurde dies übrigens nirgends als eine Beleidigung aufgenommen, und die Leute wunderten sich nur über die Dummheit des Fremdlinges, einen so köstlichen Genuß zu verschmähen. Die Betelpalme ist übrigens in Konstantinhafen sehr selten, und hier wie anderwärts bilden Betelnüsse »Pinang« einen Tauschartikel.

Die Palme selbst gehört hie und da mit zu den Kulturgewächsen, von der man einzelne Exemplare, sorgfältig eingezäunt, in vielen Dörfern findet. Dasselbe gilt bezüglich gewisser Zierpflanzen, von denen hauptsächlich buntblättrige Croton, Draceen und Euphorbiaceen und Hibiscus angepflanzt werden. Die schönen roten Blumen des letzteren werden in das Haar, die bunten Blätter in die Arm-, Hals- und Kniebänder gesteckt und bilden den gewöhnlichen Aufputz der jungen Leute, zumeist der Männer.

Wie der Betel auf Malaiasien hindeutet, so die Kawa auf Ozeanien. Aber in beiden Fällen würde eine etwaige Schlußfolgerung auf die dadurch angedeutete Herkunft der Papuas eine irrige sein. Denn Kawa ist bis jetzt nur in diesem beschränkten Teile von Neu-Guinea beobachtet, also sicherlich nicht aus Ozeanien herübergebracht worden. Die Pflanze aus welcher der »Keu« und zwar in derselben Weise wie in Ozeanien bereitet wird, ist wie Kawa eine Pfefferart und wohl identisch mit Piper methysticum. Auch die Gebräuche und Zeremonien beim Keutrinken, über die Maclay ausführlich berichtet, sind ganz ähnlich wie in Ozeanien. Aber statt junger Mädchen kauen junge Burschen die Zweige, Blätter und Wurzeln der Pflanze; und Keu wird nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten und allein von den Tamos, Männern, getrunken, das widerliche, durch seine Bereitung vollends ekelhafte Getränk, aber nicht Fremden als besondere Auszeichnung kredenzt. In Astrolabe-Bai sahen wir auch den Melonenbaum (Carica papaya), »Papaia«, Zuckermelonen und Kürbisse, beide »Arbus« genannt, an deren Namen man schon den fremden Ursprung erkennen konnte. Auf Befragen hieß es gleich »Maclay«, denn dieser war es, der zuerst Kulturgewächse, (darunter auch Mais, »Kukurus«) einführte, Geschenke, welche übrigens nicht in der Weise, wie der Philanthrop erwartete, von den Eingeborenen gewürdigt wurden. Jedenfalls nützen sie ihnen aber mehr als die Rinder, nach dem russischen »Bika« genannt. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen zu glauben, daß mir die wenigen russischen Wörter, welche ich auf meiner sibirischen Reise gelernt hatte, unter den sogenannten Wilden in Neu-Guinea noch einmal nützlich werden könnten, aber es war doch so! »Gleba« (Chljeb = Brot), »Taporr« (= Beil), »Schirau« (Ssjekrá = Axt), Noscha (Nosh = Messer) lauteten die sich stets wiederholenden Wörter im Sprachschatze der Papuas, welche aber auch zugleich ihre Kenntnis des Russischen erschöpften. Als Leute, die genug zu leben haben, verlangten sie indes kein Brot, ja kosteten dasselbe kaum, sondern nur Eisen, und für alles, auch die geringsten Dinge, wollten sie »Taporr« oder »Schirau« haben. Um »Noscha« gaben sie weniger, und andere Tauschartikel wie Spiegel, Glasperlen, Fingerringe u. dergl. machten eigentlich nur Frauen und jungen Leuten Spaß. Die Naturkinder, obwohl in vieler Hinsicht Kinder, sind meist doch viel praktischer als Kinder, und schon der kleine Papuaknabe wird unbedenklich ein Stück gewöhnliches Bandeisen einer Handvoll Glasperlen vorziehen. Da ich für die Folge noch sehr oft von dem Tauschhandel oder besser Schacher mit den Eingeborenen zu sprechen habe, so will ich gleich hier einige allgemein gültige Bemerkungen vorausschicken. Bunter oder glänzender europäischer Tand, wie man ihn sich bei uns als höchst wirkungsvoll denkt, erregt bei den sogenannten »Wilden« vielleicht Aufmerksamkeit, bildet aber gewiß nur für kurze Zeit Nachfrage. Ihr Sinn richtet sich eben auf Praktisches, und was könnte daher wohl Menschen, die noch tief im Steinalter leben, willkommener sein als Eisen! — Nicht Roheisen u. dergl., da sie keine Idee von schmelzen oder schmieden haben, sondern Eisen in irgend einer passenden Form. So ist z. B. schon ein großer Nagel ein begehrter Gegenstand, aus ihm läßt sich ein brauchbares Gerät herstellen und zwar mittelst Schleifen, das allen Eingeborenen von ihren Stein- und Muscheläxten wohlbekannt ist. Da letztere nun bei allen Stämmen der Steinperiode das wichtigste Gerät bilden, so paßt ihnen zum Ersatze der Steinklinge ein Stück flaches Eisen am besten. Am begehrtesten von allen europäischen Tauschartikeln sind daher ca. sechs Zoll lange, zwei Zoll breite und ca. zwei Linien dicke Stücke sogenannten Flacheisens, in Ermangelung Hobeleisen, ja selbst starkes Bandeisen. Solche Eisenstücke lassen sich ganz in derselben Weise an die knieförmigen Holzstiele ihrer Steinbeile befestigen, wie die selbstgefertigten Steinklingen und werden unbedenklich europäischen Beilen überall da vorgezogen, wo die Eingeborenen zuerst mit Weißen in Verkehr treten. Die Klinge der meisten Steinäxte ist nämlich mit der Schärfe quer zum Stiele befestigt (vergl. Atlas I 3), ganz wie bei den Beiteln der Schiffszimmerleute, und steht nicht in gleicher Flucht mit dem Stiele, wie bei gewöhnlichen Beilen. Aus diesem Grunde verstehen daher die Eingeborenen mit den letzteren nicht umzugehen, und erst wenn sie dies gelernt haben, ziehen sie gewöhnliche Äxte den in ihrer Weise mit einer Eisenklinge montierten vor. Übrigens ist das Steinbeil keineswegs ein so ganz primitives Gerät, wie wir meist annehmen, dafür legen die vielen ebenso gewaltigen als zum Teil kunstvollen Arbeiten der Papuas das beste Zeugnis ab. Ich habe an der Südküste Neu-Guineas in bewundernswert kurzer Zeit Kanus nur mit Steinbeilen anfertigen sehen und fand es noch in der Hand solcher Eingeborenen, welche eiserne Äxte längst kannten und besaßen. So offerierte ich einst einem Häuptlinge in Neu-Irland vergebens eine gute amerikanische Axt für sein mit einer Klinge von Mitramuschel versehenes Beil, mit welchem er gerade an einem Kanu zimmerte. — Die in Port Konstantin erhaltenen Steinbeile (Angam) waren übrigens ziemlich roh und klein (Atlas I, 1, 2, 3), denn die großen, welche meist Gemeindeeigentum sind, brachten sie schlauerweise nicht an den Tag. Wir werden solche übrigens später kennen lernen. — Messer, um dies noch zu erwähnen, sind bei noch wenig berührten Eingeborenen viel minder begehrt und führen sich erst nach und nach ein. Zum Schneiden von Fleisch leistet ein scharfkantiges Stück Bambu treffliche Dienste; im übrigen genügen Muscheln. Letztere, sowie Steinsplitter und scharfe Zähne bilden, außer Steinbeilen und meißelartig zugeschliffenen Steinstücken, den ganzen Reichtum der Papuas an Werkzeugen. Als Raspeln bedient man sich überall der Rochenhaut; sägeartige Instrumente sind unbekannt.

Wie alle Küstenbewohner betreiben auch die von Konstantinhafen Fischfang, sowohl mit Netzen, als Haken und Speeren, scheinen aber in diesem Gewerbe minder bewandert, als dies sonst meist der Fall ist. Dasselbe gilt in Bezug auf Schiffahrt, denn ich bemerkte nur kleine Kanus. Dieselben bestehen, wie fast überall, aus einem ausgehöhlten Baumstamme, mit einem Auslegerbalken, der von zwei dünnen Querbalken getragen wird, wie dies ein Blick auf Taf. VI (Fig. 1) des ethnolog. Atlas am besten zeigt. Zuweilen ist auf den Baumstamm jederseits ein Brett aufgelascht, d. h. festgebunden, was dann an Stern wie Bug ebenfalls ein Querbrett erfordert. Dasselbe ist zuweilen mit Schnitzerei in durchbrochener Arbeit verziert (vergl. Atlas VI, 7), ebenso die Ruder (VI, 8).

Wie die wenigen russischen Wörter bei den Bewohnern von Port Konstantin noch lange fortleben werden, so namentlich auch die Erinnerung an den ersten Weißen, Maclay selbst, dessen Name uns noch auf Dampier-Insel (Karkar) genannt wurde. Es ist nicht so schwer, mit den Eingeborenen umzugehen, als es scheint, wie ich früher und später zur Genüge selbst erfuhr, und es läßt sich mit den gefürchteten »Wilden« überall da gut verkehren, wo nicht bereits die Begegnung mit Weißen unliebsame Erinnerungen zurückließ. Wie die letzteren Haß und Rachsucht, so erzeugt eine gute Behandlung Freundschaft für die Weißen. Das Auftreten des ersten Fremdlings ist daher von nachhaltiger Bedeutung, wie er selbst bei klugem Betragen bald großen Einfluß gewinnt. Und diesen hat Maclay, der »Kaaram-Tamo« (Mann des Mondes), wie er in der Umgebung von Konstantinhafen hieß, ohne Zweifel gehabt. Irgend ein Feuerwerkskörper, ein Blaufeuer oder dergleichen, für die Eingeborenen eine neue und unerklärbare Erscheinung, gab die Veranlassung zu diesem mysteriösen Namen. Das Wesen des Sonderlings selbst trug noch mehr dazu bei, den geheimnisvollen Schleier, der sich nach und nach um seine Person hüllte, immer dichter zu weben. So herrschte bald allgemein der Glaube, Maclay besitze übernatürliche Macht, könne Regen machen, wenn er nur wolle, ja selbst fliegen! Wie mir der Reisende selbst erzählte, kam das so! Maclay pflegte stets unbewaffnet, nur mit einem Stocke zum Abwehren der oft bösartigen Schweine versehen, die Umgegend allein und möglichst ungesehen zu durchstreifen. Hörte er auf den einsamen Pfaden des Urwaldes das Herannahen von Eingeborenen, so suchte er sich zu verbergen und erschien dann oft so unversehens im Kreise der überraschten Dorfbewohner, daß diese nur in einem übernatürlichen Wesen Deutung zu finden vermochten. Alle abwehrenden Versicherungen konnten diesen Glauben nicht erschüttern.

»Einsiedelei-Point«, nicht weit von Konstantinhafen, und ca. eine halbe Stunde von dem nächsten Dorfe Bongu, muß in der That eine rechte Einsiedelei gewesen sein. Hier hatte das Haus gestanden, ein Besitztum, das auf der Landseite durch eine feste Umzäunung, gegen die Wasserfront durch Korallfelsen vor der Zudringlichkeit der Eingeborenen geschützt war. Mit Blattstreifen verzierte Stangen, welche auf den Wipfeln einiger hohen Bäume angebracht waren, hatten uns schon bei der Ankunft auf diesen Platz als etwas Besonderes, aufmerksam gemacht, der sich als die frühere Besitzung Maclays erwies. Vom Hause selbst war natürlich keine Spur mehr zu sehen, aber eine Wildnis von süßen Kartoffeln, einige Bananen und Melonenbäume zeigten die Stelle, deren Umfang die Eingeborenen noch sehr wohl zu bezeichnen wußten und die sie als fremdes Eigentum noch jetzt respektierten.

Es herrschte also volles Verständnis, als auch ich ein Stück Land von den Eingeborenen erwarb, auf dem wir ein Haus oder vielmehr einen Schuppen zum Lagern von Kohlen errichteten. Die Bewohner der drei Dörfer Bongu, Korendu und Gumbu, welche durch Verwandtschaft eng verbunden, auch politisch zusammengehören und dieses Gebiet beherrschen, halfen redlich dabei und sahen es nur ungern, wenn Fremde sich auch mit beteiligen wollten. Der alte Sa-ulo nützte uns übrigens wenig und schien wegen seines Alters obwohl nicht gebrechlich, viel an Einfluß verloren zu haben. Dagegen unterstützten uns Jago und Dam am meisten und schienen die angesehensten Häuptlinge von Bongu zu sein. Es herrschte ein geschäftiges und fröhliches Treiben. Unter den wuchtigen Axthieben unserer Schwarzen fielen Bäume. Weiber und Kinder reinigten den Platz von Unkraut und Steinen, schleppten Riedgras (Tura) und Lianen (Mangau), die sich trefflich zum Festbinden eignen, herbei, während die Männer Stangen fällten und Kokospalmblätter, ein für die hiesige Gegend rares Material, in Kanus heranbrachten. Auch ohne besondere Sprachkenntnis ließ sich, wie dies überall der Fall ist, mit den sehr anstelligen Eingeborenen, die alle Absichten leicht begriffen, trefflich auskommen. Aber man muß sie vor allem gut behandeln, immer ein freundliches Gesicht machen und ihren Gewohnheiten Rechnung tragen. Die Arbeit wird oft unterbrochen; einige müssen rauchen, Betel essen, kochen oder ein bißchen schlafen, wie sie dies bei ihren eigenen Arbeiten gewohnt sind, und daran muß man sich gewöhnen, wenn überhaupt etwas geschehen soll. Denn diese Naturkinder kennen anhaltende Arbeit in unserem Sinne natürlich nicht, und bei allen Papuas und Kanakas überhaupt lodert der erste Eifer mächtig auf, erlischt aber eben so schnell.

Als das »Buam« (Haus) fertig war, schleppten die Eingeborenen einen mächtigen an 20 Fuß langen Bambu herbei, an welchem die deutsche Handelsflagge befestigt, bald lustig an der Spitze eines hohen Baumes im Winde flatterte. Die erste deutsche Station an der Küste von Neu-Guinea war somit begründet und damit zugleich die spätere deutsche Schutzherrschaft, die sich jetzt allein im Kaiser Wilhelms-Land über ein Gebiet von 179250 qkm (= 3255 d. g. qm) oder größer als die Hälfte des Königreichs Preußen erstreckt. Der 17. Oktober 1884 wird also in der Kolonialgeschichte Deutschlands für immer ein denkwürdiger Tag bleiben! Hatten auch die Eingeborenen über die Tragweite dieses Vorganges nicht die entfernteste Ahnung, so begriffen sie doch sehr gut, daß derselbe auch für sie etwas zu bedeuten habe, wie die neue Flagge selbst, deren Farben (kum = schwarz, aubi = weiß, suru = rot) sie wohl zu unterscheiden wußten. Und daß dieser Vorgang auf das engste mit der Wiederkehr der neuen weißen Freunde, wofür schon das Haus gewährleistete, zusammenhing, wußten sie ebenfalls. In jedem Gesichte sprach sich daher Freude darüber aus, und das »kerre-kerre« (sehr gut) wollte kein Ende nehmen. War doch nach dem praktischem Urteil der Leute das Erscheinen der Weißen identisch mit viel »Taporr«, »Schirau«, »Nosche«, sowie anderen nützlichen und begehrten Dingen, und das konnte ja nur mit Freuden begrüßt werden. Der Besitz eiserner Werkzeuge hat notwendigerweise größeren Reichtum und somit Überlegenheit zur Folge, und deshalb ist jeder Stamm so sehr bemüht, diese Vorteile für sich allein zu erlangen. Unsere neuen Verbündeten huldigten dieser bekannten Eingeborenen-Maxime und warnten uns, wie dies stets der Fall ist, vor ihren Nachbarn, die von Bilibili, Bogadschi und anderen Küstenplätzen in Kanus herbeikamen, um uns zu sehen und zu schachern. Als besonders schlecht (borle-borle) wurden die Bewohner weiter im Inneren bezeichnet. Kein Bongumann wollte z. B. mit nach dem Dorfe Eglam mana gehen, obwohl sonst gegenseitiger Verkehr stattfindet und das Dorf wenig mehr als eine deutsche Meile entfernt liegt. Aber die schlauen Küstenleute waren nur darauf bedacht, den Absatz der erhaltenen Tauschwaren für sich nach dorthin zu sichern.