Freund Sa-ul hatte uns am Eingang des Dorfes begrüßt und geleitete uns mit den übrigen Männern nach der Barla (vergl. Abbild. [S. 46]), einem großen, auf vier Pfählen ruhenden Gerüst, ähnlich einem großen Tisch, das in keinem dieser Dörfer, ja fast vor keinem Hause, fehlt. Die Barla bildet den beliebten Ruhe- und zugleich Eßplatz der Männer, die hier, unbehelligt von den zudringlichen Schweinen, ihre Mahlzeiten und darauf ihr Schläfchen halten. Frauen dürfen die Barla nicht benutzen, sondern höchstens unter derselben hocken. Wie die meisten Papuadörfer, besitzt Bongu auch ein Versammlungshaus, hier Buambrambra genannt, das als Schlafstätte für die unverheirateten Männer, wie als Empfangshaus fremder Gäste dient. Dieses Gebäude, in der Form der gewöhnlichen Häuser, aber viel größer und an beiden Giebelseiten offen, schien erst seit kurzem fertig geworden zu sein. Außer einigen Unterkiefern von Schweinen, zur Erinnerung an Festlichkeiten, und einigen Eierschalen (von Megapodien), enthielt es keinerlei Ausputz, aber einige Barum waren hier untergebracht. So heißen die großen Holztrommeln (vergl. Atl. XIII 1.), welche dickwandigen Trögen ähneln und, mit einem dicken Knüppel geschlagen, als Signalinstrumente dienen. Ihr dumpfer Ton ist, namentlich in der Stille der Nacht weit, oft mehrere Meilen (engl.), hörbar und teilt alle Begebenheiten den Nachbardörfern mit, die an der Art der Schläge sogleich erkennen, ob es sich um einen Angriff, einen Todesfall oder eine Festlichkeit handelt. Die Samoa hat später gar oft das Barum in Thätigkeit gesetzt, wie unsere Ankunft ebenso durch Rauchsäulen, in der Nacht durch Feuer signalisiert wurde.

Telum Mul.

An dem soeben erwähnten Buambrambra war übrigens keinerlei Verzierung in Holzschnitzerei angebracht, aber ich entdeckte bei meinem Durchstöbern der Hütten zufällig ein hervorragendes Werk des Kunstfleißes in Holzbildnerei, einen sogenannten Telum oder Tselum. So heißen hier besondere, meist aus Holz gefertigte Figuren, die in der Regel einen Menschen darstellen. Ich sah in Bongu übrigens auch kleine, aus einer erdigen aber festen Masse geschnitzte Telum. Das erwähnte Holzbildnis verdiente schon wegen seiner Größe Bewunderung, denn es war an 8 Fuß hoch und aus einem Stück Holz geschnitzt, soweit sich dieser Ausdruck für die Steinzeit anwenden läßt, die ja keine Messer, also auch nicht eigentliches Schnitzen kennt. Diese Kolossalfigur, von der die Abbildung ([S. 49]) eine getreue Vorstellung giebt, wurde »Telum Mul« genannt. Sie repräsentierte einen Papua, dessen Kopf allein über die Hälfte der ganzen Länge einnahm, aber trotz den groben Fehlern in den Proportionen doch ein Kunstwerk ersten Ranges und eine Leistung, welche dem Alter der Steinzeit zur höchsten Ehre gereicht. Man staunt, unter voller Berücksichtigung der primitiven Werkzeuge, nicht nur über den Fleiß und die Ausdauer, sondern fast noch mehr über den idealen Zug im Geiste des Papua, welcher selbst vor einer solchen Riesenarbeit nicht zurückschreckte. Denn ohne Zweifel waren es geistige Interessen, welche die sonst so lässigen Menschen zur Verkörperung einer Idee begeisterte, die keinen praktischen Hintergrund hat. Missionäre, welche in den unschuldigsten bildlichen Darstellungen meist Zeichen des Heidentums erblicken, würden eine solche wie hier jedenfalls als einen besonders schrecklichen Götzen deuten, dessen Vernichtung als Gott wohlgefällig betrachten. Aber ohne Zweifel haben die Telums nichts mit Religion, wohl aber mit Geschichte der Papuas zu thun, da sie ähnlich wie unsere Denkmäler berühmte Personen, Ahnen, darstellen und somit nur für die Wissenschaft von höchster Bedeutung sind. Wer es verstünde die Geschichte dieser Telums zu ergründen, von denen es in den Dörfern von Astrolabe-Bai eine ganze Menge giebt, die alle durch Eigennamen unterschieden werden, würde möglicherweise Aufschluß über die Herkunft des Volkes oder Stammes geben können. Aber wahrscheinlich ist die Geschichte vieler Telums bei der jetzt lebenden Bevölkerung bereits verloren gegangen, denn manche scheinen sehr alt zu sein. Auch der Telum-Mul hatte wahrscheinlich schon Generationen gesehen und nur dem festen, den weißen Ameisen widerstehenden Holze seine Erhaltung zu danken. Die gegenwärtige Generation sorgte übrigens schlecht für ihn, denn er war in einer fast verfallenen Hütte untergebracht, in welcher sich nur noch wenig altes Gerümpel befand, darunter ein paar alte Blechgefäße und Fäßchen, die noch von Maclay herrührten. Unter dem Gerümpel befand sich übrigens noch ein sehr interessanter, an 12 Fuß langer Balken mit kunstvollem Schnitzwerk, der am Boden lag und so mit Schmutz und Staub bedeckt war, daß ich ihn in dem ohnehin dunklen Räume erst nach geraumer Zeit entdeckte. Jedenfalls diente der Telum nicht als »Götze« der öffentlichen Verehrung, und der Umstand, daß die Bevölkerung ihn so sehr vernachlässigte, deutete das geringe Interesse überhaupt an. Meine Bemühungen, diesen Schatz für das Berliner Museum zu erstehen, scheiterten an der Uneinigkeit der Männer. Denn ohne Zweifel war der Telum Mul Gemeindeeigentum nicht nur von Bongu, sondern die Männer von Korendu und Gumbu hatten ebenfalls mitzubeschließen.

Wir werden für die Folge mehr solcher wunderbaren Erzeugnisse des Kunstfleißes der Papua kennen lernen, die meist auf Ahnen zurückzuführen sind und höchstens mit einem gewissen »Tabu«, aber nichts mit Religion zu thun haben. Dies gilt auch in Bezug auf die Beschneidung, welche bei der Bevölkerung von Astrolabe-Bai herrscht und selbstredend keinerlei Beziehungen zum Rituale des Judentums hat, da sich diese Sitte ja auch anderwärts bei Naturvölkern findet.

Die Bewohner von Bongu, wie Astrolabe-Bai überhaupt, lebten übrigens bei unserem Dortsein noch völlig im Alter der Steinzeit, denn das von Maclay zuerst hierhergebrachte Eisen hatte in keiner Weise Veränderungen hervorgerufen. Im ganzen war auch blutwenig von Gerätschaften zu sehen, welche der russische Reisende hier zurückließ. Einige alte Stemm- und Hobeleisen, Blechgefäße, russische Uniformknöpfe sowie wenig Glasperlen blieb alles, was wir bemerkten, obwohl uns die Eingeborenen auf jedes Stück mit dem Ausruf »Maclay« aufmerksam machten.

Papuaschweine.