Die Zofe der Nordeni war Pariserin. Ihre Vergangenheit war einfach. Als kleine „Grisette“ hatte sie tagsüber die großen Hutschachteln von Reboux ausgetragen und am Abend die lärmenden Vergnügungen der Künstlerkolonie von Montmartre geteilt. Ihre Sprache hatte sich an den feingespitzten Dialogen der Kunstjünger geformt. Sie schrieb Kärtchen, die stilistisch einer Gräfin Beausac zur Ehre gereicht hätten, wenn auch in der Rechtschreibung einer Wäscherin.
Munter lächelnd packte sie mit ihren zugespitzten feinen Händen die kostbaren Roben ihrer Gebieterin ein und aus, hütete den mit Similisteinen untermischten Schmuck, badete, salbte, strählte die überreifen Reize der Nordeni und wußte bestimmt, daß sie selbst einst noch weit kostbarere Kleider, noch weit strahlenderen Schmuck ihr eigen nennen würde.
Diese Gewißheit aber behielt sie für sich. War bescheiden, aufmerksam und lieh ihrer Herrin außer dem Geschick ihrer Hände auch die belustigenden Wendungen ihres Geistes und einen sicheren, nie versagenden Geschmack.
Eines Tages fragte Karla, ob Mariette ihr während der langen Fahrten im Pullmann-Car französischen Unterricht geben wollte?
Madame Nordeni gestattete es gnädigst. Sie war überhaupt so liebenswürdig, wie es ihr Bewußtsein, der „Star“ der Gesellschaft zu sein, nur immer zuließ. Ihre anfängliche Bängnis, Karla könnte ihr als ernste Konkurrentin an die Seite gesetzt werden, verlor sich nach dem Konzert bei Astrongs völlig. So beschloß sie, in Karla nicht mehr zu sehen als eine junge „Aushilfe“, die dann zu singen hatte, wenn sie selbst müde war, nicht disponiert oder aber John Russel ärgern wollte. Zu Altmann war sie freundlich.
Altmann, an die unverwickelte Psychologie seiner deutschen Provinzkolleginnen gewöhnt, war der überlegenen Art der Nordeni nicht gewachsen.
Bald zeigte er sich beflissen höflich, ja zuvorkommend, bald schroff und abweisend. Sie schien das erstere nicht zu bemerken, das zweite mit sanftem Lächeln zu übergehen. Sie sagte gern: „Was macht unsere Kleine?“ und erteilte Karla öfters gute Ratschläge — durch ihren Mann.
Es kam vor, daß Altmann sagte: „Du, Kind, die Nordeni behauptet ...“
Karla hielt sich die Ohren zu.