„Ich bringe den Brief selbst in die Redaktion. Morgen früh muß der Brief in der Zeitung stehen.“

Adele war damals ihrer Schwester um den Hals gefallen. Und sie beide waren aus dem Zimmer gerannt, als könnte Alwin Maurer ihnen noch im letzten Augenblick den Brief aus den Händen reißen.

Aber er dachte nicht daran.

Wie erschlagen lag er im Sessel. Und nur seine Augen wanderten voll Ekel von einem gediegenen Möbelstück zum andern. Altem Plüsch und morschem Holz hatte er seine Überzeugung geopfert — der Speisekammer seiner Frau und dem Autoritätenglauben seiner Schwägerin. Er riß die Schreibtischlade auf und zerfetzte die Seiten des nächsten Artikels, den er bereits begonnen hatte. Zerfetzte den Traum, den ein paar Glas Wein ihm eingegeben und den zu verwirklichen er vielleicht das Talent gehabt hätte. Und er weinte.

Weinte bitterlich, wie ein kleiner Junge weint, dem die Hand eines Großen sein Schaukelpferd zertrümmert.

Die Zeitung brachte den Widerruf, mit einigen spöttischen Worten verbrämt. Der Schuldirektor klopfte ihm auf die Schulter:

„War das einzig Vernünftige, lieber Doktor!“

Die Klasse aber mußte wegen groben Unfugs während seines Unterrichts zwei Stunden nachsitzen.

Adele kochte ihm eine Woche lang seine Lieblingsgerichte, und Luise Altmann brachte ihm eine Kiste mit fünfundzwanzig Zigarren, das Stück zu fünfzehn Pfennig.

Das Leben in der Culmstraße ging weiter, sättigend und behaglich. Luise „verbesserte“ sich. Sie kam als Erzieherin in ein reiches Haus, hatte gutes Gehalt und unterstützte nach wie vor den Haushalt der Schwester.