„Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.“

Nun hatte sie doch wohl Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden verliess sie mich.

Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich fühlte eine grosse Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben; aber sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. Ich fühlte etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu grosse Unterlegenheit, an die zu denken kaum der Mühe wert ist.

Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, wo man nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir sassen Leute, die bei meinem Kommen noch nicht dagewesen waren: zwei Herren in korrekter schwarzer Abendkleidung; einer hatte einen fast weissen Bart mit ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger Mensch mit frischem, sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen sass eine blasse Frau von etwa fünfunddreissig Jahren. Sie hatte dunkles Haar, das geradlinig in regelmässigen Löckchen die Stirn abschloss, ein mageres Gesicht von keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen Augen. Eine ausserordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu langen schmalen Mund schmückten sehr weisse, auffallend kleine Zähne — ein Gesicht, von dem man meinen könnte, es sei einmal schön gewesen; denn irgend etwas fehlt und das schreibt man den Jahren zu; wahrscheinlich aber fehlte es immer. Die Hände waren gross, doch schlank und mit mehreren Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine selbstverständliche anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, wie man es bei Nachbarn im Theater oder an der Table d’hôte gern hat, die durch nichts stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch fühlte ich einen Zwang, mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte zu bemerken, dass mich die Dame gleichfalls beobachtete. „Vielleicht ist es die Unbekannte,“ dachte ich gleichgültig, aber dieser Gedanke kam mir natürlich bei sehr vielen Frauen. Ich bestellte Kaffee und benutzte die Gelegenheit, während der Kellner abdeckte, meinen Platz zu wechseln, so dass ich die Fremden vor Augen hatte. Ich bemerkte, wie die Dame unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer zu dem alten Herrn sprach. Dieser beglich die Rechnung, die drei verliessen das Restaurant.

Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. „Die Komödie ist aus,“ lautete der eine in der gewohnten Schrift, „ich fühle mich erkannt, lassen wir die Masken fallen.“ Der andere trug ähnliche, doch natürlichere, offenbar unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung zum Ball bei einer mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen Orgien schien diese Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt zu setzen oder vielleicht wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, meine phantastische Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken. Helena war in die Immaterialität zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, war ich im Augenblick doch zu verwöhnt. Bald verliess ich H. Ich habe die Dame nie wieder gesehen.

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Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, dass nun etwas fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne dass ich tot war. Die anderen schienen ähnliches zu empfinden.

„Eine neue Geschichte,“ rief jemand, „diese Leere ist ja unerträglich!“

Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der menschlichen Stimme. Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die Einbildungskraft wachte und verlangte — selbst unfruchtbar —, dass ein anderer, Stärkerer, Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle.

Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts