„Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,“ bemerkte ich aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig.
„Wir werden ja sehen,“ begütigte er.
Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war Nacht, aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval sein. Bunte Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. Überall herrschte ausgelassenes trunkenes Geschrei.
„Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,“ sagte Saint-Germain. „Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich werden wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.“
Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum halten.
„Warum haben Sie denn das getan?“ fragte ich verständnislos.
„Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche kleine weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines Lebens. Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche Ahasver? Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte mit den Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die Sünde durch die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das — glaube ich — Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten sich in der Tat ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen. Nun, Sie können sich denken, was das für Szenen gab. Aber ich will Sie nicht mit Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute etwas Ähnliches in Wirklichkeit sehen.“
„Halten Sie nur Wort!“ erwiderte ich etwas ungläubig.
„Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem Fest bei dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland — so viel ich weiss — Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen selbst nicht, wo sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass geben wird; verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte, als Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte Jahrhundert nicht sehr.“
Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an. Wir trieben uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter den Arkaden umher und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais im Marais tragen. Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die Träger weit entfernt waren, schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren Ende sich ein sehr armseliges Holzpförtchen befand. Der Graf schlug an die Tür. Ein scheussliches altes Weib öffnete. Wir standen in einem feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte Saint-Germain durch einige schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er stehen blieb, seinen Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er strich sich das gepuderte Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in einem Handspiegel sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch zusammenzufalten und wieder aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel. Ich wurde vor Ungeduld ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir traten in einen gelb und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren, kerzenlichtüberströmten Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und Kavaliere. Eine breite Treppe führte nach einer an die Decke stossenden Flügeltür hinauf; alle schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis nach Lustigkeit wich einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die mich umwogten, vor den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen Blumengerüchen. Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich trat ein Auvergnat aus der Tür.