„Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles und mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?“
„Das nicht, aber . . .“
„Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach Italien ein.“
Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.
* *
*
Als ich wieder erwachte, — ich glaubte länger geschlafen zu haben, als vorher mein ganzes Leben gedauert hatte — stand eine Schale mit Früchten vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte Abscheu vor meinem eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Früchte würden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle fieberhafter Gelüste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand.
„Wissen Sie nun, wo Sie sind?“ fragte lächelnd Alta-Carrara, der mir gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag.
In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem Befinden und gaben mir Ratschläge.
„Sie waren dabei,“ dachte ich, „als ich mein Leben zwecklos in künstlichen Sensationen vergeudete.“ Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefühle in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte einen bitteren Geschmack, wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glühende Einbildungskraft und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegründet hatte.
Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte die kühle Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war, als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die Notwendigkeit eines neuen Lebens — ohne den verhassten Rausch, der noch in mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste ich erdulden, sie unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schämte mich fast. Und doch freute ich mich über die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer Seele wie der meinigen.