„Die armen Marchesinen“, sagte eine Alte . . . „und früher welch’ ein glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte . . .“ „Sie waren liederlich,“ sagte eine dicke Bäckersfrau, „keiner wollte mehr mit ihnen zu tun haben . . .“ „Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,“ meinte ein junger Mann, „sie war tugendhaft.“ Dann gingen viele Stimmen durcheinander: „. . . Schwindsucht, langsames Hinsterben . . . die arme einsame Dolcisa . . . noch so jung . . . aber sie hat den alten Oheim . . . sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu pflegen . . .“
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Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch ich altes geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hörte, wie langsam morsche, jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos wuchs. Überall lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hörte durch die Zeit hindurch die Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten die Jahrhunderte in trüben Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des Todes berührt und war zum Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, als trüge ich selbst mit die Schuld, dass die Welt sterben sollte. Ach, ich hatte meine Tage schlecht benutzt. Es hätte anders werden können, wenn ich gewollt. Wie freute ich mich über die Züchtigung, die mir ward. Die Leiden, auf die ich gewartet, begannen. Mir war, als stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt etwas klirrend zusammen, was mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als ich hinblickte, nur aus wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit vergoldeten Spiegeln, vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch Gucklöcher die Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst fatal, dass so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst, denn ich war früher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben.
„Weiter . . . weiter . . .“ rief ich, „mehr von dieser bittersüssen Weisheit.“ Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann. Er hatte einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte Katze streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der sich aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte:
Die Sünde wider den Heiligen Geist
IN Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden. Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen würden — eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsünden wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. Hier erschlägt einer im Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klägliche Wissenschaft den Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst sich und wie die Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen mögen. Nur einen Frevel gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine Sonderstellung anweist, dass sie erklärt, er könne nie vergeben werden; die Priester behaupten sogar, Gott lasse ihn kaum zu: die Sünde wider den heiligen Geist. Die jungen Leute, von denen ich erzählen wollte, konnten sich daher gar nichts Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, als das Geschehen dieser unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie überhaupt möglich sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen träte, ob der Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete.
Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man ihn beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der Wille, das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen Frevel begehen wollen, muss wissen, wen er beleidigt und was er damit wagt, also den Glauben haben, er muss durch die Kraft seines Willens, seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. Seine Schmähungen dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen Hundes abprallen. Ausser von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der schönste der Engel war und sich jetzt in beständiger Empörung gegen den Heiligen Geist befindet, kann die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet.
Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich eine Anzahl Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich, dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war, als der Mangel an Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fühlten, so waren ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast ganz unbekannt.
Schliesslich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die Tochter einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes keine peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen ähnlichen Weg wie sie gehen würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so übergab sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster der Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den anderen Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig von den Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der Substitution gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten und Kasteiungen war es ihr nämlich — durch Vermittlung der heiligen Teresa — gelungen, dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten, sich ihr zu substituieren: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust und der Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen hatten. Während diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen Strömungen erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflüsse der Hölle von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden. Die Folge davon war, dass die Mutter — zu ihrer eigenen Verwunderung — auf einmal imstande war, die Versprechungen zu halten, die sie immer wieder im Beichtstuhl machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu führen und dankte dem Himmel, der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst die Gnade hatte kommen lassen.
Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter erscheinen als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott, sondern auch die Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt. Die Kraft zu der grossen Sünde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne Berauschung dazu bringen könnte, würde sie auch das Bewusstsein haben. Es handelte sich also darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den Willen, den Heiligen Geist zu lästern.