„Was du verlangst, meine Tochter,“ sagte er ruhig, „ist möglich. Wenn du dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, so nimmt er es an.“

„Ich will,“ erwiderte sie tonlos; und Fray Tomàs de Leon fiel vor ihr auf die Knie und küsste den Boden.

„Gebenedeite unter den Weibern,“ rief er aus. „Tochter Gottes, Schwester des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin hielt, da du freiwillig den Schein der grössten Missetat auf dich nahmst; aber zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des Herrn, weil er irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir niederfällt, nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir, wenn ich dich nicht erkannt.“

In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört.

„Steh auf,“ rief sie zitternd, „was verlangst du von mir? Willst du mich versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem erwecken?“

Fray Tomàs stand auf:

„Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung zu enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt[*]. Jesus Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer reichte sein rettender Arm, doch seine Göttlichkeit stand still vor den Pforten der Verdammnis; unerlöst blieben die Kinder der Hölle; denn dorthin führt nur die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn nicht begehen kann. In den spätesten Zeiten aber — so heisst es — soll ein Weib geboren werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten. Ihrem sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen. Aus freier Wahl wird sie die grösste Sünde begehen, um die Fesseln derer zu lösen, die an die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte Vollendung der Güte des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und gen Himmel fahren; sprengen muss sie die Dreieinigkeit, die nunmehr erfüllt ist, und sie wird thronen zu Häupten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.“

Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie.

„Steh auf, steh auf,“ rief Teresa, „ich darf dir nicht glauben — ich zittere, eine Erwählte zu sein — eine andere wird kommen; nur sage mir — ich beschwöre dich — was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis zu schützen?“

Der Priester erhob sich.