„Ich verstehe dich nicht.“
„Glaubst du, dass Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick, wo du deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner nächsten Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten gewohnt bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen? Das Laster der Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren nur Fingerzeige für dein hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille so klar. Mit einem Trank will ich deine Mutter an dem verfänglichen Abend in Schlaf versenken. Du aber wirst, angetan mit dem Schmuck, den die reichsten Jünglinge der Stadt zusammentragen, den Tanz vollführen. Du wirst die Sünden der Verdammnis tanzen: den Hochmut, die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die du demütig, nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen, das Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hölle vor dir öffnen und du alle Verdammten — unter ihnen aber deine Mutter — zum Himmel führest.“
Teresa wand sich verzweifelt am Boden, während den Priester das Vorgefühl dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte.
„So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die grösste, die je begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern den Arm nach dir streckt, um dich zur Königin der Hölle zu erheben, wird er im eigenen Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch deinen menschlichen Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht haben, sich des Betrugs zu bedienen, dessen Verkörperung Satan ist; so wird — als letztes Mysterium! — der Teufel durch sich selbst vernichtet, der Betrüger betrogen, die Sünde ist für immer tot. Das aber wird das Werk der heiligen Teresa Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, die sie aufwärts tragen, werden singen:
„Gloria patri et filiae!“
Fray Tomàs bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können.
In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit vor dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt. Ihr lautes Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen, indem die Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und zwei zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart:
„Gloria patri et filiae.“
Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der Erleuchtung und heisse Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat mit einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar hervor. Er war silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein.
„Steh auf, Gebenedeite!“ rief er ihr zu, „lass den niedrigsten der Diener deinen Leib zum Opfer schmücken!“