„Und die zwanzig Francs . . . wie? . . . Hast du mir nicht versprochen? . . . du Schmutzkerl . . . glaubst du vielleicht, dass mir deine Nase so gut gefallen hat . . .?“
Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte: „Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wusste ja nicht . . .“
Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder.
Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.
Ich trat vor den grossen Spiegel über dem Kamin; das ganze Zimmer spiegelte sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, ich betastete meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst. Aber ihr sinnlicher Schein war fort.
„Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen,“ rief ich aus, „das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich nun herumschleppen!“
Plötzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel noch aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen sein mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass ich mich nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke. Ich kannte ja niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von Saint-Germain ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt an allem schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. Vom Fenster aus pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren. Ich eilte die Treppe hinunter.
Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre.
Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müsste, ging ich nach einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne schien durch das kahle Gehölz. Ich weiss nicht, wie lange ich träumend da gesessen habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam beruhigt. Es war ja erklärlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch eingelassen hatte. Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem Gedanken, meine Wohnung wieder betreten zu müssen. Es war dort etwas, womit ich durchaus nichts mehr zu tun haben wollte. In dieser Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse gekommen. Wo sollte ich nun hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus Europa in irgendeine Farm auf jungfräulichem Boden. Dann fand ich es merkwürdig, dass ich — gerade ich — so etwas empfand. Fast war mir, als wäre das alles gar kein Rausch gewesen; die körperlose Geliebte, die kein Weib ist, sondern der Vorwand unserer Träume — das Bachanal der wütendsten Selbstvernichtung — die Umarmung des Todes — das lüsterne Betasten und Belauern des Heiligen — hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo hatte ich ähnliches selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es? Ich fühlte, dass ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war mir gewiss: Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich schon dem Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen Gesundheit beginnen?