„Jeder von uns hat Himmel und Hölle in sich, Basil“, rief Dorian mit einer wilden, verzweifelten Gebärde.

Hallward wandte sich wieder dem Bilde zu und starrte es an. „Mein Gott! Es ist wahr,“ rief er aus, „und das hast du aus deinem Leben gemacht und danach also mußt du noch schlechter sein, als die es ahnen, die gegen dich sprechen.“ Er hielt das Licht wieder dicht an die Leinwand und musterte sie scharf. Die Oberfläche schien ganz unzerstört und so, wie sie aus seiner Hand gekommen war. Von innen also war die Fäulnis und das Entsetzliche hervorgedrungen. Durch einen sonderbaren inneren Zeugungsvorgang fraß der Aussatz der Sünde langsam das ganze Bildnis hinweg. Die Verwesung eines Leichnams in einem feuchten Grabe konnte nicht so grauenvoll sein.

Seine Hand zitterte und die Kerze fiel aus dem Leuchter auf den Boden und lag rauchend da. Er trat mit dem Fuß darauf und erstickte sie. Dann warf er sich selbst in den wackligen Stuhl vor dem Tische und vergrub das Gesicht in seinen Händen.

„Großer Gott, Dorian, was für eine Lehre! Was für eine furchtbare Lehre!“ Es kam keine Antwort, aber er konnte den jungen Mann am Fenster schluchzen hören. „Bete, Dorian, bete“, sagte er leise. „Was war es doch, was man uns in der Kindheit hersagen gelehrt hat? ‚Führe uns nicht in Versuchung! Vergib uns unsere Sünden! Nimm unsere Missetat von uns!‛ Wir wollen das zusammen aufsagen. Das Gebet deines Stolzes ist erhört werden. Das Gebet deiner Reue wird auch erhört werden. Ich habe dich zu sehr geliebt. Ich bin dafür bestraft worden. Du hast dich selbst zu sehr geliebt. Wir haben beide unsere Strafe.“

Dorian Gray wandte sich langsam um und sah ihn mit tränenschimmernden Augen an. „Es ist zu spät, Basil“, flüsterte er.

„Es ist nie zu spät, Dorian. Wir wollen niederknien und versuchen, ob wir uns nicht an ein Gebet erinnern können. Steht nicht irgendwo ein Vers: ‚Und wären deine Sünden wie Scharlach, ich will sie weiß machen wie Schnee?‛“

„Solche Worte haben für mich keinen Sinn mehr.“

„Still! Sage nicht so etwas. Du hast genug Böses getan im Leben. Mein Gott! Siehst du nicht, wie uns das fürchterliche Ding anstiert?“

Dorian Gray blickte nach dem Bild, und plötzlich überkam ihn ein unbezwingliches Haßgefühl auf Basil Hallward, als sei er ihm von dem Bildnis auf der Leinwand eingeflößt, von diesen grinsenden Lippen in sein Ohr gewispert worden. Die wilde Zornwut eines gehetzten Tieres kochte in ihm, und er haßte den Mann, der da an dem Tisch saß, mehr als er in seinem ganzen Leben irgend etwas gehaßt hatte. Er spähte wild um sich. Auf der Platte der bemalten Truhe, die ihm gegenüberstand, glitzerte etwas. Sein Blick fiel darauf. Er erkannte, was es war. Ein Messer war's, das er vor einigen Tagen mit hinaufgenommen hatte, um ein Stück Schnur zu durchschneiden, und das er wieder mit herunterzunehmen vergessen hatte. Er ging langsam darauf zu und mußte dabei an Hallward vorüber. Sobald er hinter ihm stand, ergriff er das Messer und drehte sich um. Hallward rührte sich in seinem Stuhl, als wollte er soeben aufstehen. Er stürzte sich auf ihn und bohrte ihm das Messer tief in die Schlagader hinter dem Ohr, preßte den Kopf des Mannes auf den Tisch herunter und stieß immer und immer wieder zu.