„Achtzehn Jahre“, sagte der Mann. „Warum fragst du? Was machen die Jahre?“

„Achtzehn Jahre!“ lachte Dorian mit einem triumphierenden Ton in seiner Stimme. „Achtzehn Jahre! Bringen Sie mich unter die Laterne und sehen Sie mein Gesicht an!“

James Vane zögerte einen Augenblick und begriff nicht, was er meinte. Dann packte er Dorian Gray und schleifte ihn aus dem Torweg heraus.

So dunkel und flackernd das windverwehte Licht auch war, es genügte doch, ihm den furchtbaren Irrtum zu zeigen, in den er geraten zu sein schien. Denn das Antlitz des Mannes, den er töten wollte, wies die ganze Blütenweichheit der Jugend auf, zeigte all die unbefleckte Reinheit der Jugend. Er schien kaum älter als ein Jüngling von zwanzig Lenzen, kaum älter, als seine Schwester gewesen war, als sie vor so vielen Jahren Abschied voneinander genommen hatten. Es war klar, daß dies nicht der Mann war, der ihr Leben zerstört hatte.

Er ließ seine Faust von ihm los und taumelte zurück. „Mein Gott, mein Gott!“ rief er aus, „und ich hätte Sie fast ermordet!“

Dorian Gray schöpfte tief Atem. „Sie waren dicht daran, ein furchtbares Verbrechen zu begehen, Mann“, sagte er mit einem strengen Blick. „Lassen Sie sich das eine Warnung sein, eine Rache nicht mit eigener Hand zu übernehmen.“

„Verzeihen Sie mir, Herr!“ stammelte James Vane. „Ich habe mich täuschen lassen. Ein zufälliges Wort, das ich in der verfluchten Kneipe hörte, brachte mich auf die falsche Spur.“

„Sie sollten lieber nach Hause gehen und Ihre Pistole wegtun, sonst kommen Sie noch in Ungelegenheiten“, sagte Dorian, drehte sich um und ging langsam die Straße hinunter.

James Vane stand voller Entsetzen auf dem Pflaster. Er zitterte von Kopf bis Fuß. Nach einer kleinen Weile bewegte sich ein schwarzer Schatten, der längs der regenfeuchten Wand hingeschlichen war, ins Licht hinaus und glitt mit verstohlenen Schritten an seine Seite. Er spürte eine Hand auf seinem Arm und drehte sich mit jähem Ruck um. Es war eines der Weiber, die am Büfett getrunken hatten.

„Warum hast du ihn nicht umgebracht?“ zischte sie und brachte ihr verlebtes Gesicht ganz dicht an das seine. „Ich wußte, daß du ihm folgtest, als du aus Dalys Haus fortranntest. Du Narr! Du hättest ihn totschlagen sollen. Er hat einen Haufen Geld und ist schlechter als sonst wer.“