„Ich sollte meinen, daß sie inzwischen davon genug bekommen hätten“, sagte Dorian, während er sich etwas Wein einschenkte und leicht die Stirn runzelte.

„Mein lieber Junge, sie reden ja erst seit sechs Wochen davon, und das englische Publikum ist wirklich nicht der geistigen Anstrengung gewachsen, alle drei Monate mehr als ein Gesprächsthema zu haben. Immerhin haben sie in der letzten Zeit Glück gehabt. Sie hatten meinen eigenen Ehescheidungsprozeß und Alan Campbells Selbstmord. Jetzt haben sie das geheimnisvolle Verschwinden eines Künstlers. In Scotland Yard bleibt man hartnäckig dabei, daß der Mann im grauen Ulster, der in der Nacht des neunten November mit dem Zwölfuhrzug nach Paris fuhr, der arme Basil war, und die französische Polizei erklärt, Basil wäre überhaupt nie in Paris eingetroffen. Vermutlich wird man uns etwa in vierzehn Tagen auftischen, daß er in San Francisco gesehen worden ist. Es ist eine schwierige Geschichte, aber von jedem Menschen, der verschwindet, heißt es, daß er in San Francisco gesehen worden ist. Das muß eine entzückende Stadt sein, die alle Reize der zukünftigen Welt ihr Eigen nennt.“

„Was glaubst du, daß Basil zugestoßen sei?“ fragte Dorian, hielt seinen Burgunder gegen das Licht und wunderte sich, daß er über diese Sache so ruhig plaudern konnte.

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Wenn sich Basil ein Vergnügen daraus macht, Versteck zu spielen, so ist das nicht meine Sache. Wenn er tot ist, will ich nicht weiter an ihn denken. Der Tod ist das einzige, was mir Angst macht. Ich hasse ihn.“

„Warum?“ fragte der jüngere müde.

„Weil,“ sagte Lord Henry und führte die vergoldete Netzöffnung eines Riechbüchschens zur Nase, „weil man heutzutage alles überleben kann, ausgenommen den Tod. Tod und Philisterei sind die zwei einzigen Tatsachen des neunzehnten Jahrhunderts, die man nicht wegerklären kann. Wir wollen den Kaffee im Musikzimmer trinken, Dorian. Du mußt mir Chopin vorspielen. Der Mann, mit dem meine Frau durchbrannte, spielte Chopin hinreißend. Die arme Viktoria! Ich habe sie recht gern gehabt. Das Haus ist ohne sie recht einsam. Natürlich ist das Eheleben nur eine Gewohnheit, eine schlechte Gewohnheit. Aber schließlich bedauert man den Verlust selbst seiner schlechtesten Gewohnheiten. Vielleicht bedauert man die gerade am meisten. Sie sind ein so wesentlicher Teil unserer Persönlichkeit.“

Dorian sagte nichts, sondern stand vom Tisch auf, ging in das Nebenzimmer, setzte sich an das Klavier und ließ seine Finger über das weiße und schwarze Elfenbein der Tasten gleiten. Als der Kaffee gebracht wurde, hörte er auf, sah zu Lord Henry hinüber und sagte: „Harry, ist es dir nie eingefallen, daß Basil ermordet worden sein könnte?“

Lord Henry gähnte. „Basil war sehr populär und trug immer nur eine Waterburyuhr. Warum hätte man ihn ermorden sollen? Er war nicht klug genug, um Feinde zu haben. Freilich hatte er ein wunderbares Genie als Maler. Aber ein Mensch kann malen wie Velasquez und doch so langweilig als möglich sein. In Wirklichkeit war Basil ziemlich langweilig. Er interessierte mich nur ein einziges Mal, und das war damals, als er mir vor vielen Jahren gestand, daß er dich so ungestüm anbete und daß du das Leitmotiv seiner Kunst seist.“

„Ich habe Basil sehr gern gehabt“, sagte Dorian mit einem traurigen Klang in seiner Stimme. „Aber behauptet denn das Publikum nicht, daß er ermordet worden ist?“