Endlich hörte er draußen einen Schritt und die Tür öffnete sich. „Wie spät du kommst, Harry!“ sagte er leisen Vorwurfs.
„Zu meinem Bedauern ist es nicht Harry, Herr Gray“, antwortete eine schrille Stimme.
Er sah sich rasch um und sprang auf die Füße.
„Ich bitte um Entschuldigung, ich glaubte —“
„Sie glaubten, es sei mein Mann. Es ist nur seine Frau. Ich muß mich schon selbst vorstellen. Ich kenne Sie aus Ihren Photographien ganz gut. Ich glaube, mein Mann hat ihrer siebzehn.“
„Nicht siebzehn, Lady Henry.“
„Schön, also achtzehn. Und dann habe ich Sie gestern abend mit ihm in der Oper gesehen.“ Während sie sprach, lachte sie nervös und beobachtete ihn mit ihren verschwommenen Vergißmeinnichtaugen. Sie war eine absonderliche Frau, deren Kleider immer so aussahen, als wären sie in einem Wutanfall gezeichnet und während eines Gewitters angezogen worden. Sie war gewöhnlich in irgend jemand verliebt, und da ihre Leidenschaft nie erwidert wurde, hatte sie sich alle ihre Illusionen bewahrt. Sie machte den Versuch, malerisch zu erscheinen, aber es gelang ihr nur, unordentlich auszusehen. Sie hieß Viktoria und hatte eine krankhafte Leidenschaft, in die Kirche zu laufen.
„Das war im Lohengrin, Lady Henry, nicht wahr?“
„Ja, es war bei dem entzückenden Lohengrin. Ich liebe Wagners Musik mehr als die irgendeines anderen. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß die Nachbarn hören, was man sagt. Das ist ein dankenswerter Vorteil. Meinen Sie nicht auch, Herr Gray?“
Über ihre dünnen Lippen kam wieder das nervöse Stakkatolachen, und ihre Finger begannen mit einem langen Papiermesser aus Schildkrot zu spielen.