„Schön, wann sollen wir also hingehen?“

„Laß mich mal nachdenken. Heute ist Dienstag. Wollen wir morgen festsetzen? Morgen spielt sie die Julia.“

„Abgemacht! Morgen um acht im Bristol. Ich werde Basil mitbringen.“

„Bitte, nicht um acht Uhr, Harry. Halbsieben. Wir müssen dort sein, ehe der Vorhang aufgeht. Du mußt sie im ersten Akt bei der Begegnung mit Romeo sehen.“

„Halbsieben Uhr! Was für eine Tageszeit! Das wäre ja gerade so, wie ein Abendbrot am Nachmittag essen oder einen englischen Roman lesen. Vor sieben Uhr geht's nicht. Kein Gentleman speist vor sieben. Siehst du Basil bis dahin? Oder soll ich ihm schreiben?“

„Der liebe Basil! Ich habe mich eine ganze Woche lang nicht um ihn gekümmert. Das ist sehr häßlich von mir, denn er hat mir mein Porträt in einem prachtvollen Rahmen, den er selbst entworfen hat, geschickt, und obwohl ich ein bißchen eifersüchtig auf das Bild bin, weil es einen ganzen Monat jünger ist als ich, muß ich doch zugeben, daß es mich ganz entzückt. Ich bitte, schreib lieber. Ich möchte ihn nicht allein wiedersehen. Er sagt mir Dinge, die mich verstimmen. Er gibt mir gute Lehren.“

Lord Henry lächelte. „Die Menschen haben eine starke Vorliebe, das wegzuschenken, was sie selber am nötigsten hätten. Ich nenne das den Chimborasso Freigebigkeit.“

„Oh, Basil ist der beste Mensch, aber er scheint mir doch ein klein bißchen Philister zu sein. Seit ich dich kenne, Harry, hab' ich das entdeckt.“

„Basil, mein lieber Junge, tränkt seine Werke mit allem, was an ihm entzückend ist. Die Folge ist, daß ihm fürs Leben nichts übrigbleibt als seine Vorurteile, seine Grundsätze und sein gesunder Menschenverstand. Alle Künstler, die ich kennengelernt habe, und die persönlich von Anziehungskraft sind, waren schlechte Künstler. Gute Künstler leben nur in ihren Schöpfungen und sind daher im Leben vollständig uninteressant. Ein großer Dichter, ein wirklich großer Dichter ist das unpoetischste Geschöpf von der Welt. Aber untergeordnete Dichter bezaubern immer. Je schlechter ihre Reime sind, desto malerischer ist ihr Aussehen. Die bloße Tatsache, eine Sammlung mittelmäßiger Sonette veröffentlicht zu haben, macht solchen Menschen einfach unwiderstehlich. Er lebt die Poesie, die er nicht schreiben kann. Die anderen schreiben die Poesie, die sie nicht zu leben wagen.“